Alguacil. Gobernadorcillo.

Nach der Zeichnung eines Tagalen.

Der zur Leitung der Wahlen für die Gemeindeämter erwartete Guvernör sandte, durch Krankheit verhindert, einen Stellvertreter. Da die Wahlen alljährlich im ganzen Lande nach derselben Vorschrift vollzogen werden, so mag diese, der ich beiwohnte, als Beispiel beschrieben werden: Sie findet im Gemeindehaus statt; am Tisch sitzt der Guvernör (oder sein Vertreter), ihm zur Rechten der Pfarrer, links der Schreiber, der zugleich Dolmetscher ist. Sämmtliche Cabezas de Barangay, der Gobernadorcíllo und die es früher gewesen, haben auf Bänken Platz genommen. Es werden zuerst durch das Loos je 6 von den Cabézas, und von den Gobernadorcillo’s zu Wählern ernannt; der fungirende Gobernadorcíllo ist der dreizehnte, die Uebrigen verlassen den Saal. Nachdem der Vorsitzende die Statuten verlesen und die Wähler zur gewissenhaften Erfüllung ihrer Pflicht ermahnt, treten diese einzeln an den Tisch und schreiben drei Namen auf einen Zettel. Wer die meisten Stimmen hat, wird, wenn weder Pfarrer noch Wähler begründeten Einspruch erheben, sofort zum Gobernadorcíllo für das kommende Jahr ernannt, vorbehaltlich der Bestätigung der Oberbehörde in Manila, die wohl immer erfolgt, denn schon der Einfluss des Cura würde eine missliebige Wahl verhindern. Auf dieselbe Weise findet die Wahl der übrigen Beamten statt, nachdem zuvor der neue Gobernadorcillo in den Saal gerufen, damit er etwaige triftige Einwendungen gegen seine aus der Wahl hervorgehende künftige Beamten machen könne. Die ganze Handlung ging mit grosser Ruhe und Würde vor sich.[4]

Am folgenden Morgen fuhr ich in Gesellschaft des gefälligen Pfarrers, dem sich fast alle Knaben des Dorfes anschlossen, in einem grossen Boot nach Samar über. Von elf kräftigen Gepäckträgern, die der Vertreter des Guvernörs für mich ausgewählt hatte, bemächtigten sich vier einiger Kleinigkeiten und eilten damit voraus, drei andere verbargen sich im Gebüsch, vier waren schon in Láuang davongelaufen. Das Gepäck wurde auseinandergenommen, unter die zurückgeholten vier Träger und die zum Vergnügen mitgegangenen kleinen Jungen vertheilt. Wir folgten dem Seestrand in westlicher Richtung und erreichten sehr verspätet die nächsten Visitas, wo es dem Cura nach vieler Mühe gelang, die fehlenden Träger zu ersetzen. Westlich von der Mündung des Pambújan springt eine Landzunge in’s Meer, ein Lieblingsaufenthalt der Seeräuber, da sie dort im Walde verborgen, den Strand übersehen können, der sich zu beiden Seiten in weiten Bogen ausdehnt und die einzige Strasse zwischen Láuang und Catárman bildet. Schon viele Menschen sind hier geraubt worden und nur mit genauer Noth war der mich bis hierher begleitende Pater vor einigen Wochen dieser Gefahr entgangen.

Der letzte Theil der Tagereise verlief sehr munter. Ein vorausgesandter Bote hatte an allen Flussmündungen Kähne stellen lassen; da man in diesem Gebiet kaum andre Europäer kennt, als Geistliche, so wurde ich in der Dunkelheit für einen Kapuziner im Reiseanzug gehalten, die Männer leuchteten mir mit Fackeln bei der Ueberfahrt, die Frauen drängten sich heran um mir die Hand zu küssen. Ich übernachtete unterwegs und gelangte am folgenden Tage nach Catárman (Caladman auf Coellos Karte), einem reinlichen, geräumigen Ort von 6358 Seelen, an der Mündung des gleichnamigen Flusses. Sechs Pontins aus Catbalógan lagen dort um Reis für Albáy zu laden. Die Bewohner der Nordküste sind zu schlechte Seefahrer, um ihre Produkte selbst auszuführen; sie überlassen es den Leuten aus Catbalógan, die, weil es ihnen an Reisfeldern mangelt, gezwungen sind, ihre Thätigkeit auf anderen Gebieten zu entfalten.

