Es ergiebt sich zunächst aus diesen Verhältnissen in ganz unzweifelhafter Weise, dass diese in ausgezeichnetem Sinne brachycephale Bevölkerung, die doch, wie es scheint, einer lange vergangenen[48] Zeit angehört, nichts zu thun hat mit den Negritos, insofern diese, soviel bis jetzt angenommen wird, mit den Melanesiern in Beziehung stehen, welche sich alle auszeichnen durch die relativ geringe Breite ihres Schädels im Vergleich zu einer relativ beträchtlichen Länge. Einige andere polynesische Stämme sind geradezu ausgezeichnet durch die geringe Breite des Schädels bei einer ungewöhnlichen Höhe und Länge (Hypsistenocephali).
Man ist daher für unsere Schädel darauf angewiesen, andere Verwandtschaften aufzusuchen, und die nächste Frage, welche sich hier aufwirft, ist die: ist es eine malaische Bevölkerung gewesen, mit der wir es zu thun haben? Auch für die malaische Rasse im Ganzen liegen die angeführten Verhältnisse ausser aller Erfahrung. Es giebt allerdings ein paar Punkte im Gebiete der Malaien, an welchen erheblich breite Schädel gefunden worden sind. Welcker (Archiv für Anthropologie II. S. 154–156) hat die extremsten Verhältnisse an den von Madura, einer nördlich von Java gelegenen Insel, hergebrachten Schädeln nachgewiesen, bei denen aber doch solche Verhältnisse nicht vorkommen, wie wir sie hier vor uns finden. Nach seinen Mittheilungen betrug der Breitenindex der Maduresen, der übrigens dem Höhenindex gleich war, 82[49]. Nächstdem stehen in der Liste von Welcker die Menadaresen mit einem Breitenindex von 80 und einem Höhenindex von 81. Für die Javanesen berechnet er einen Breitenindex von 79, während freilich andere Autoren 82–84 haben. Immerhin ist durch die neuere Untersuchung constatirt, dass innerhalb der malaischen Reihe eine gewisse Breite der Schwankungen nach Stämmen existirt, und dass man bei einzelnen derselben zu Breitenindices kommt, welche denen der Lappen nahezu analog sind.
Unter den vorliegenden Schädeln stammt nur einer, derjenige nämlich, welchen Herr Jagor am Ysarog auf der Insel Luzon ausgegraben hat, nach den Nachrichten, welche er erhielt, von einem der heutigen Eingebornen; es war bekannt, dass der betreffende Mann, ein Cimarrone, durch einen Hieb am Hinterhaupte sein Leben verloren hat. Dieser Schädel ist unglücklicherweise der einzige unter den von Herrn Jagor mitgebrachten, von welchem man sicher ist, dass er einer noch jetzt bestehenden Race angehört, und da wir auch sonst wenig Nachrichten über die Craniologie der Philippinen[50] haben, so bin ich nicht in der Lage, etwas Bestimmtes über seine Stellung zu sagen. Sein Breitenindex beträgt 76,9, der Höhenindex 76,1, der Breitenhöhenindex 98,9, die Capacität 1315 Cub.-Cm. Auch wenn man die einzelnen Schädelknochen mit denen der Lanang- und Nipa-Nipa-Schädel vergleicht, so sind seine Verhältnisse so wesentlich abweichend, dass in der That keine Beziehungen des modernen Schädels zu den Höhlen-Schädeln aufgefunden werden können. Dagegen kann ich allerdings nach den sonst vorliegenden Messungen sagen, dass der Cimarronen-Schädel eine gewisse Aehnlichkeit mit Malaien-Schädeln von den benachbarten Sunda-Inseln, namentlich mit Dajak-Schädeln[51] darbietet.
Es bleibt aber noch eine Reihe von Schädeln, 6 an der Zahl, zu betrachten, welche zwar sämmtlich aus einer anderen Höhle genommen sind, als die bisher besprochenen, aber doch von demselben Felsencomplex von Nipa-Nipa stammen, in welchem die eine der vorhin erwähnten Höhlen liegt. Diese Schädel ([Taf. II], fig. 1–3) haben namentlich durch die häufige Erhaltung der Unterkiefer einen besonderen Werth. Sie gehören ihrer ganzen Erscheinung nach einer anderen Kategorie an und machen, namentlich durch ihre gute Erhaltung, den Eindruck einer mehr modernen Gruppe. Für das chronologische Datum, welches man ihnen beilegen kann, tragen sie noch ein besonderes Indicium an sich: es sind nämlich zwei derselben exquisit syphilitisch, so dass sie wirklich als Musterspecimina in einem pathologischen Museum aufgestellt zu werden verdienen. An dem einen findet sich eine Durchbohrung des harten Gaumens und eine Zerstörung im Umfange des Naseneinganges an dem Oberkiefer und den Nasenbeinen, welche jedoch offenbar geheilt gewesen ist; der andere ([Taf. II]. fig. 3) bietet ein mustergültiges Beispiel von Caries sicca, welche die Gegend der Stirn einnimmt und von da auf die Nasenwurzel übergreift, so dass kein Zweifel sein kann, dass es sich um eine chronische Periostitis gummosa des Stirnbeines und der Nasenbeine gehandelt hat.
