Dank der Rührigkeit des mich begleitenden Teniente von Catárman war in aller Frühe ein Boot herbeigeschafft worden, so dass wir um 7 Uhr die Reise fortsetzen konnten. Die Ufer blieben 20 bis 40 Fuss hoch. Ausgenommen das Schreien einiger Nashornvögel, die auf den höchsten Bäumen von Ast zu Ast flatterten, nahmen wir keinen Laut, keine Spur von Thierleben wahr. Um 11½ Uhr gelangten wir an eine kleine Visita, Taibágo, um 1 Uhr 35 Minuten an eine ähnliche, Magubáy, und nach zweistündiger Mittagsrast, um 5 Uhr an eine Stromschnelle, die wir geschickt, fast ohne Wasser zu schöpfen, hinabglitten. Der bisher im Mittel 30 Fuss breite, wegen vieler hineingestürzter Baumstämme schwierig zu befahrende Fluss wird hier doppelt so breit. Gegen 11 Uhr Nachts erreichten wir das Meer und ruderten bei völliger Windstille 1 Legua weit die Küste entlang nach Calbáyot, dessen Convento eine herrliche Aussicht auf die davorliegenden Inseln gewährt.

Boot mit Ausriggern von Bambus.

Der obere Rand besteht nur aus einem losen Geflecht von Palmenblättern, durch Bambusstreifen zusammengehalten.

Ein Gewittersturm zwang uns, die Fahrt nach der 7 Leguas entfernten Hauptstadt Catbalógan (oder Catbalónga) auf den Nachmittag zu verschieben. Wir fuhren in einem langen, aus einem Baumstamme gezimmerten, mit Ausriggern versehenen Boote am Strande hin, an welchem sich eine Reihe niedriger bewaldeter Hügel mit vielen kleinen Visitas hinzieht, und umschifften mit einbrechender Dunkelheit die Spitze Napalísan, einen Felsen aus trachytischem Konglomerat, der durch senkrechte Klüfte mit abgerundeten Kanten in eine Reihe thurmartiger Vorsprünge gegliedert, 60 Fuss hoch wie eine Ritterburg aus dem Meere hervorragt. Nachts erreichten wir Catbalógan, die Hauptstadt der Insel (6000 E.) in der Mitte des Westrandes gelegen, in einer kleinen von Eilanden und Landzungen malerisch umgebenen Bucht, schwer zugänglich und dennoch wenig geschützt. — Nicht Ein Fahrzeug ankerte im Hafen.

Die Häuser, darunter viele von Brettern, sind zierlicher als in Camarínes, die Leute zwar träge, aber bescheidener, ehrlicher, gutmüthiger und von reineren Sitten als die Bewohner Süd-Luzon’s. Durch die gefällige Verwendung des Guvernörs erhielt ich schnell eine geräumige Wohnung und einen Diener, der Spanisch verstand. Auch traf ich hier einen sehr intelligenten Indier, der sich grosse Fertigkeit in den verschiedensten Handwerken angeeignet hatte. Mit dem einfachsten Werkzeug besserte er manches an meinen Instrumenten und Apparaten, deren Zweck er schnell begriff, zur vollständigen Zufriedenheit aus und gab viele Proben bedeutender geistiger Fähigkeit.

In Samar sind Flattermakis oder Lemure, Káguang der Bisayer, Galeopithecus, nicht selten. Die Thiere, von der Grösse einer Hauskatze, gehören zu den Vierhändern, sind aber, ähnlich wie die fliegenden Eichhörnchen, mit einer am Halse entspringenden, über Vorder-, Hinterglieder und Schwanz reichenden Flatterhaut versehn, vermittelst welcher sie von einem Baum zum andern in einem sehr stumpfen Winkel gleiten können.[7] Körper und Flatterhaut sind mit einem sehr zarten kurzen Pelz bekleidet, der dem Chinchilla an Feinheit und Weiche wohl kaum nachsteht, und deshalb sehr gesucht ist. Während meiner Anwesenheit trafen zum Geschenk für den Pfarrer sechs lebende Káguangs ein (drei hellgraue, ein dunkelbrauner, zwei graubraune, alle mit kleinen weissen unregelmässig vertheilten Flecken), von denen ich ein Weibchen mit ihrem Jungen erhielt.

