In seinem Vortrage vom 15. Januar hatte Hr. Jagor erwähnt, dass im Innern und an der Nordostküste der Insel Luzon noch ein schwarzer Menschenstamm von kleiner Statur und mit krausem Haar existirt, der ganz verschieden von den Küstenvölkern ist, von denen wiederum verschiedene Stämme (Tagalen, Bicols, Bisayos u. s. w.) unterschieden werden. Die ethnologische Stellung jener sogenannten Negritos war bis jetzt völlig dunkel geblieben. Gewöhnlich hat man sie den Papuas zugerechnet. In diesem Sinne hatte sich auch Hr. Semper (Die Philippinen und ihre Bewohner. Würzb. 1869. S. 48) ausgesprochen, indem er zugleich eine eingehende Schilderung von ihnen entwarf. Seine Angaben sowohl, als die in unserer Gesellschaft gemachten Mittheilungen haben Hrn. Barnard Davis Veranlassung gegeben, in dem Journal of Anthropology (Lond. 1870, Oct., p. 139) eine kritische Besprechung über die Negrito-Frage zu veranstalten. Er betont darin mit Recht, dass alle früheren Angaben über diese Rasse willkürlich gewesen seien, weil man sich nur auf Aeusserlichkeiten eingelassen habe und daraus allerlei verwandtschaftliche Verhältnisse mit anderen ostasiatischen und australischen Völkern hergeleitet habe. Er macht auch mir, und wohl mit Recht, den Vorwurf, dass ich mich von diesem Vorurtheile habe leiten lassen; ich muss wenigstens anerkennen, dass nach dem, was er selbst über Negrito-Schädel von Luzon berichtet, und nach dem, was die von Hrn. Schetelig mitgebrachten Schädel ergeben, keine Beziehung zwischen den Schwarzen der Philippinen und denen Melanesiens und Australiens aufrecht erhalten werden kann. Ihre Schädel sind ganz verschieden von einander, und, wenn sie als massgebend angesehen werden dürfen, so kann auf sonstige verwandtschaftliche Verhältnisse kein Werth mehr gelegt werden.
Diese Frage hat aber ein überaus grosses wissenschaftliches Interesse, da nach den bisherigen Vorstellungen es in der That nahe lag, wie auch Hr. Semper angenommen hat, in den Negritos das Urvolk der Insel zu sehen, welches sich im Innern der Gebirge noch erhalten habe, nachdem es durch eine spätere Einwanderung von den Küsten mehr und mehr zurückgedrängt sei. Erinnert man sich, dass auf den benachbarten Inseln anthropoide Affen vorkommen, die in ganz ähnlicher Weise in die Gebirge zurückgedrängt sind, so kann sich leicht der Gedanke daran schliessen, dass im Sinne der Descendenztheorie gerade hier eine Uebergangs-Rasse construirt werden dürfe. Allein schon Hr. Jagor hat sein Bedenken über jene Auffassung der Negritos ausgedrückt, und Hr. Davis schliesst aus den von mir gegebenen Beschreibungen der Höhlen-Schädel, dass eben so viel Grund vorhanden sei, gewisse weisse Stämme, welche sich von der malaischen Rasse unterschieden, mindestens neben den Negritos als autochthon anzunehmen.
Es scheint mir, dass dies zu weit gegangen ist. Nachdem Hr. Jagor dargethan hat, ein wie weiter Seeverkehr von Alters her zwischen den Inselgruppen stattgefunden hat, welcher mit den gebrechlichsten Fahrzeugen bewerkstelligt wurde, so wird man sich dem Gedanken Forster’s nicht verschliessen können, dass die Wahrscheinlichkeit eines Zurückdrängens der Urbevölkerung in die Gebirge durch eine eingewanderte Küstenbevölkerung nahe liegt. Mag man immerhin zwei Aboriginer-Stämme annehmen, so kann dies doch zunächst nur soviel heissen, dass das Küstenvolk schon vor sehr langer Zeit eingewandert ist und dass im historischen Sinne beide als Urbevölkerung gelten müssen. Ich will jedoch zugestehen, dass dies lauter Wahrscheinlichkeitsrechnungen sind, denen man, ehe man nicht genauere Kenntniss über die Einzelheiten hat, keinen zu grossen Werth beilegen darf.
