Ueberall, von wo wir seitdem Nachrichten über die Entstehung dieser Difformität erhalten haben, kommen sie darin überein, dass die neugebornen Kinder entweder auf ein Brett gelegt werden und ihnen dann durch Binden der Kopf gegen dasselbe angezogen wird, oder dass ihr Kopf zwischen zwei Bretter gezwängt und dadurch ein Druck auf zwei Punkte desselben ausgeübt wird, oder endlich, dass an bestimmte Stellen des Kopfes Compressen angelegt und darüber Binden in allerlei Zirkeltouren um den Kopf herumgeführt werden, so dass durch die Compresse eine Abplattung, durch die Binden circuläre Eindrücke hervorgebracht werden.

Die ersten ikonographischen Mittheilungen über diese Verhältnisse hat der berühmte amerikanische Reisende Catlin veröffentlicht; bei ihm finden wir auch Abbildungen der Compressionsmaschine. In seiner Beschreibung der Chinook’s an der Westküste Nordamerikas zeichnet er auf der einen Tafel eine flachköpfige Dame, welche ihr neugebornes Kind im Druckapparate hält, auf der nächstfolgenden Tafel ein kleines kahnartiges Werkzeug, in welchem das Kind eingewickelt liegt, und welches so eingerichtet ist, dass es auf den Rücken gehängt werden kann, um so die Wanderungen mitzumachen, welche diese wenig sesshaften Völkerschaften unternehmen.

Dass ähnliche, wenn auch nicht so complicirte, aber doch nicht minder wirksame Operationen noch gegenwärtig in Europa vorgenommen werden, ist namentlich durch verschiedene Beobachtungen in südfranzösischen Departements festgestellt worden. Man kennt 3–4 solche Gegenden, wo noch gegenwärtig durch Druckeinwirkungen der Kopf der Neugebornen verunstaltet wird. Da nun auch in verschiedenen Gegenden Deutschland’s ähnliche Schädel gefunden worden sind, so erlaube ich mir ganz besonders die Aufmerksamkeit auf diesen Punkt zu lenken, da es wünschenswerth wäre, darauf Acht zu geben, ob etwa Rückstände dieser Gebräuche auch in der norddeutschen Bevölkerung anzutreffen sind, worauf eine Notiz bei Blumenbach (De generis humani varietate nativa, p. 60) speciell für Hamburg hindeutet.

Nachdem wir die Analogie der difformen Schädel von den Philippinen mit denen der Chinooks und verschiedener anderer flachköpfiger Bevölkerung constatirt haben, so fragt es sich: Was mag der Volksstamm, welchem diese Schädel angehörten, für eine primäre Gestaltung des Schädels besessen haben? wie würden diese Schädel ausgesehen haben, wenn sie nicht künstlich missgestaltet worden wären?

In dieser Beziehung bemerke ich, dass Herr Gosse, ein Genfer Arzt, der eine sehr verdienstvolle Abhandlung über die künstliche Verunstaltung des Schädels[47] geschrieben hat, die schon von Hippokrates aufgestellte Meinung wiederholt hat, es könne sich allmählich eine erbliche Fortpflanzung dieser Form einstellen, und es bedürfe in der Folge der Generationen nicht mehr einer ausgiebigen Einwirkung, um sie zu erzeugen; sie erhalte sich von selbst auf dem Wege der Heredität. Dagegen sprechen alle sonstigen Erfahrungen: bei Catlin sind Chinook-Indianer abgebildet aus der neueren Zeit, wo diese Bräuche nicht mehr herrschen, deren Schädel sich nicht difform zeigt; ja, unter den östlicheren Stämmen Amerika’s giebt es einzelne, wie die Choctaws, die ursprünglich mitten in dem jetzt cultivirten Nordamerika gewohnt haben, unter denen früher ähnliche Sitten herrschten, und in deren Gräbern man noch abgeflachte Schädel gefunden hat, bei denen jedoch jetzt jede Spur dieser Schädelform geschwunden ist, nachdem sie die Compression aufgegeben haben. Dazu kommt, dass in manchen Stämmen die Verunstaltung ein Vorzug der männlichen und zwar der adeligen männlichen Bevölkerung war und dass ausser den Sklaven auch die Frauen davon ausgeschlossen waren, — ein Umstand, welcher der Vererbungstheorie keineswegs günstig ist. Man darf daher nirgends annehmen, dass sich diese Difformität von selber fortgepflanzt hat, und es wird überall, wo man sie antrifft, die Frage aufgeworfen werden müssen: giebt es Schädel, aus welchen man die ursprüngliche Form erkennen kann?

