[10] Proben im Berl. ethnogr. Mus. No. 294. 295. [↑]

VIERTES KAPITEL

STELLUNG DER EUROPÄER UND EINGEBORENEN IN ENGLISCHEN, HOLLÄNDISCHEN UND SPANISCHEN KOLONIEN. — EINFLUSS DER SPANISCHEN KOLONIALPOLITIK AUF DIE SITTEN DER EINGEBORENEN. BEQUEMLICHKEIT DES LEBENS. — KOKOSPALME, BAMBUS.

Ein schottischer Grosshändler, dem ich empfohlen war, bot mir mit so überzeugender Liebenswürdigkeit sein Haus und seine Gastfreundschaft an, dass ich nicht umhin konnte sie anzunehmen. Obgleich ich mich dadurch unter dem Schutz eines der reichsten und geachtetsten Männer der Stadt befand, verlangten dennoch die Miethskutscher für jede Fahrt Vorausbezahlung. Dies Misstrauen liess auf die geringe Achtung schliessen, die die Mehrzahl der hiesigen Europäer den Einheimischen einflösst. Zahlreiche spätere Beobachtungen bestätigten diese Vermuthung. Wie anders ist es in Java und Singapore! Die Ursache lässt sich vielleicht erklären:

Holländer können sich ebensowenig als Engländer in heissen Erdstrichen akklimatisiren; sie beuten die Länder aus, in denen sie nur vorübergehend weilen, jene durch Frohnden und Monopole, diese durch Handel; in beiden Fällen genügen aber wenige, durch die Grösse ihrer Unternehmungen oder ihre amtliche Stellung durch Reichthum und Bildung hoch über der Masse der Bevölkerung stehende Individuen. In Java sind überdies die Europäer der Mehrzahl nach Regierende, die Eingeborenen Regierte; aber auch in Singapore, wo beide gesetzlich gleichstehn, wissen sich die wenigen Weissen so entschieden auf der Höhe zu halten, dass ihnen, wenn auch nicht durch das Gesetz, doch im Verkehr alle Vorrechte einer höheren Kaste ohne Widerspruch eingeräumt werden. Die Verschiedenheit der Religion vergrössert die Kluft. Endlich sprechen dort alle Europäer die Landessprache, während die Eingeborenen die der Fremden nicht verstehn. Die holländischen Beamten werden schon in der Heimat in besonderen Schulen für den Dienst in Ostindien erzogen; die Kunst mit den Eingeborenen umzugehen, die Aufrechthaltung des »Prestige«, das für das eigentliche Geheimniss der holländischen Macht gegenüber der zahlreichen einheimischen Bevölkerung gilt, bildet einen wesentlichen Punkt in ihrer Erziehung. Daher richten sich die Holländer im Verkehr mit den Eingeborenen, wie sehr sie diese auch ausbeuten, streng nach den Regeln des herkömmlichen »Adat« (alter Brauch), verletzen nicht das Ehrgefühl des Inländers und geben sich auch im Umgang mit einander nicht leicht eine Blösse vor jenem, für den sie ein verschlossenes Buch bleiben.

In den Philippinen ist es umgekehrt. Mit Ausnahme derjenigen Beamten, denen das Gesetz oder die bei jedem spanischen Ministerwechsel zum Durchbruch kommende Aemtergier nur einen beschränkten Aufenhalt gestattet, kehren wenige Spanier, die einmal die Kolonie betreten, in ihr Vaterland heim; die Geistlichen dürfen nicht, die meisten der übrigen können nicht zurück; ein nicht unbeträchtlicher Theil besteht aus Subalternen, Soldaten und Seeleuten, politischen Verbrechern und politisch Unbequemen, deren sich das Mutterland entledigt, auch nicht selten aus Abenteurern, denen die Mittel zur Rückkehr fehlen und wohl eben so sehr die Lust; denn wie herrlich ist ihr hiesiges Leben im Vergleich zu dem, welches sie in ihrer Heimat führen müssten. Sie kommen an ohne Kenntnisse des Landes, ganz unvorbereitet; Manche sind so faul, dass sie nie die Sprache lernen, selbst wenn sie sich im Lande verheirathen. Ihre Diener verstehen Spanisch, belauschen die Gespräche und Handlungen, und kennen alle Geheimnisse ihrer meist wenig diskreten Herren, während die Eingeborenen diesen ein Räthsel bleiben, das sie auch schon aus Dünkel nicht zu entziffern versuchen.

Dass die grosse Zahl der hiesigen, ungebildeten, über ihre Mittel hinaus lebenden Spanier, die alle die Herrn spielen wollen, gleichviel welche Stellung sie zu Haus einnahmen, das Ansehn der Europäer sehr beeinträchtigen muss, ist leicht einzusehn. Die relative Stellung des Indiers kann aber dabei nur gewinnen und schwerlich giebt es eine Kolonie, in welcher sich die Eingeborenen im Ganzen genommen behaglicher fühlen als in den Philippinen. Sie haben Religion, Sitten und Gebräuche ihrer Herren angenommen, und fühlen sich, obwohl diesen gesetzlich nicht gleichgestellt, doch nicht durch eine hohe Schranke von ihnen geschieden, wie sie, ganz abgesehn von Java, die schroffe Zurückhaltung der Engländer zwischen sich und den Eingeborenen aufbaut.

Die gleiche Religion, der gemeinschaftliche Gottesdienst, das Zusammenleben mit den Einheimischen, Alles trägt dazu bei, den Europäer dem Indier näher zu bringen, wie auch das Vorhandensein einer verhältnissmässig sehr zahlreichen Mestizenklasse bezeugt.

Spanier und Portugiesen scheinen in der That die einzigen Europäer, die in tropischen Ländern Wurzel schlagen, sich mit Eingeborenen auf die Dauer fruchtbar vermischen können; wobei das Coelibat der Priester begünstigend mitwirkt.[1]