Hr. Davis hat in seiner Besprechung einen Negrito-Schädel von Panay auf Luzon abbilden lassen, und er erwähnt, dass er ausserdem noch zwei andere besitze. Er findet, was übrigens schon d’Omalius d’Halloy (Des races humaines ou éléments d’ethnographie. Brux. 1869. p. 103.) angenommen hatte, am meisten Uebereinstimmung mit den Schädeln der Andamanen-Insulaner, jedoch auch Verschiedenheiten genug, um beide Rassen von einander zu trennen. Seiner Abbildung nach zu urtheilen, hat der von Hrn. Schetelig mitgebrachte Schädel in seinem Kopftheile manche Aehnlichkeit mit dem von Hrn. Davis erwähnten, aber die Gesichtsbildung erscheint ziemlich verschieden. Der letztere hat einen starken Unterkiefer und ist sehr bedeutend prognath; der erstere zeigt, trotz einer gewissen Verletzung am Oberkiefer, das Gegentheil.
Hier kommt nun freilich die schwierige Frage nach der Reinheit der Race in Betracht. Hr. Dr. Schetelig theilt mir mit: »Ich habe das Skelet dieses mir von seinem Stamme verkauften Häuptlings eigenhändig am Abhange des malerischen ausgestorbenen Vulkans von Buhi, des Arituktuk[54] ausgegraben. Der Stamm ist, wie die meisten der sogenannten Negritostämme, nicht mehr rein-melanesisch, sondern beträchtlich mit Bicol-Elementen versetzt. Doch haben die Leute noch sehr krauses Haar, das keine Eigenthümlichkeit der Malaien bildet.« Hr. Davis giebt über die Herkunft seiner Negritos-Schädel nichts Genaueres an. Es ist das um so mehr zu bedauern, als dieselben unter sich verschieden sind. Zwei davon sind dolichocephal und einer brachycephal, so dass der eigentliche Rassen-Typus schwer gefolgert werden kann. Hr. Davis selbst schwankt daher über die Bedeutung der Form. Es liegt auf der Hand, dass, wenn es sich um einen exquisit dolichocephalen Typus handelte, die Aehnlichkeit mit den übrigen schwarzen Rassen gross sein würde.
Was nun den Schädel von Arituktuk (oder Yriga) betrifft, so gehört er einem ausgewachsenen, aber wahrscheinlich jüngeren Manne an. Es fand sich freilich an dem zugehörigen Skelet, dass die Knorpelfuge zwischen dem Handgriffe des Brustbeins und dem Körper desselben noch offen war, allein dies war die einzige Stelle, welche sich so verhielt. Ausserdem war ein mit beträchtlicher Verkürzung (um 3,5 Centim.) geheilter Knochenbruch am rechten Oberschenkel vorhanden. Nicht unwahrscheinlich trägt der überaus zarte und gracile Knochenbau einen Theil der Schuld an der Fraktur. Die Knochen sind nämlich durchweg wenig ausgebildet[55] und von nahezu kindlichem Aussehen. Zugleich zeigen einzelne leichte Krümmungen, jedenfalls stärkere, als wir sonst zu sehen gewohnt sind, so dass mancher, namentlich der französischen Ethnologen, auf eine rachitische Form derselben zurückzugehen geneigt sein möchte. Ich will in dieser Beziehung besonders darauf aufmerksam machen, dass bei den Debatten über die prähistorische Bevölkerung Frankreichs vor allen anderen Knochen das Schienbein die Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat. Auch bei der Negrito-Tibia hat die seitlich comprimirte Form ihrer oberen Hälfte etwas sehr Auffälliges. Der Knochen ist hier fast so platt, wie eine Säbelscheide; er hat eine hintere Crista, welche beinahe so beschaffen ist, wie sonst die vordere. Dagegen ist die Fossa supracondyloidea humeri undurchbohrt. Besonders abweichend von den bekannten Formen ist die Gestalt des vorderen Randes des Darmbeines; hier steht die Spina ant. inferior so stark nach innen (hinten) und die über ihr liegende Incisura iliaca minor ist so beträchtlich, dass dadurch eine ganz specifische Bildung entsteht.
