Besonders berühmt ist Balívag aber wegen seiner Zigarrentaschen Petáca,[2] die alle andern an Feinheit übertreffen. Sie bestehen nicht aus Stroh, sondern aus feinen Streifen spanischen Rohres, und zwar aus dem untern Ende der Blattstiele einer Calamusart, die angeblich nur in der Provinz Neu-Écija wächst. Ein Bündel von hundert ausgesuchten 2 Fuss langen fingerdicken Stöcken kostet bis 6 r. Nachdem diese Stöcke vier bis fünf mal der Länge nach gespalten, entfernt man das innere Holz, so dass nur die äussere Haut übrig bleibt; die so erhaltenen dünnen Streifen werden dann aus freier Hand zwischen einem convexen Porzellanscherben und einem schräg dagegen gestellten Messer durchgezogen, und schliesslich noch durch zwei schräg gegen einander stehende Stahlklingen. Die Arbeit verlangt viel Geduld und Uebung; bei der ersten Handhabung zerbricht durchschnittlich die Hälfte der Fäden, bei der zweiten gewöhnlich mehr als die Hälfte, so dass kaum 20% übrig bleiben. Für sehr feine Geflechte ist das Verhältniss noch weit ungünstiger. Das Flechten geschieht über hölzerne Walzen. Eine Tasche von mittlerer Feinheit, die an Ort und Stelle 2 Doll. kostet, kann bei ununterbrochener Arbeit in sechs Tagen vollendet werden. Ausnahmsweise feine, auf besondere Bestellung für Kenner angefertigt, werden mit 50 Doll. und mehr bezahlt.

Von Balívag den Quíngoa aufwärts verfolgend, kommt man an vielen Steinbrüchen vorbei, wo in Bänke gesonderter vulkanischer Tuff zu Bausteinen ausgebeutet wird. Die mit hohen stacheligen Bambusen besetzten Ufer waren 10 bis 12 Fuss hoch. In der Regenzeit tritt der Fluss aus und überschwemmt weithin die Ebene, daher die vielen Klappen grosser Süsswassermuscheln (Corbicula sp.) in der den Tuff überlagernden Dammerde. Bei Tobóg, einer Visíta, halbwegs zwischen Balívag und Angat, zeigen sich die ersten Hügel. Ihre flachen Abhänge sind wie in Java terrassenförmig als Rieselfelder zum Reisbau eingerichtet. Ausser bei Lúcban habe ich dergleichen Sawas in den Philippinen nicht wahrgenommen. Viele kleine Zuckerfelder, deren Produkt aber von den Eigenthümern noch recht ungeschickt verwerthet wird, zeigen, dass die Vorbedingungen zum schwunghaften Betriebe des Ackerbaus vorhanden sind. Streckenweis sind Schattendächer über die Strasse gebaut mit Bänken zum Rasten; ich habe sie nur in dieser Provinz gefunden. Man könnte sich in einem der dichtbevölkerten, ertragreichsten Bezirke Java’s glauben.

Die Nacht brachte ich in einem Convento zu (so heissen in den Philippinen die Wohnhäuser der Pfarrer). Es war äussert schmutzig, der Geistliche, ein Augustiner, voll Bekehrungsgelüste. Ich hatte ein langes geographisches Verhör zu bestehn über den Unterschied zwischen Prusia und Rusia, ob das grosse Norimbergo die Hauptstadt des Granducado oder des Imperio de Rusia sei? erfuhr dass die Engländer auf dem Punkte stünden in den Schooss der christlichen Kirche zurückzukehren, die »Andern« dann auch wohl bald nachfolgen würden, und wurde trotz angelegentlicher Empfehlung des Pfarrers Llanos recht schlecht aufgenommen. Später bin ich noch einmal zwei jungen Kapuzinern in die Hände gefallen, die Bekehrungsübungen an mir vornahmen, mich aber, abgesehn von dieser kleinen Zudringlichkeit, auf’s beste behandelten und verpflegten. Es gab sogar in Wasser gesottene Gänseleberpastete, die ich an den fettumflossenen Trüffeln schnell erkannte. Zur Strafe für ihre Zudringlichkeit enthüllte ich meinen Wirthen nicht die richtige Gebrauchsanweisung, kaufte ihnen die noch übrigen Blechbüchsen ab, und hatte später das Vergnügen im Urwald Gänseleberpastete zu essen. Dies sind die beiden einzigen Fälle, wo ich in solcher Weise belästigt worden, bei einem Aufenthalt von mehr als anderthalb Jahren.

