Den Mangel an Eigenthümlichkeit, der bei den Mestizen aus ihrer Zwitterstellung hervorzugehn scheint, nimmt man auch an den Indiern wahr. Stark ausgeprägte nationale Sitten, die man in einem so fernen Lande wohl erwarten sollte, sucht man vergebens; immer von Neuem merkt man den Leuten an, dass Alles angelernt und äusserlich ist.

Wie der spanische Katholizismus im Mutterlande die hohe Kultur der Mauren, in Peru die der Inka’s mit Gewalt ausgerottet, so hat er hier, was etwa an eigenthümlicher Gesittung vorhanden war, ebenso gründlich zu beseitigen verstanden, indem er sich, um schnell Wurzel schlagen, den bestehenden Formen und Missbräuchen in fast unglaublicher Weise anschmiegte.[2]

Die in der Kultur wenig vorgeschrittenen Philippiner nahmen schnell die Aeusserlichkeiten der fremden Religion an, und zugleich die Aeusserlichkeiten im Wesen ihrer neuen Herren; die eignen Sitten lernten sie, als heidnisch und wild, verachten. Jetzt singen sie andalusische Lieder und tanzen spanische Tänze, aber wie! Alles äffen sie nach, ohne den Geist zu erfassen, aus dem es hervorgegangen. Deshalb sind sie selbst und ihre Kunsterzeugnisse meist langweilig und charakterlos, man möchte sagen unächt, trotz der auf letztere zuweilen verwendeten grossen Geschicklichkeit und Geduld. Diese beiden Eigenschaften werden übrigens bei allen wenig fortgeschrittenen Nationen wahrgenommen; die bewunderte Geduld ist aber oft nur Verschwendung von Zeit und Mühe, im Missverhältniss zum Zweck; die grössere Anstelligkeit eine Folge der weniger vorgeschrittenen Arbeitstheilung.

Betritt man das Haus eines wohlhabenden Eingeborenen, der spanisch spricht, so empfängt er uns mit denselben Redensarten wie sein Vorbild; man hat aber dabei immer das Gefühl, dass sie nicht am Platz sind. In den Ländern, wo die einheimische Bevölkerung ihren alten Sitten treu geblieben, wird dies nie empfunden; selbst wenn uns nicht mit der gebührenden Rücksicht begegnet werden sollte, bemerken wir es kaum, da sich bei ganz verschiedenen gesellschaftlichen Formen, wie bei fremdem Maass und Gewicht, nicht unmittelbar Vergleiche aufdrängen. — Während in Java und namentlich in Borneo und den Molukken die Gegenstände des täglichen Gebrauchs häufig mit so feinem Gefühl für Form und Farbe verziert sind, dass sie von unseren Künstlern als Muster der Ornamentik gerühmt werden und den Beweis liefern, dass die Arbeit mit Lust und Liebe und innigem Verständniss vollbracht wurde, ist in den Philippinen von solchem Schönheitssinn wenig wahrzunehmen. Alles ist Nachahmung oder liederlicher Nothbehelf. Selbst die wegen ihrer Feinheit so berühmten, mit unglaublicher Geduld und nicht minderem Geschick ausgeführten Piña-Stickereien sind in der Regel geistlose Nachahmungen spanischer Muster. Zu ähnlichen Betrachtungen gelangt man unwillkürlich, wenn man die Kunstprodukte der spanisch-amerikanischen Völker mit denen der wilden Stämme vergleicht. Das ethnographische Museum in Berlin bietet dazu Stoff in Fülle.

Die Ruder bestehn in den Philippinen häufig aus einer Bambusstange, an deren Ende ein Brett mit Rotangstreifen festgebunden ist; bricht es unterwegs entzwei, um so besser; bis es geflickt ist, muss die anstrengende Arbeit nothwendig unterbrochen werden.

In Java sind die völlig regendichten Büffelkarren auf das Mannichfaltigste und Geschmackvollste gemustert. In den Philippinen wird der dachlose Karren gewöhnlich erst im letzten Augenblick zusammengeflickt. Soll die Ladung durchaus vor Nässe geschützt werden, so wirft man ein paar alte Matten darüber, mehr in der Absicht, die Ansprüche des Castila zu beschwichtigen, als um den Regen abzuhalten.

Engländer und Holländer bleiben Fremdlinge unter den Tropen, sie üben keinen Einfluss auf die alten Gebräuche, die in der Landesreligion gipfeln. Die Völker aber, die Spanien durch den Katholizismus unterworfen, haben alles Ursprüngliche, Volksthümliche verloren; die fremde Religion ist bei ihnen nicht in’s Innere gedrungen, es fehlt ihnen an moralischem Halt, und wohl kein zufälliges Zusammentreffen ist es, dass sich alle diese Völker mehr oder weniger kennzeichnen durch einen gewissen Mangel an Würde, grosse Leichtlebigkeit und selbst Liederlichkeit.

Abgesehn von diesem Mangel an nationalen Eigenthümlichkeiten und überlieferten Gebräuchen, deren Vorhandensein vielen Ländern Ostasiens einen Hauptreiz verleiht, ist der Eingeborne höchst anziehend als Typus des Menschen unter bequemsten äussern Verhältnissen. Die Willkürherrschaft der Häuptlinge und die Sklaverei wurden von den Spaniern bald nach ihrer Ankunft abgeschafft, an Stelle der häufigen Raubzüge und Kriege trat Ruhe und Sicherheit. Das spanische Regiment ist in diesen Inseln im Ganzen immer milde gewesen, nicht weil die Leyes de Indias so sehr wohlwollend, ja fast zärtlich für den Indier lauten, den sie wie einen Minorennen behandeln, sondern weil die Ursachen fehlten, die in Spanisch-Amerika trotz derselben Gesetze und in den Kolonien anderer Völker so grosse Grausamkeiten veranlassten.

Es war ein Glück für die Eingeborenen, dass ihre Inseln keine Reichthümer an edlen Metallen und kostbaren Gewürzen besassen. Die voluminösen Produkte des Ackerbau’s konnten bei den ehemaligen Verkehrsverhältnissen keine Ausfuhren bilden; es lohnte daher nicht, sie nachdrücklich auszubeuten. Die wenigen in der Kolonie lebenden Spanier fanden im Handel zwischen China und Mexico durch die Nao (S. 10) ein so bequemes Mittel zum Gelderwerb, dass sie sich fern hielten von allen wirthschaftlichen Unternehmungen, die ihren eignen adelshochmüthigen Neigungen wenig entsprachen und die angestrengte Arbeit der Eingeborenen erfordert hätten. Für Spanien, dem schon übergrosse Besitzungen in Amerika eine erschöpfende Menschensteuer auflegten, war es bei der damals so langwierigen, gefahrvollen Schifffahrt unmöglich, in den Philippinen eine starke, bewaffnete Macht zu halten. Die durch einige glänzende militärische Unternehmungen eingeleitete Unterwerfung ward wesentlich durch Mithülfe der Mönchsorden vollendet, deren Missionäre vorwiegend Klugheit und Geduld anwenden mussten. So wurden die Philippinen zum grossen Theil durch Conquista pacifica (Pacifacion, Poblacion) gewonnen.

Die den Eingeborenen aufgelegten Abgaben waren so gering, dass sie nicht entfernt für den Kolonialhaushalt genügten. Der Ausfall wurde durch jährliche Zuschüsse aus Mexico gedeckt. An Erpressungen gewissenloser Beamten hat es freilich nicht gefehlt. Grausamkeiten, wie in den amerikanischen Bergwerksdistrikten oder in den Fabriken von Quito werden aber von den Philippinen nicht gemeldet.