Der Schädel besitzt dem entsprechend eine nur mässige Capacität; er hat nur 1350 Ccm. Gehalt, immerhin genug, um ihn von den Australierschädeln zu trennen. Seine Gestalt ist eine ziemlich gleichmässig rundliche: die Stirn ist voll, der Scheitel hoch gewölbt, die Schläfengegend ausgelegt, die Hinterhauptsschuppe stark gerundet. An letzterer findet sich rechts ein besonderer Processus paracondyloideus mit überknorpelter Gelenkfläche; da der Atlas leider fehlt, so lässt sich nicht genau sagen, in welcher Weise die Verbindung mit dem Querfortsatze des Atlas stattgefunden hat. Bei der Messung hat der Schädel sich als wesentlich brachycephal ergeben; der Breiten-Index beträgt 83,4 bei einem Höhen-Index von 77,10 (Höhe zu Breite = 93,2 : 100). Obwohl er sich in diesen Verhältnissen den früher von mir vorgelegten Philippinen-Schädeln, namentlich den jüngeren aus der Höhle von Nipa-Nipa nähert, so bietet er doch Manches dar, was ihn von jenen unterscheidet. Insbesondere ist die Bildung des Gesichtsskelets höchst abweichend; nur einer der früheren Schädel (Z. 865) steht ihm näher. Ich erwähne hier vor Allem die ungewöhnliche Zartheit der Knochen des Gesichts, die selbst, wenn man eine jugendliche Entwicklung annehmen wollte, sehr auffällig sein würde. Wenn man jedoch die Zähne vergleicht, so ergiebt sich eine sehr merkliche Abschleifung der Schneide- und Mahlzähne, welche beweist, dass das Individuum nicht im Jugendalter gewesen ist. Ausserdem sind die Synchondrosis spheno-occipitalis vollständig, der untere Abschnitt der Sutura coronaria links und die unteren Abschnitte der Sutura lambdoides beiderseits verknöchert; der Processus styloides rechts hat eine ungewöhnliche Länge und Stärke; alle Muskelinsertionen sind durch tiefe Unebenheiten, Gruben und Vorsprünge bezeichnet; die Superciliargegend ist durch dicke und poröse Wülste ausgezeichnet, welche über der Nase zusammengehen. Nimmt man zu diesen anatomischen Merkmalen die Angabe des Hrn. Schetelig, dass der Mann ein Häuptling gewesen sei, so wird kein Zweifel bleiben können, dass dieser Schädel einem vollkommen ausgewachsenen Individuum angehörte. Keiner von den anderen Schädeln hat eine so verkümmerte Gesichtsbildung, wie dieser; sie erinnert fast an die von mir beschriebene Physiognomie des Lappengesichts. Die ganze Höhe (Nasenwurzel bis Kinn) beträgt nur 103 Millim., die Höhe der Nase 46, die mediane Höhe des Unterkiefers 25, der Maxillar-Durchmesser 60. Nur die Orbita (37,4 breit und 34,6 hoch) ist stark entwickelt und ihre mehr quer-viereckige Gestalt unterscheidet sie wesentlich von den Augenhöhlen aller anderen Philippinen-Schädel. Dem entsprechend ist auch die Nasenwurzel schmal, der Nasenrücken scharf vortretend und scheinbar eine Adlernase andeutend. Der Oberkiefer hat leider in der Mitte des Alveolarrandes einen kleinen Defect; trotzdem kann man ziemlich sicher erkennen, das nur ein sehr geringer Prognathismus des Oberkiefers vorhanden war. Am Unterkiefer fehlt derselbe gänzlich. Dies ist wohl der grösste Unterschied von den vorliegenden Bicol-Schädeln. Es ist weiterhin in der Schädelbildung dieses Mannes auffallend, so wenig Uebereinstimmung mit den gewöhnlichen Verhältnissen der wilden Rassen zu finden: die Plana semicircularia reichen nicht weit hinauf, die obere Wölbung zwischen den Ansätzen der Schläfenmuskeln ist sehr gross, die Jochbeine treten nicht sehr stark hervor, der Kieferast ist von geringer Stärke. Es lässt sich daher nicht verkennen, dass die ganze Form den äusseren Verhältnissen nach nichts Wildes an sich trägt, und wenn man hinzunimmt, dass auch die Länge der Schädelknochen ziemlich gute Verhältnisse darbietet, so muss man sagen, dass die Schädelform sich deutlich den civilisirten annähert. Schon aus diesem Grunde muss eine mögliche Verwandtschaft mit der australischen Rasse entschieden abgelehnt werden. Andererseits ist es gewiss bemerkenswerth, dass in Beziehung auf die Zartheit der Gesichtsbildung wohl die jüngeren Schädel aus der Nipa-Nipa-Höhle eine gewisse Uebereinstimmung darbieten, aber keineswegs die Kirchhofsschädel von Tabaco und Tibi. Bei allen diesen ist das Gesichtsskelet sehr stark entwickelt, namentlich die Jochbeine sehr vorspringend, der Oberkiefer und die Nasenwurzel breit, das Gesicht hoch und vor allen Dingen ein überaus starker Prognathismus des Ober- und Unterkiefers, so dass besonders am Oberkiefer der Alveolarfortsatz sich fast der horizontalen Stellung nähert. Selbst der jugendliche, im Ganzen sehr zarte und kleine Schädel von Tabaco zeigt in Beziehung auf die Gesichtsbildung die grösste Differenz, und namentlich die vorspringenden Zähne bilden den geraden Gegensatz gegenüber den Verhältnissen bei dem Arituktuk-Schädel. Bei den Bicols ist in der That eine affenartige Construction der Fresswerkzeuge vorhanden.
