Meine erste Ausfahrt war zur Kirchweih nach Legáspi, wo die Indier Abends Theater spielten. Ein aus politischen Gründen verbannter Spanier hatte die Anordnung übernommen. Zu beiden Seiten der mit Palmenblättern überdachten Bühne befanden sich erhöhte bedeckte Gallerien für die Honoratioren; der dem grossen Publikum bestimmte mittlere Raum war oben offen. Es wurde ein grosses Schauspiel aus der Persergeschichte gegeben, in spanischer Sprache, mit Fantasiekostümen. Da das Theater an einer lebhaften Strasse lag, die selbst einen Theil des Zuschauerraumes bildete, so war der Lärm so gross, dass man nur hin und wieder ein Wort vernehmen konnte. Die Schauspieler marschirten bei dem Hersagen ihrer Rollen, deren Sinn sie nicht einmal sprachlich verstanden, von einer Seite zur andern, indem sie die Arme auf und abbewegten; am Rande der Bühne angekommen machten sie Kehrt und setzten ihren Marsch in entgegengesetzter Richtung fort, wie Schiffe, die gegen den Wind kreuzen; sie verzogen dabei keine Miene, und sprachen, wie Automaten. Hätte man wenigstens den Text verstehn können, so wäre der Kontrast desselben mit den maschinenartigen Bewegungen gewiss drollig gewesen; Lärm, Hitze und Qualm waren aber so gross, dass wir nur kurze Zeit blieben.
Das Schauspiel sowohl als das ganze Fest trug das Gepräge der Schlaffheit und Gleichgültigkeit, des unverstanden Nachgeahmten. Vergleicht man die ausgelassene Fröhlichkeit bei den Kirchweihen in Europa mit den ausdruckslosen starren Gesichtern der Indier, so begreift man kaum warum dergleichen Feste mit so grossem Aufwande von Zeit und Geld gefeiert werden.
Derselbe Mangel an Fröhlichkeit wird von vielen Reisenden in noch höherem Grade bei den Indianern Amerika’s bemerkt und von einigen aus einer geringeren Entwicklung des Nervensystems erklärt, daher auch der wunderbare Gleichmuth jener beim Ertragen von Schmerz. Das Gesicht des Indianers ist nach Tylor[21] so verschieden von dem unsrigen, dass der Europäer erst nach Jahre langer Uebung seinen Ausdruck deuten lernt. Beide Ursachen mögen zusammenwirken. Wenn aber auch lebhafte Aeusserungen der Freude nicht wahrzunehmen waren, so findet doch der Indier grosses Vergnügen schon an den wochenlang dauernden Vorbereitungen zur Ausschmückung des Dorfes, noch grösseres bei dem Feste selbst an den Prozessionen, bei denen jeder in seinem besten Putz oder den Abzeichen seiner Würde erscheint. Der Kampf um den Vortritt, um die Ehre eine Fahne zu tragen, erfüllt den also Begünstigten mit dem höchsten Stolz und erregt den Neid der Uebrigen. Aus allen nahegelegenen Ortschaften kommt Besuch, ganze Triumphbogen von Bambus und Laubwerk werden von benachbarten Gemeinden, mit der Inschrift Obsequio del puéblo de ... mitgebracht und aufgerichtet. Zuweilen wird auch stark gezecht. Die Filipinos haben Vorliebe für geistige Getränke; selbst junge Mädchen berauschen sich gelegentlich gern. Für die Nacht finden die fremden Gäste die entgegenkommendste Aufnahme in den Häusern des Pueblo. Ueberhaupt strahlt die Gastfreundschaft bei solchen Gelegenheiten in hellem Licht. Jedes Haus steht Jedem offen. In den grösseren Ortschaften fehlt es auch nicht an Bällen, es tanzen aber gewöhnlich nur Spanier und Mestizen mit Mestizinnen; blos ausnahmsweise wird eine begünstigte Indierin aufgefordert. Unter sich pflegen die Eingeborenen selten zu tanzen; in Samar sah ich aber einmal einen nicht ungraziösen, angeblich einheimischen Tanz aufführen, zu dem »improvisirte« Strophen gesungen wurden: der Tänzer verglich seine Dame mit einer Rose, und sie erwiderte, er möge sich hüten sie zu berühren, da sie auch Dornen habe; was im Munde einer Andalusierin reizend geklungen hätte, bei der Indierin aber nur den Ursprung der Improvisation verrieth.
Das müssige Leben in Darága gefiel meinen Dienern und ihren zahlreichen Freunden so gut, dass sie es gern so lange als möglich geniessen wollten. Sie wählten dazu oft sinnreiche Mittel. Zweimal, als alles zum Aufbruch für den nächsten Morgen gerüstet war, wurden Nachts meine Schuhe gestohlen. Ein andermal stahl man mir mein Pferd. Hat ein Indier eine schwere Last zu befördern, oder einen anstrengenden Ritt zu machen, so benutzt er dazu gern den wohlgenährten Gaul eines Castila, und lässt ihn dann ungefüttert laufen, bis ihn jemand auffängt und in das nächste Tribunal liefert. Dort wird er angebunden und muss so lange hungern bis ihn sein Herr reklamirt und den angerichteten Schaden ersetzt. Ich hatte einen Dollar zu zahlen, da mein Pferd, obgleich es sehr verhungert that, in der Zwischenzeit für einen Dollar Reis genascht haben sollte.
Kleine Diebstähle kamen sehr häufig vor, werden aber, wie mich ein freundlicher Gönner eines Abends belehrte, als ich ihm mein Elend klagte, nur gegen neue Ankömmlinge verübt; lange dort angesessene Leute, die sich der allgemeinen Achtung erfreun, sind solchen Ungelegenheiten nicht ausgesetzt. Ich weiss nicht, ob ein schalkhafter Eingeborener unsere Unterhaltung belauscht hatte, aber am nächsten Morgen sandte der freundliche Herr, der mir oft aus der Noth geholfen hatte, zu mir, und liess sich Chocolade, Zwieback und Eier holen, da man ihm in der Nacht Speisekammer und Hühnerstall ausgeräumt hatte.
Montag und Freitag Abend war Markt in Darága, — bei gutem Wetter immer ein hübscher Anblick. Man sah dann die Frauen, die fast ausschliesslich den Verkauf besorgen, nett und sehr sauber gekleidet, in langen von Fackeln glitzernden Reihen sitzen, und auf den Abhängen der Berge bei Fackelschein nach allen Richtungen in ihre Wohnungen zurückkehren. Sie tragen ihre Waaren, darunter viele selbst gewebte Stoffe von Seide, Ananas- und Bananen-Fasern, auf dem Kopf; den jüngern fehlt es aber selten an Liebhabern, die ihnen die Mühe abnehmen.
Bicol Naturforscher bei Regenwetter.
Hut von Cacaoblättern und Nito-Stengeln,
Puschel von Pferdshaar.
Bastmantel.