Nun giebt es freilich über das Alter der Syphilis verschiedene Meinungen, indess ist bis jetzt weder die Meinung aufgestellt worden, dass die Syphilis ursprünglich auf den Philippinen geherrscht habe, noch ist irgend eine Thatsache an einem alten Schädel entdeckt worden, welche darthäte, dass syphilitische Veränderungen in der alten Zeit bestanden hätten. Man wird also immerhin annehmen können, dass diese Schädel erst zu einer Zeit in die Höhle gebracht worden sind, als schon ein längerer Contact mit europäischen Völkern stattgefunden hatte, also wahrscheinlich nach dem Anfange des 16. Jahrhunderts. Andererseits darf man nicht wohl annehmen, dass eine christianisirte Bevölkerung noch diese Höhle benutzt habe, da, wie Herr Jagor berichtet, die christlichen Priester mit grosser Heftigkeit gegen diese Ueberreste gewüthet haben. Es lässt sich daher wohl mit ziemlicher Sicherheit schliessen, dass die Zeit, innerhalb deren diese Leichen in der Höhle von Nipa-Nipa deponirt worden sind, nicht allzu lange nach demjenigen Zeitpunkte zu suchen ist, in welchem eine häufigere Beziehung mit Europäern hergestellt worden war, und man wird vielleicht annehmen dürfen, dass die Schädel dem Ende des 16. oder dem Anfange des 17. Jahrhunderts angehören; denn diese Zeit ist es, wo die spanische Herrschaft sich ausbreitete, und es ist nicht wahrscheinlich, dass derartige Bestattungs-Gebräuche von dieser Zeit ab gerade unter der Küstenbevölkerung, von der ein grosser Theil vorher muhamedanisirt worden war, weiter fortbestanden haben.
Da nun die Stämme, welche an der Küste ihren Sitz haben, mit denjenigen im Innern des Landes in loserer Berührung stehen, so wird in der Regel wohl der Fundort der Schädel dem Sitze der Bevölkerung, von welcher sie stammen, entsprechen. Handelt es sich also, wie bei der Höhle von Nipa-Nipa, um eine Küsten-Lokalität, so wird man auch annehmen können, dass der betreffende Volksstamm an der Küste gewohnt hat. Es liegt daher nahe zu schliessen, dass diese Gruppe von Schädeln eine Beziehung zu den noch jetzt vorhandenen Stämmen der Küste hat, und in der That, wenn man diese Schädel betrachtet und damit die Physiognomien der Leute auf den Abbildungen des Herrn Jagor vergleicht, so zeigen sich gerade bei den Bisayos gewisse Eigenschaften, welche an allen diesen Schädeln wiederkehren: die verhältnissmässige Kürze bei relativer Breite der Schädel findet sich bei der Vergleichung der Profil- und Frontalansichten der Bisayerinnen leicht wieder; dazu kommt die charakteristische Bildung der Stirn- und Nasengegend, die von der kaukasischen gänzlich verschieden ist, insofern die stärkste Wölbung der Stirn gerade da liegt, wo bei uns eine flache Vertiefung (Glabella) besteht; endlich sind die ungewöhnliche Niedrigkeit der Nase und der stark prognathe Zustand der Kiefer überall deutlich zu erkennen. Wenn man die Profile mit einander vergleicht, so ist so viel Aehnlichkeit vorhanden, wie man überhaupt zwischen einem Schädel und einem lebendigen Gesichte nur erwarten kann.