Im Uebrigen bilden diese Kirchhofs-Schädel eine vortreffliche Ergänzung des von Hrn. Jagor mitgebrachten Materials, insofern sie uns die Osteologie der neueren Bevölkerung kennen lehren. Alle fünf bieten unter sich eine grosse Uebereinstimmung dar: neben einem höchst auffälligen Prognathismus zeigen sie eine Brachycephalie, so stark, wie wir sie nur irgend an ostasiatischen Völkern kennen. Der Schädel von Tibi hat einen Breitenindex von 80,2 bei einem Höhenindex von 78,5; die 4 Schädel von Tabaco haben Breiten-Indices von 81,1 — 83,3 — 83,1 —84,6 bei Höhen-Indices von 79,7 — 82,4 — 80,5 — 80,5. Dabei hat der Tibi-Schädel eine Capacität von 1595, die Tabaco-Schädel von 1505, 1330, 1350 und der jugendliche von 1290 Ccm. Dem entsprechend beträgt die Circumferenz bei dem Tibi-Schädel 514, bei den Tabaco-Schädeln 514, 490, 478, 495. Sämmtliche Schädel sind schön gewölbt, haben volle Stirnen und Schläfen, sehr hohe und stark ausgelegte Hinterhauptsschuppen und grosse Plana semicircularia. Ueber ihre Gesichtsbildung habe ich schon vorher gesprochen und die relative Grösse und namentlich Breite derselben hervorgehoben. Der Tibi-Schädel hat einen formidablen Unterkiefer von 18,5 Centim. Umfang und 34,5 Centim. medianer Höhe.
Vergleichen wir nun diese Bicol-Schädel mit den früher beschriebenen Höhlen-Schädeln, so zeigt sich eine nicht geringe Aehnlichkeit zwischen dem Schädel von Tibi und dem von Hrn. Jagor neben einem Holzsarge in der Höhle Nipa-Nipa gefundenen, während die Tabaco-Schädel den jüngeren und zum Theil syphilitischen Schädeln der Nipa-Nipa-Höhle näher stehen. Nur der weibliche Tabaco-Schädel schliesst sich an die mehr brachycephalen Schädel aus der anderen Höhle von Nipa-Nipa (Z. 873. 874), welche Spuren künstlicher Missstaltung zeigen, und es ist bemerkenswerth, dass gerade bei ihm gleichfalls derartige Zeichen hervortreten. Das Hinterhaupt fällt nämlich unmittelbar hinter den Tubera parietalia ab, die Gegend der hinteren seitlichen Fontanellen ist abgeplattet, und daher die Hinterhauptsgruben für das Kleinhirn und für die Hinterlappen des Grosshirns stärker vorgewölbt. Die gleiche seitliche Compression zeigt auch der Mädchenschädel von Tabaco.
Ein noch erhöhtes Interesse haben die Cimarronen-Schädel von Albay, welche ihrem äusseren Ansehen nach älter sind und einige Analogie mit den Schädeln von Lanang bieten, welche Hr. Jagor mitgebracht hat. Die beiden sind allerdings unter sich sehr verschieden. Ob diese Differenz sich nur durch das verschiedene Geschlecht erklärt, ist mir in hohem Maasse zweifelhaft; handelt es sich um ein Mischvolk, so liesse sich die Vererbung wohl mit mehr Recht anrufen. Der Schädel des Weibes (Omang) ist kurz und breit, der des Mannes (Baringeag) breit und lang; beide lassen aber deutlich eine künstliche Deformation erkennen.