(Hierzu Taf. I–III.)

Herr Jagor hatte die grosse Güte, mir die von ihm auf den Philippinen gesammelten und von dort mitgebrachten Schädel zur Bearbeitung zu überlassen. Ich legte die erste Reihe derselben in der Sitzung der Berliner anthropologischen Gesellschaft am 15. Januar 1870 vor und bemerkte darüber Folgendes:

»Als Herr Jagor mir die Mittheilung machte, dass er eine grössere Anzahl von Schädeln von den Philippinen mitgebracht habe, welche er meiner Untersuchung unterbreiten wolle, machte ich mich alsbald daran, um wenigstens Einiges über ihre anatomische Beschaffenheit seinem Vortrage hinzufügen zu können. Der erste Blick zeigte, dass eine der seltensten künstlichen Verunstaltungen des Schädels, welche überhaupt bekannt ist, in ausgezeichneten Exemplaren hier vorliegt, und dass diese Schädel ein ganz besonderes Interesse in Anspruch nehmen. Ein Theil von ihnen hat wesentlich dieselbe Form, welche sich im nordwestlichen Nordamerika findet, und unter dem Namen des Flachkopfes (Flathead) bekannt ist. Namentlich einer der von Herrn Jagor mitgebrachten Schädel aus der Höhle von Lanang ist ein Flachkopf von musterhafter Ausbildung; er ist von oben und vorn her flachgedrückt, wie ein Kuchen, und von den weit nach hinten geschobenen Seitenbeinhöckern (Tubera parietalia) läuft das fast ganz abgeplattete Hinterhaupt in einer Ebene schräg nach unten gegen das grosse Hinterhauptsloch ([Taf. I]. fig. 3–4). Einige der anderen Schädel verhalten sich ähnlich, wenngleich ihre Verunstaltung keinen so hohen Grad erreicht hat.

Taf. I.

Dass auf den Inseln Asiens ähnliche Gebräuche geherrscht haben, wie in Amerika, ist allerdings, wie sich bei genauerer Nachforschung gezeigt hat, von einzelnen Schriftstellern berichtet, indess ist die Thatsache doch so verborgen geblieben, namentlich ist sie so wenig durch authentische Funde belegt worden, dass davon auch in den Werken der Specialschriftsteller kaum die Rede ist. Nur Thévenot, dessen Werk[45] am Ende des 16. Jahrhunderts erschienen ist, lässt einen Geistlichen in einer Beschreibung der Philippinen berichten, dass die Eingebornen auf einigen dieser Inseln die Gewohnheit hätten, den Kopf ihrer neugebornen Kinder zwischen zwei Bretter zu legen und so zusammenzupressen, dass er nicht mehr rund bliebe, sondern sich in die Länge ausdehne. Er fügt hinzu, dass sie auch die Stirn abplatteten, indem sie glaubten, dass diese Form ein besonderer Zug von Schönheit sei. Eine genauere Betrachtung der vorliegenden Schädel ergiebt in der That deutlich die doppelte Compression, welche einerseits schräg von hinten und unten her, andererseits von vorn und oben her auf den Schädel ausgeübt ist, und man braucht sich diese beiden Druckflächen nur verlängert zu denken, so bekommt man die nach vorn zusammengehende Stellung der Druckbretter, welche noch heute bei gewissen wilden Stämmen der nordamerikanischen Westküste im Gebrauch ist.

Die Sache hat gegenwärtig eine ganz besondere Bedeutung, weil die Zahl der Fundstellen solcher verunstalteter Schädel im Laufe der letzten Jahre immer grösser geworden ist, und zwar auch in Europa. Was insbesondere Deutschland anbetrifft, so sind am meisten bekannt die in der Nähe von Wien gefundenen difformen Schädel, über welche lange und gelehrte Streitigkeiten stattgefunden haben, indem die eine Partei meinte, es handele sich um Awarenschädel, möglicher Weise um direkte Ueberreste der alten Hunnen, während auf der anderen Seite sogar die Frage auftauchte, ob nicht bei der grossen Aehnlichkeit, welche diese Schädel mit gewissen Peruaner-Schädeln zeigen, anzunehmen sei, dass durch die Beziehungen der alten Habsburger zu Peru Schädel von da nach Deutschland gekommen und hier verloren gegangen sein könnten.