Für die Erörterung dieser Frage an den Philippinen-Schädeln ist ein Umstand von besonderem Nutzen. Ausser dem Eingangs erwähnten Muster-Schädel gehören noch 4 andere demselben Fundorte an. Sie sind sämmtlich in der Höhle bei Lanang unter Verhältnissen gefunden, welche ein grosses Alter andeuten. Ich erwähne zuerst einen ringsum mit starken Kalkmassen incrustirten und dadurch colossal vergrösserten Schädel, welcher ein ganz formidables Aussehen darbietet und als richtiger fossiler Schädel erscheint. Trotz der Kalkmassen, die ihn umhüllen, kann man sehr wohl erkennen, dass er wesentlich derselben abgeplatteten Form angehört oder ihr jedenfalls sehr nahe steht. An einem dritten Schädel dagegen ist keine Spur jener künstlichen Form vorhanden, so dass durchaus kein Zweifel darüber bestehen kann, dass er niemals einem Druckverfahren unterlegen hat, und da er an derselben Stelle mit den anderen gefunden worden ist, so ist meiner Meinung nach auf dies Verhältniss ein grosser Werth zu legen. Endlich die letzten beiden Schädel, obwohl sie deutliche Spuren der Abplattung an sich tragen, zeigen dieselbe doch in abnehmendem Maasse, so dass man, wenn man einen nach dem andern mit jenem ersten vergleicht, eine ziemlich regelmässige Stufenfolge der Verunstaltung erkennt. Ich habe von diesen letzteren Schädeln den Kalküberzug grossentheils abgesprengt, worauf sich ergab, dass man schon auf eine mehr natürliche Form gelangt, welche weit davon entfernt ist, eine augenfällige Aehnlichkeit mit den Chinook-Köpfen darzubieten; freilich der schnelle und ebene Abfall des Hinterhauptes deutet immer noch darauf hin, dass eine künstliche Einwirkung stattgefunden hat ([Taf. I], fig. 1–2).

Noch wichtiger ist es, dass aus einer anderen und zwar aus einer von der eben erwähnten ziemlich entfernten Lokalität, nämlich aus der von Herrn Jagor (Zeitschrift für Ethnologie I. S. 80) beschriebenen Felsklippe von Nipa-Nipa, welche in der Strasse zwischen Samar und Leyte gelegen ist, zwei andere Schädel ([Taf. I], fig. 5–6) von ihm mitgebracht worden sind, von denen der eine dieselbe Verunstaltung, wie die besprochenen, in hohem Maasse darbietet (fig. 6). Ich erwähne nur aus der Mittheilung des Herrn Jagor, dass vom Meere aus eine Art Thor in die Klippe hineingeht, durch welches man in eine innere Bucht gelangt, die von steilen Felswänden umgeben ist; an einer der letzteren befindet sich hoch über dem Meere die schwer zugängliche Höhle, aus welcher die Schädel genommen sind.

Auch an diesen beiden Schädeln aus der Höhle von Nipa-Nipa zeigt sich eine entschiedene Differenz: an dem einen bemerken wir eine positive Abplattung, einen steilen Abfall, von den Tubera parietalia nach unten, wie er niemals an einem natürlichen Schädel vorkommt ([Taf. I], fig. 5), und von unmittelbar derselben Lokalität rührt ein anderer Schädel von übrigens ganz ähnlicher Färbung und Beschaffenheit der Knochen her, der vielleicht einer leichten Abplattung unterlegen hat, worauf eine gewisse Verschiebung nach der einen Seite hin deutet, der aber im Uebrigen ganz offenbar dem gewöhnlichen oder ursprünglichen Zustande sich nähert ([Taf. I], fig. 6).

Auf diese Weise kann man, wie mir scheint, seinen Weg von den künstlich erzeugten zu den ursprünglichen Verhältnissen zurückfinden, und es ist möglich, zu Schädelformen zu gelangen, bei welchen man wenigstens annähernd richtig gewisse Verhältnisszahlen aufstellen kann, welche zur Vergleichung mit anderen Befunden dienen dürfen. Unsere Zuversicht in die Richtigkeit der Schlussfolgerungen ist um so grösser, als die Zahlen beider Beobachtungsreihen sich gegenseitig controliren.

Für diejenigen, welche nicht Anatomen sind, bemerke ich, dass es in neuerer Zeit Gebrauch geworden ist, die ethnologisch wichtigsten Maassverhältnisse des Schädels zunächst in der Weise zu bestimmen, das man Verhältnisszahlen zwischen Länge, Breite und Höhe des Schädels sucht, in der Art dass die Länge = 100 gesetzt und Breite und Höhe darnach reducirt werden. Der Kürze wegen kann man die gefundene procentische Zahl für die Breite als Breitenindex, diejenige für die Höhe als Höhenindex bezeichnen. Das Verhältniss von Höhe zu Breite wird gleichfalls auf eine Breite von 100 berechnet und die Zahl für die Höhe als Breitenhöhenindex aufgeführt. Thut man dies nun an den am wenigsten difformen Schädeln der Philippinen, so kommt man immer noch auf einen Breitenindex, welcher nach den bisher bekannten Erfahrungen für die ostasiatische Inselbevölkerung ganz unerhört ist. Bei dem einen relativ normalen Schädel aus der Höhle von Nipa-Nipa beträgt der Breitenindex 89,1, der Höhenindex 78,9, der Breitenhöhenindex 88,5; bei dem einen Lanang-Schädel ist der Breitenindex 80,1, der Höhenindex 77,8, der Breitenhöhenindex 97,1. Solche Breitenverhältnisse sind überall ungewöhnlich; z. B. die äusserste Grenze der Breitenverhältnisse in Europa finden wir bei den Lappen, wo sie zwischen 82 und 83 schwankt.