Der mit einem Pass versehene Reisende ist übrigens durchaus nicht auf die Gastfreundschaft der Pfarrer angewiesen, wie in manchen abgelegeneren Gegenden Europa’s. Jede Ortschaft, jedes Oertchen, hat sein Gemeindehaus, Casa real oder Tribunal genannt, in welchem er wohnen kann und Lebensmittel zum Marktpreis geliefert bekommt, ein Umstand, der mir bei meinem ersten Ausflüge nicht bekannt war. Der Reisende ist also in dieser Beziehung völlig unabhängig, wenigstens in der Theorie; in der Praxis wird er freilich oftmals nicht umhin können, in den abgelegneren Provinzen, im Convento zu wohnen, denn der Pater, vielleicht der einzige Weisse auf viele Meilen in der Runde, lässt sich schwerlich die Gelegenheit entgehn, einen seltenen Gast einzufangen, ihm das beste Zimmer im Hause zu geben, und alles aufzubieten, was Küche und Keller zu leisten vermögen. Alles wird mit so aufrichtiger unverhohlener Freude über den Besuch dargeboten, dass der Gast durchaus nicht das Gefühl hat, als würde er verpflichtet, sondern umgekehrt die Ueberzeugung gewinnt, dass er seinem Gastfreunde Vergnügen macht, wenn er seinen Besuch verlängert. Einmal, als ich trotz der erhaltenen Einladung des Padre Cura darauf bestand, in’s Tribunal zu gehn, und mich darin eben niedergelassen hatte, erschien alsbald der Pater mit den Ortsbehörden und dem Musikchor, die wegen der Vorbereitung zu einem Kirchenfeste im Convento zufällig anwesend waren, liess mich auf meinem Stuhle sitzend aufheben und mit Musik und allgemeinem Jubel in sein Haus tragen.

Am folgenden Tage besuchte ich eine NNO. von Angat gelegene Eisenhütte Kúpang, von zwei mir aufgenöthigten Bewaffneten begleitet, da die Gegend wegen Räubereien übel berüchtigt war. Nach einer Stunde in nördlicher Richtung durchfurtheten wir den Banávon, damals ein schmaler Bach, zwischen vorwiegend plutonischem Gerölle fliessend, in der Regenzeit ein mehrere hundert Fuss breiter Strom, und erreichten nach zwei Stunden die Eisenhütte, einen mitten im Walde gelegenen grossen Schuppen, mit einem Hängeboden an einem Ende, der dem Unternehmer, einem vor Jahren in Sámar gestrandeten Engländer, und seiner Frau, einer hübschen Mestizin, zur Wohnung diente. Legte ich mein Taschentuch, ein Bleistift oder sonst einen Gegenstand aus der Hand, so wurde er sofort von der Frau eingeschlossen, um ihn vor der Diebeswuth ihrer Diener zu schützen. Die armen Leute, deren Unternehmung keinen Erfolg versprach, mussten ein trauriges Leben führen. Zwei Jahre zuvor drangen 27 Räuber ein, plünderten alles und warfen die Frau, die mit einer Magd allein im Hause war, zum Fenster hinaus; sie kam ohne erhebliche Beschädigung davon, die Magd aber, die vor Angst aus dem Fenster sprang, starb an den erlittenen Verletzungen. Ohne Mühe gelang es die Räuber, Bergleute und Bewohner von Angat, einzufangen, sie sassen damals bereits 2 Jahre in Untersuchungshaft.

Ich traf hier eine Negritofamilie, die mit den Leuten der Eisenhütte in freundlichem Verkehr stand, und Nahrungsmittel gegen Waldprodukte eintauschte. Der Mann begleitete mich auf die Jagd mit einem Bogen und zwei Pfeilen bewaffnet, die Pfeile hatten zwei Zoll lange, lanzenartig geformte eiserne Spitzen, deren eine mit Pfeilgift, einem schwarzen Harz dick bestrichen war. Die Frauen nahmen Guitarren (tabaŭa) mit, genau, wie die der Mintras auf der malayischen Halbinsel: fusslange Bambusrohre, an welchen Saiten aus gespaltenem Stuhlrohr aufgespannt waren. Auf nebenstehender Abbildung sind nicht diese Negritos, von denen ich nur unvollkommene Zeichnungen besitze, sondern weiter nördlich lebende, nach guten Photographien dargestellt.

Um auf der Rückreise nicht wieder in dem leidigen Convento zu übernachten, wo mein Diener mit meinen Sachen zurückgeblieben war, folgte ich dem Rath der freundlichen Leute, spät abzureiten und erst nach 10 Uhr dort einzutreffen. So konnte ich, da das Pfarrhaus um 10 Uhr verschlossen wird, ohne Anstoss bei einem ihnen befreundeten reichen Mestizen einkehren. Um halb eilf erreichte ich das gastliche Haus, und setzte mich zu den muntern Frauen, die gerade am Abendessen waren. Da erscheint plötzlich auf der Schwelle des Hinterzimmers mein Pfarrer nebst zwei andren Augustinern, die mit dem Hausherrn Karten gespielt hatten, und indem sie mich mitschleppten, mein Glück priesen: »denn wären Sie nur eine Minute später gekommen, so hätten Sie nicht mehr in das Convento gekonnt.«

Negrita (von Panay).