Es schien ein harmloses ungeschicktes Thier. Als es von seinen Fesseln befreit war, blieb es am Boden liegen, alle vier Glieder von sich gestreckt, die Erde mit dem Bauch berührend und hüpfte dann in kurzen schwerfälligen Sprüngen, ohne sich dabei emporzurichten, nach der nächsten Wand, die aus gehobelten Brettern bestand. Dort angekommen tastete es lange mit den einwärts gebogenen scharfen Krallen seiner Vorderhände umher, bis ihm endlich die Unmöglichkeit an jener Stelle emporzuklettern klar geworden. Gelang es ihm in einer Ecke oder mit Benutzung einer gelegentlichen Spalte, einige Fuss aufwärts zu klimmen, so fiel es alsbald wieder herab, weil es die verhältnissmässig sichere Stellung seiner Hinterglieder aufgab, bevor die Krallen der vorderen festen Halt gefunden hatten; es nahm aber keinen Schaden, da die Jähheit des Falles durch die schnell ausgespannte Flughaut gebrochen wurde. Diese mit unerschütterlicher Beharrlichkeit fortgesetzten Versuche zeigten einen auffallenden Mangel an Urtheil, das Thier muthete sich viel mehr zu, als es ausführen konnte; daher blieben seine Bemühungen erfolglos, stets aber fiel es ohne sich zu verletzen, Dank dem Fallschirm, womit die Natur es ausgestattet hatte. Wäre der Káguang nicht gewöhnt sich so ganz und gar auf diese bequeme Vorrichtung zu verlassen, so hätte er wohl seinen Verstand mehr gebrauchen, seine Kräfte richtiger beurtheilen gelernt. Das Thier hatte seine fruchtlosen Versuche so oft wiederholt, dass ich es nicht weiter beachtete, — nach einiger Zeit war es verschwunden. Ich fand es in einem dunklen Winkel unter dem Dache wieder, wo es wahrscheinlich die Nacht erwarten wollte, um seine Flucht fortzusetzen. Offenbar war es ihm gelungen den oberen Rand der Bretterwand zu erreichen und zwischen dieser und der festaufliegenden elastischen Decke aus Bambusgeflecht seinen Körper durchzuzwängen. Das arme Geschöpf, das ich voreilig für dumm und ungeschickt gehalten, hatte unter den gegebenen Umständen die grösstmögliche Geschicklichkeit, Klugheit und Beharrlichkeit gezeigt.

Ein zum Besuch anwesender Padre aus Calbígan versprach mir so viele Wunder in seinem Gebiet, — eine Fülle der seltsamsten Thiere, höchst unzivilisirte Cimarronen, — dass ich ihn am folgenden Tage auf seiner Heimreise begleitete. Eine Stunde nach der Abfahrt erreichten wir die kleine Insel Majáva, die aus steil aufgerichteten Schichten eines festen, feinkörnigen vulkanischen Tuffes mit kleinen glänzenden Hornblendekrystallen besteht. Die Insel Buat (Coello’s Karte) wird von unsern Schiffern Tubígan genannt. In 3 Stunden gelangen wir nach Umáuas, einem Filial von Calbígan. Es liegt 50 Fuss über dem Meer in einer Bucht, vor welcher sich, wie so oft an dieser Küste, eine Reihe kleiner malerischer Inseln hinzieht, 4 Leguas genau S. von Catbalógan. Calbígan aber, das wir gegen Abend erreichten, liegt von Reisfeldern umgeben 2 Leguas NNO. von Umáuas, 40 Fuss hoch über dem gleichnamigen Fluss, fast anderthalb Leguas von dessen Mündung. An den Ufern des Calbígan ist ein Baum mit schön violblauen Blüthenrispen besonders häufig, er liefert das geschätzteste Bauholz der Philippinen, das dem Teak gleichgeachtet und wie dieses zu den Verbenaceen gehört. Sein inländischer Name ist Molave. (Vitex geniculata Blanco.)[8]