Das unbebaute Land ist frei, gehört Jedem, der es urbar machen will, fällt aber, wenn es zwei Jahre unbenutzt bleibt, wieder an die Krone zurück.[3] Die einzige Abgabe, die der Indier zahlt, ist eine Kopfsteuer, Tributo genannt, die ursprünglich vor drei Jahrhunderten einen Dollar für je zwei Erwachsene betrug, was in einem Lande, wo Alle früh heirathen und die Geschlechter gleich vertheilt sind, fast gleichbedeutend mit Familie ist. Allmälig ist der volle Tribut auf 2 1⁄16 Doll. erhöht worden. Ein Erwachsener zahlt also 1 1⁄32 Doll. und zwar vom 16ten bis zum 60sten Lebensjahre, gleichviel ob Mann oder Frau. Ausserdem hat der Mann 40 Tage Arbeit für öffentliche Zwecke zu leisten. Diese Frohnden (Pólos y Servicios) zerfallen in ordentliche und ausserordentliche; jene bestehn in Wacht- und Botendienst, Reinhalten des Tribunals und anderen leichten Diensten, diese in Strassenbau und ähnlichen zum Besten des Dorfes oder der Provinz. Wie wenig aber diese Leistungen ausgenutzt werden, geht wohl am besten daraus hervor, dass Jedermann sich davon loskaufen kann für eine Summe, die im höchsten Falle nicht über 3 Doll. beträgt. Frauen sind von persönlichen Leistungen frei. Die wichtigsten Einzelheiten über den Tribut sind weiter unten in einem besonderen Kapitel, vorzüglich nach amtlichen Quellen, die mir im Ultramar-Ministerium zugänglich waren, kurz zusammengestellt.
In andern Ländern, wo das Klima ebenso milde, der Boden ebenso ergiebig, wird der Eingeborene von einheimischen Fürsten fast erdrückt, von Ausländern rücksichtslos ausgebeutet oder vertilgt, wenn er nicht schon eine höhere Zivilisationsstufe einnimmt. In diesen abgelegenen, von der Natur so reich ausgestatteten Inseln, wo der Druck von oben, der innere Trieb und jede äussere Anregung fehlte, hat sich das behagliche Leben bei geringen Bedürfnissen in voller Breite entfalten können. Von allen Ländern der Welt mögen die Philippinen wohl den Anforderungen an ein Schlaraffenland am meisten entsprechen. Wer das Dolce far niente nur von Neapel her kennt, hat noch keinen Begriff davon; es gedeiht nur unter Palmen. Die folgenden Reiseberichte werden Beispiele genug enthalten, um dies zu bekräftigen; aber schon eine Fahrt auf dem Pásig giebt einen Vorgeschmack des Lebens im Innern. Niedliche Bretterhäuser und Bambushütten, von üppigster Laub- und Blüthenfülle umgeben, gruppiren sich malerisch mit Arecapalmen und hohen gefiederten Bambusen am Ufer. Zuweilen reichen die Zäune in den Fluss und grenzen Räume zur Entenzucht ab — oder zum Baden. Der Saum des Wassers ist von Kähnen, Senknetzen, Flössen, Fischapparaten und dergleichen eingenommen. Beladene Boote ziehen den Fluss entlang und kleine Nachen schiessen zwischen Gruppen von Badenden hindurch von einem Ufer zum andern.
Am Lebhaftesten geht es bei den Tiendas zu, grossen, den javanischen Warongs entsprechenden Schuppen, deren offene Seite aber dem Fluss, der Hauptverkehrsstrasse, zugewendet ist. Sie üben eine mächtige Anziehung auf die vorüberziehenden Schiffer, die dort ausser Speisen und andern Lebensbedürfnissen gewöhnlich auch müssige Gesellschaft beiderlei Geschlechts, Hazard-Spiel, Tuba, Betel und Tabak finden.
Zuweilen sieht man einen Indier im Schlafe auf einem grossen Berg von Kokosnüssen hockend mit der Ebbe den Fluss hinabtreiben. Strandet er, so erwacht der Schläfer, macht sich mit Hülfe eines langen Bambus wieder frei und treibt im Halbschlaf mit der Strömung weiter. Durch einen Schlag mit dem Waldmesser ist es leicht, von der Faserhülle der Nuss einen schmalen Streifen so weit zu lösen, als nöthig ist, um sie mit einer andern zu verknüpfen; so wird ein Kranz gebildet, der die in der Mitte lose aufgethürmten Nüsse umgürtet und zusammenhält.
Wir haben freilich vollkommenere Transportmittel als Errungenschaft Jahrtausende langer mühevoller Arbeit, hier aber kann der Mensch sehr Vieles unmittelbar aus den Händen der Natur für seine Zwecke verwenden und sich durch geringe Mühe verhältnissmässig grosses Behagen schaffen.
Auf der Insel Talim im grossen See von Bay kauften meine Bootleute für einige Cuartos mehrere Dutzend fast fusslanger Fische; diejenigen, die sie nicht verzehren mochten, wurden gespalten, gesalzen und auf dem Dach des Bootes in wenigen Stunden an der Sonne getrocknet. Als die Fischer ihr beabsichtigtes Frühstück verkauft hatten, bückten sie sich und füllten ihre Kochtöpfe mit Sumpfmuscheln (Paludina costata Q. & G.), die sie händevoll vom Boden des flachen Wassers aufnahmen, indem sie die todten zum Theil fortwarfen.
Fast alle Ortschaften liegen am Wasser. Der Fluss ist eine von der Natur gegebene, sich selbst erhaltende Strasse, auf welcher Lasten bis an den Fuss der Berge befördert werden können. An seinem Ufer und besonders an seiner breiten Mündung erheben sich auf Pfählen die Hütten der Eingeborenen, Pfahlbauten von unmittelbar ersichtlicher Zweckmässigkeit. Dort vorzugsweise ist der Sitz des Lebens, weil es dort am bequemsten ist. Bei jeder Ebbe liefern die Fischreusen mehr oder weniger reichliche Ausbeute; Weiber und Kinder holen dann, ohne sich zu bücken, vermittelst ihrer Zehen, mit denen sie greifen können, Zweischaler aus dem Schlamm, oder sammeln am Strande Krebse, Seethiere, essbare Algen.
Ein hübscher Anblick ist es, wenn Frauen, Männer und Kinder im Schatten von Palmen baden und scherzen, Andere ihre Wassergefässe füllen: geräumige Bambusen, die geschultert, oder Krüge, die auf dem Kopf getragen werden, und wenn die Knaben auf dem breiten Rücken der Büffel aufrecht stehend diese jubelnd in’s Wasser reiten.
Dort ist es auch wo die Kokospalme am besten gedeiht, die dem Menschen nicht nur Speise und Trank, sondern auch das gesammte Material für seine Hütte und allerlei Geräth liefert. Während sie landeinwärts nur bei grosser Pflege spärlich Früchte trägt, giebt sie am unmittelbaren Seestrande auf dem schlechtesten Boden ohne menschliche Bemühung reichen Ertrag. (Im Treibhaus ist sie wohl noch nie zur Blüte gekommen?). Thomson[4] hebt hervor, dass sie auf solchem Standorte ihren Stamm gern über das Meer neigt, dessen Fluthen die herabfallenden Früchte an öde Küsten und niedere Inseln tragen und diese dadurch zu menschlichen Wohnsitzen geschickt machen. So mag wohl die Kokospalme einen wesentlichen Antheil an dem maritimen Vagabundenthum der malayischen und polynesischen Völkerschaften haben.