Früher mündete der Fluss von Catárman weiter östlich und war sehr verschlämmt. Im Jahre 1851 bahnte er sich in dem lockeren, aus Quarzsand und Muscheltrümmern bestehenden Boden nach anhaltendem, heftigen Regen einen neuen, kürzeren Ausgang zum Meer, den jetzigen Hafen, in welchem Schiffe von 200 Tonnen unmittelbar am Lande laden können, zerstörte aber dabei den grössten Theil des Dorfes, auch die steinerne Kirche und Priesterwohnung. In dem neuen Convento sind zwei Säle, der eine von 16,2×8,8, der andre von 9×7,6 Schritt Inhalt, mit Brettern aus einem einzigen Ast eines Dipterocarpus (guiso) gedielt. Den Schritt = 30 Zoll, die Dicke der Bretter mit Inbegriff der Abfälle zu einem Zoll angenommen, entspricht dies einem festen Holzblock, so hoch wie ein Tisch (2½’), ebenso breit und 18′ lang, etwa 110 Cubikfuss.[5] Die Häuser sind von Gärten umgeben, zum Theil auch nur von Einzäunungen, in denen Unkraut wuchert. Bei dem Neubau des Dorfes nach der grossen Wasserfluth wurde die Anlage von Gärten befohlen; es fehlt aber oft der Fleiss, sie zu erhalten. Südlich vom Dorf dehnen sich Weideplätze aus, mit feinem kurzem Grase bewachsen, doch ist mit Ausnahme einiger dem Cura gehörenden Rinder und Schafe, kein Vieh vorhanden.

Immer noch ohne Diener, fuhr ich mit meinem Gepäck in zwei kleinen Kähnen den Fluss hinauf, an dessen beiden Seiten sich Reisfelder und Kokoshaine ausbreiten, die aber, durch einen dichten Saum von Nipapalmen und hohem Rohr verborgen, nur durch gelegentliche Lücken sichtbar sind. Die zuerst flachen, sandigen Ufer werden allmälig steiler, bald zeigt sich anstehendes Gestein, feste Bänke von sandigem Thon, mit seltenen Spuren undeutlicher Versteinerungen. Eine kleine Muschel[6] hat an der Wassergrenze so zahlreiche Löcher in die Thonbänke gebohrt, dass diese wie Honigwaben aussehn. Um 12 kochten wir unsern Reis in einer einzeln stehenden Hütte bei freundlichen Leuten. Die Frauen, die wir in zerlumpten, schwarzen Guináragewändern überraschten, zogen sich beschämt zurück und erschienen bald darauf in sauberen bunten Sayas, messingenen Ohrringen und Schildkrötenkämmen. Als ich ein kleines nacktes Mädchen zeichnete, nöthigte die Mutter sie ein Hemd anzuziehn. Um 2 bestiegen wir die Boote wieder, ruderten die ganze Nacht und erreichten um 9 Vormittags eine kleine Visita, Cobocóbo. Nach Abzug der zweistündigen Mittagsrast hatten die Leute 24 Stunden ununterbrochen gearbeitet und waren guter Dinge, wenn auch etwas müde.

Um 2½ Uhr traten wir den Landweg über die Salta Sangley (Chinesensprung) nach Tragbúcan an, welches in gerader Richtung etwa eine Meile entfernt, an der Stelle liegt, wo der an der Westküste bei Punta Hibáton mündende Calbáyot für Nachen schiffbar wird. Mittelst dieser beiden Flüsse und des kurzen aber beschwerlichen Landwegs besteht eine Verbindung zwischen den bedeutenden Ortschaften Catárman an der Nordküste und Calbáyot an der Westküste. Der Landweg, im besten Falle ein schmaler, von der Sonne nicht beschienener Pfad im dichten Walde, oft nur eine Richtung, führt über schlüpfrige Thonrücken, verschwindet in den Schlammpfützen der dazwischen liegenden Niederungen und läuft zuweilen im Bett der Bäche hin. Die Wasserscheide zwischen dem Catárman und Calbáyot wird von der genannten Salta Sangley, einem flachen, aus Thon- und Sandsteinbänken bestehenden, nach beiden Seiten treppenförmig absteigenden Rücken gebildet, von der das oben angesammelte Wasser in kleinen Kaskaden herabfällt. An den schwierigsten Stellen sind rohe Bambusleitern angebracht. Ich zählte 15 Bäche auf der NO. Seite, die den Catárman speisen und etwa ebenso viele Zuflüsse des Calbáyot auf der SW. Seite. Um 5 Uhr 40 Minuten erreichten wir den höchsten Punkt der Salta Sangley (etwa 90′ Meereshöhe). Um 6 Uhr 30 Minuten einen Fluss, den oberen Lauf des Calbáyot, in dessen Bett wir wanderten, bis die zunehmende Tiefe uns zwang, im Dunkeln unsern Weg mühsam durch das Unterholz an seinem Rande zu bahnen; um 8 Uhr befanden wir uns der Visita Tragbúcan gegenüber.

Der Fluss war hier bereits 6 Fuss tief, ein Nachen nicht vorhanden. Nach langem Rufen, Bitten und Drohen entschlossen sich die durch einen Revolverschuss aus dem Schlafe geschreckten Leute ein Bambusfloss zu bauen, auf dem sie uns und unser Gepäck übersetzten. Das nur aus wenigen ärmlichen Hütten bestehende Oertchen liegt hübsch, von bewaldeten Hügeln umgeben, auf einer Sandplatte 50 Fuss über dem schilfbesäumten Fluss.