Diese letzte Frage, die immerhin discussionsfähig war, hat ihren Boden gänzlich verloren, seitdem in den letzten Zeiten ähnliche Funde auch an anderen Orten Europas gemacht worden sind. Nachdem schon Blumenbach in seiner berühmten Schrift De generis humani varietate nativa, 1776, p. 63 eines derartigen Schädels aus einem Göttinger Grabe gedacht hat, ist neulich von Hrn. Ecker in Freiburg im ersten Bande des Archives für Anthropologie S. 75 ein solcher Fund aus Rheinhessen genauer beschrieben worden. Der Schädel wurde gefunden in der Nähe von Niederolm, zwischen Mainz und Alzey, innerhalb einer grösseren Gräberreihe, welche dort aufgedeckt worden ist. Diese Beschreibung hat Hrn. Barnard Davis Veranlassung gegeben, auf einen schon früher von ihm in seinen Crania britannica bezeichneten Schädel aufmerksam zu machen (Archiv f. Anthropologie II. S. 17), welcher auf einem seiner Meinung nach angelsächsischen Kirchhofe zu Harnham bei Salisbury, Wiltshire, aufgefunden worden ist.

Es wird daher wohl kaum noch zweifelhaft sein können, dass in der That auch in Europa einheimische Stämme ähnliche Gebräuche gehabt haben, und wenn wir nun auf der anderen Seite das Gebiet dieser Difformitäten sich weit über die bisher gekannten Grenzen auf die Inseln Ostasiens ausdehnen sehen, — bisher war Tahiti der von Osten her am meisten vorspringende Punkt, von welchem derartige Schädel bekannt waren, — wenn wir sehen, dass dasselbe Verfahren auf den Philippinen geübt worden ist, so wird man sich wohl darein finden müssen, anzunehmen, dass durch eine gewisse Uebereinstimmung des menschlichen Geistes, wie sie uns auch sonst oft genug überrascht, derartige Gebräuche sich an den verschiedensten Orten festgestellt haben, ohne dass man daraus Folgerungen auf einen direkten Zusammenhang der Völker ziehen darf, und ohne dass man, was meiner Meinung nach das Wichtigste ist, von dem Vorkommen gewisser Schädel-Difformitäten berechtigt ist auf die Abstammung der Völkerschaften und auf prähistorische Wanderung derselben zurückzuschliessen. Ich betone dies namentlich gegenüber den Ausführungen des Herrn Gosse (Mém. de la soc. d’anthrop. de Paris. 1861 T. II. p. 567), welcher aus gewissen übereinstimmenden Verunstaltungen der Schädelform darthun will, dass von Florida eine alte Bevölkerung in Mexiko eingewandert sei und sich später bis nach Peru ausgebreitet habe.

Von besonderem Interesse sind die sehr ähnlichen Schädel, welche in der Krim gefunden worden sind, und die Herr v. Baer zum Gegenstande einer besonderen Abhandlung[46] gemacht hat. Es ist dies eine klassische Gegend, denn schon Hippokrates hat uns Nachrichten von einer Völkerschaft an der östlichen Ecke des schwarzen Meeres hinterlassen, welche er Makrocephalen nennt, die sich nach seiner Aussage durch die Gestalt ihres Schädels vor allen anderen Völkern auszeichnete. Durch Anlegung von Binden und Maschinen zwangen sie, wie er sagt, schon den Kopf des neugebornen Kindes, in die Länge zu wachsen, und zwar deshalb, weil sie die Länge des Kopfes für ein Zeichen des Adels hielten. Nach Hippokrates haben verschiedene andere Schriftsteller über diese Völkerschaft berichtet.