Auch diese Schädel besitzen eine ungewöhnliche Breite; sie haben im Mittel gerechnet einen Breitenindex von 83,3 bei einer Höhe von 76,5, ein nach den Messungen von Davis und Schetelig auch bei Bisayos-Schädeln gefundenes Verhältniss, welches sonst noch von keiner andern hinterasiatischen Bevölkerung bekannt ist. Noch weniger findet es sich bei der Bevölkerung der polynesischen Inseln; in Australien, Neukaledonien, Neuseeland, Tahiti treten ganz andere Stammeseigenthümlichkeiten hervor, so dass dieser Theil der Bevölkerung der Philippinen als ein ganz eigenthümlicher und charakteristischer erscheint. Ich bemerke zu ihrer Charakteristik noch, dass sie eine Höhlung von durchschnittlich 1282 Cub.-Cm. Inhalt besitzen, dass der Breitenhöhenindex ihrer Orbitae 94,7, der Höhenbreitenindex ihrer Nasen 41,3 und der Breitenhöhenindex ihrer Schädel überhaupt 91,7 beträgt. Auch ist erwähnenswerth, dass weder an diesen Schädeln, noch an den übrigen etwas von künstlicher Feilung der Zähne zu bemerken ist, die doch sonst bei Malaien so häufig vorkommt und die auch auf den Philippinen von Thévenot noch erwähnt wird. Nur an einzelnen zeigen die Zähne die Betelfärbung.
Ich verzichte auf die weiteren Details der Schädelfrage; ich will nur noch auf ein besonders wichtiges Verhältniss hinweisen. Wenn es sich feststellen lassen sollte, dass innerhalb des Gebietes der malaischen Rasse eine in so eminentem Grade brachycephalische Bevölkerung an einer verhältnissmässig gut gegen fremde Einwanderung geschützten Stelle sich lange erhalten hat, während nicht bloss auf den benachbarten Inseln (Borneo, Java, Sumatra) eine sich mehr den Dolichocephalen annähernde Bevölkerung vorkommt, sondern auch dicht daneben im Innern von Luzon noch jetzt nicht civilisirte, dolichocephalische Stämme leben, wie der beschriebene Cimarronen-Schädel zu beweisen scheint, so würde man anerkennen müssen, dass in einer und derselben Rasse die äussersten Schwankungen der Schädelformen vorkommen, und es würde damit ein sehr erheblicher Einwand gegeben sein gegen die Bemühungen, ganzen Rassen durch die Aufstellung der Breitenindices ihre Stelle anzuweisen; es würde vielmehr auf das Unzweideutigste dargethan sein, dass nur durch eine grössere Menge von Vergleichungszahlen die ethnologische Position eines Schädels gefunden werden kann.
Es sind endlich noch zwei Schädel zu erwähnen, welche von den bisher besprochenen wesentlich verschieden sind. Der eine ist in der zweiten Höhle von Nipa-Nipa unmittelbar bei einem Holzsarge gefunden worden, welchen Herr Jagor mitgebracht hat, und in welchem noch ein zum Theil mit mumificirten Resten von Weichtheilen und Fetzen zerfallender Bekleidung bedecktes, jedoch schädelloses Skelet liegt[52]. Dieser Schädel zeichnet sich durch eine grössere Längenentwicklung aus, aber nichtsdestoweniger beträgt sein Breitenindex 80,2 (bei einem Höhenindex von 76); er schliesst sich auch sonst in vielfacher Beziehung, namentlich wegen seiner beträchtlichen Capacität von 1450 Cub.-Cm., der zuerst besprochenen Gruppe an. Der andere Schädel ist ungewöhnlich klein; seine Capacität beträgt nur 1160 Cub.-Cm. Er ist nebst anderen Knochen in einem Walde auf Samar, 1 Legua landeinwärts von Borangan, ausgegraben worden und von unbekannter Abkunft. Manches trennt ihn in seiner Entwicklung von den anderen Schädeln, aber auch sein Breitenindex beträgt 79,3 bei einem Höhenindex von 75,7.
Diese ziemlich grosse Reihe untereinander verschiedener Schädel hat jedoch, von dem Cimarronen abgesehen, in sich eine nähere Beziehung, als sie zu irgend einer der benachbarten Rassen hat, und wenngleich die einzelnen Gruppen wieder so viele Differenzen haben, dass ich wohl geneigt bin, anzunehmen, dass die Stämme, von welchen sie stammen, unter sehr verschiedenen Verhältnissen gelebt haben müssen, so wird man doch nicht umhin können, sie einer grösseren Familie zuzurechnen. Von den beiden Hauptgruppen der Höhlenschädel kann man sagen, dass die aus der zweiten Nipa-Nipa-Höhle, welche durchweg geringere Dimensionen haben, den Eindruck einer zarteren, sesshaften und mehr civilisirten Bevölkerung machen, während an den Schädeln aus der ersten Nipa-Nipa- und denen aus der Lanang-Höhle sich eine grosse Energie, eine gewisse Massenhaftigkeit und Kräftigkeit der Entwicklung zeigt, welche einem mehr wilden Volke anzugehören scheint.