Was die Grössenverhältnisse betrifft, so zeigt der erste Blick, dass die Schädel der letzteren Gruppe bei ihrer grossen Breite auch eine relativ grosse Höhe haben. Auch die künstliche Verunstaltung hebt dies Verhältniss nicht ganz auf, denn selbst der am stärksten abgeplattete Schädel hat bei einem Breitenindex von 94,8 noch immer einen Höhenindex von 80. Dies begründet einen wesentlichen Unterschied von den Chinook-Schädeln. Mit dieser Grösse hängt zusammen die beträchtliche Capacität der Philippinen-Flachköpfe. Die in der That makrocephalen Schädel von Lanang besitzen eine durchschnittliche Capacität von 1510 Cub.-Cm., die aus der ersten Höhle von Nipa-Nipa von 1380, während die mehr runden Schädel aus der zweiten Höhle von Nipa-Nipa, wie erwähnt, im Durchschnitt nur 1282 Cub.-Cm. fassen. Es sind dies Grössen-Differenzen, deren Bedeutung nicht unterschätzt werden darf.

Ich will für diesmal nicht genauer darauf eingehen, inwiefern die künstlichen Veränderungen des Schädels einen Einfluss auf das Gehirn haben. Ganz kurz erwähne ich, dass derselbe Herr Gosse, welcher die schon erwähnte Monographie geschrieben hat, die Meinung vertritt, welche sich hauptsächlich auf tahitische Tradition stützt, dass es möglich sei, durch die Gestaltung des Schädels den psychischen Eigenschaften eines Individuums eine ganz bestimmte Richtung zu geben. Es wird nämlich erzählt, dass man auf Tahiti zwei Arten von Deformation des Schädels erzeugt habe; den Kriegern habe man die Stirn eingedrückt, dagegen, wie sich ein Redner in der anthropologischen Gesellschaft zu Paris ausdrückte, den Senatoren das Hinterhaupt. Herr Gosse erklärt dies so, dass man beabsichtigt habe, bei den Kriegern die energischen Eigenschaften des hinteren, bei den Staatsmännern die mehr intellektuellen Eigenschaften des vorderen Abschnitts des Gehirns ganz besonders zur Ausbildung zu bringen, und er ist ernsthaft der Meinung, dass dieser Versuch als Muster für moderne Pädagogik empfehlenswerth sei. Ich kann dieser Ansicht nicht beistimmen, insofern die Erfahrung ergiebt, dass auch das Gehirn so gut wie der Schädel dislocirt werden kann, dass also das Vorderhirn sich zurückschiebt, wenn die Stirn zurückgedrängt wird, und ebenso die hinteren Theile des Gehirns sich vorschieben bei einer Abflachung der hinteren Partie des Schädels. Wie ich früher nachgewiesen habe, pflegt einer Verkürzung des Schädels eine compensatorische Verbreiterung und umgekehrt zu entsprechen. Es kann wohl kein Zweifel darüber bestehen, dass eine Abflachung einzelner Schädeltheile an sich eine Verminderung der Hirnmasse nicht zur nothwendigen Folge hat, und es stimmt damit überein die Angabe namhafter Beobachter, dass die Flatheads in der That keinen Mangel an Intelligenz wahrnehmen lassen.«

Diese Mittheilung hatte das glückliche Ergebniss, die Aufmerksamkeit auf die so lange vernachlässigte Craniologie jener entfernten Inseln zu lenken. Zunächst erhielt unsere anthropologische Gesellschaft von dem holländischen Residenten in Gorontalo auf Celebes, Hrn. Riedel die Mittheilung, dass noch gegenwärtig bei den Bewohnern der Landschaften Buool, Kaidipan und Bolaangitam die Sitte der künstlichen Verunstaltung des Schädels bei den neugebornen Kindern geübt wird (Zeitschr. für Ethnologie Bd. III. S. 110. Taf. V.). Sodann besprach Hr. Barnard Davis eingehender die Negrito-Schädel. Da mir selbst inzwischen neues Material zugegangen war, so machte ich in der Sitzung der Gesellschaft am 10. Dezember 1870 folgende weiteren Mittheilungen:

»Die interessanten Mittheilungen aus Celebes, welche uns heute von Hrn. Riedel zugegangen sind, haben dargethan, dass mein erster Bericht über die Philippinen-Schädel in der Sitzung vom 15. Januar 1870 zu rechter Zeit die Aufmerksamkeit auf ein Gebiet gelenkt hat, welches gerade in ethnologischer Beziehung die höchste Wichtigkeit hat und welches doch noch so wenig erforscht ist. Nichts konnte mehr überraschend sein, als dass für eine Weltgegend, aus der seit länger als zwei Jahrhunderten keine Nachricht über künstliche Verunstaltungen der Schädel zu uns gelangt ist, durch eine in Europa ausgeführte craniologische Untersuchung die Thatsache des Fortbestehens einer solchen Sitte gleichsam erschlossen worden ist. Leider benimmt uns der Brief des Hrn. Riedel alle Aussicht, entsprechende Schädel von Celebes zu erhalten, denn er besagt, dass die dortige Volkssitte dem zu sehr widerstrebe. Wir werden uns daher vor der Hand noch an die Philippinen-Schädel halten müssen.

Glücklicherweise habe ich seit der Zeit, wo ich zuerst über die Philippinen zu sprechen die Ehre hatte, Gelegenheit gehabt, meine Erfahrungen zu vervollständigen. Zunächst hatte Hr. Jagor noch eine gewisse Zahl zertrümmerter Schädel aus einer grossen Höhle von Caramuan auf der Insel Luzon. Dieselben waren so vielfach zerbröckelt, dass es kaum möglich schien, daraus etwas zu machen. Es ist mir jedoch gelungen, den grösseren Theil der Stücke wieder zusammenzusetzen und auf diese Weise wenigstens die vorderen Hälften von drei Schädeln, mit Einschluss des grössten Theils des Gesichtes, wiederherzustellen. Dieselben sind von etwas verschiedener Beschaffenheit: zwei (E. 319–20) sind mit einer rauhen Kalkschicht überzogen, welche an vielen Punkten durch Eisenbeimischung bräunlich erscheint; die Knochen selbst sind sehr brüchig, kleben an der Zunge und sehen auf dem Bruche kreidig aus; ein anderer (E. 318) ist viel glatter, die Knochen selbst sind tief braun geworden, ja am rechten Theil der Stirn sehen sie vollständig grünlich aus.

Alle drei zeigen sehr deutliche Spuren künstlicher Abplattung. Es ist dadurch das Vorkommen dieses Gebrauches, welchen wir bis dahin nur von der Insel Samar kannten, auch für die Insel Luzon dargethan. Am stärksten ist die Abplattung an den beiden erstgenannten. Bei dem einen (E. 319) ist freilich nur der Vorderkopf vorhanden, indess beginnt die Abflachung sofort hinter den Superciliarbogen; die Stirnhöcker sind fast ganz verschwunden, die Stirn selbst sehr breit und erst kurz vor der Kranznaht endet die künstlich hergestellte Fläche mit einer rundlichen Wölbung. Obwohl nicht so stark, so doch ungleich mehr charakteristisch ist der zweite Schädel (E. 320), bei welchem glücklicherweise die Basis cranii und der Anfang der Hinterhauptsschuppe erhalten sind. Hier lässt sich deutlich die doppelte Abplattung erkennen: eine ziemlich steile hintere und eine schräg zurückgehende vordere. Bei dem dritten Schädel (E. 318) ist die Stirn so rundlich gewölbt, dass man ohne Kenntniss der anderen Formen schwerlich eine Abplattung vermuthen würde, obgleich doch auch hier die Breite der Stirn und die geringe Prominenz der Stirnhöcker sehr auffällig sind. Dagegen lässt sich am Hinterhaupte, trotzdem dass der Schädelgrund fehlt, eine sehr starke, steil abfallende Deformation erkennen, welche eine fast winklige Einbiegung der Seitenwandbeine hervorgebracht hat. Ganz besonders interessant ist jedoch das Stirnbein eines etwa zweijährigen Kindes, welches aus derselben Höhle stammt, äusserlich gleichfalls einen gelbbraunen Beschlag zeigt, übrigens sehr stark an der Zunge klebende Oberflächen besitzt. Innerlich zeigt dasselbe sogenannte osteophytische Auflagerungen als Zeichen einer inneren Entzündung und dem entsprechend ist es verhältnissmässig dick. Ganz deutlich lassen sich die Spuren der Abplattung erkennen. Bis zu den niederen Höckern ist die Stirn wenig verändert; oberhalb derselben weicht sie aber sofort, fast unter einem Winkel, zurück, und was besonders charakteristisch ist, kurz vor der Kranznaht liegt eine stärkere Wölbung, von der aus gegen die Naht zu die Fläche sich wieder senkt.

Ob diese Schädel einer Zeit und einem Stamme angehört haben, wage ich nicht zu entscheiden. Der erstgenannte zeigt eine solche Uebereinstimmung mit einem der früher von mir beschriebenen Höhlenschädel aus Lanang (Z. 842), dass ihre Zusammengehörigkeit kaum bezweifelt werden kann. Aehnlich verhält sich der zweite Schädel von Caramuan (E. 320), der mit einem Schädel aus der Höhle von Nipa-Nipa (Z. 873) parallel gestellt werden kann. Dagegen gleicht der dritte Schädel (E. 318) weit mehr den neueren Schädeln aus der grossen Höhle von Nipa-Nipa, welche Zeichen der Syphilis tragen. Namentlich stimmt mit diesen die Gesichtsbildung sehr überein. Dasselbe gilt von dem kindlichen Stirnbein, sowie von einem zarten Unterkiefer (E. 322), der vielleicht zu dem Schädel E. 318 gehört und der sich durch den colossalen Prognathismus seines Mittelstückes auszeichnet, während ein anderer, nach Form und Incrustation zu E. 319 gehöriger Unterkiefer von grosser Stärke ganz wenig prognath ist und eine ganz andere, weit geräumigere Ausrundung zeigt.

Ich möchte es daher für wahrscheinlich halten, dass auch in der Höhle von Caramuan längere Zeit hindurch Beerdigungen stattgefunden haben und dass daselbst neben einander Personen verschiedener Stämme niedergesetzt worden sind. Was die Form der Abplattung betrifft, so entspricht sie in hohem Grade einer peruanischen, wie ich später darthun werde; keines der Beispiele erreicht jedoch die Verhältnisse, welche wir früher an Beispielen aus der Höhle von Lanang kennen gelernt haben. —

Eine zweite Gruppe von Philippinen-Schädeln wurde mir durch die Güte des Hrn. Dr. Schetelig, der gleichfalls längere Zeit in Asien war, zur Verfügung gestellt. Es sind dies 8 Schädel, grossentheils gut erhalten, darunter 4 mit Unterkiefern; zu dem einen gehört ein vollständiges Skelet. In Verbindung mit den von Hrn. Jagor mitgebrachten Schädeln ergiebt diese Sammlung ein recht bedeutendes Material.

Nach den Mittheilungen des Hrn. Schetelig stammt der grössere Theil seiner Schädel, nämlich 5, von Kirchhöfen. Er bemerkt in seinem Briefe, dass man dort in den spanischen Ländern die Sitte habe, die Gräber alle 3 Jahre zu leeren, falls nicht die erforderliche Zahl von Seelenmessen gelesen oder die Kirchhofsteuer jährlich entrichtet werde. Wie es scheint, häuft man dann die Schädel auf, wie es auch in manchen katholischen Ländern Europas geschieht. Dann unterliegen sie natürlich manchen atmosphärischen Einflüssen. Hr. Schetelig verweist auf diese wegen der Verschiedenheit in dem äusseren Verhalten der Schädel. Ich hatte namentlich die Frage aufgeworfen, ob nicht einer dieser Schädel, der äusserlich mit einer weissen, hier und da grünlichen Incrustation überzogen ist, gleichfalls aus der Kalkschicht einer Höhle stamme; er hat es aber in Abrede gestellt. Vier Schädel sind von ihm im Mai 1867 in Tabaco (Provinz Albay, Luzon) gesammelt; nach seiner Angabe sind es ganz bestimmt Bicol-Schädel. Darunter ist ein jugendlicher, wahrscheinlich weiblicher, mit noch nicht hervorgetretenen Weisheitszähnen und noch offener Synchondrosis spheno-occipitalis. Ein anderer Schädel, mit einer gut erhaltenen Sutura frontalis, scheint einem erwachsenen Weibe angehört zu haben. (Es ist der oben erwähnte incrustirte.) Der fünfte (April 1867) stammt ebenfalls von einem Kirchhofe und zwar aus Tibi, einem Orte in der Nähe von Tabaco; Hr. Schetelig erklärt ihn auch für einen Bicol-Schädel. Sodann finden sich zwei, an der Oberfläche stark veränderte, sehr leichte und vielfach verletzte Schädel, welche als Cimarronen-Schädel[53] bezeichnet sind, aus der Nähe von Albay; auch sie stammen aus der Erde. Hr. Schetelig schreibt sie einer Mischlingsrace von Negritos und Bicols zu. Endlich der letzte Schädel ist derjenige, welcher das grösste Interesse beansprucht, insofern er einem Negrito-Häuptling angehört haben soll. Dazu ist auch das in seinen Haupttheilen erhaltene Skelet vorhanden.