Die Frauen heirathen selten vor dem vierzehnten Jahre, — zwölf Jahre ist der gesetzliche Termin. Im Kirchenbuche von Polangui fand ich eine Trauung (Januar 1837) verzeichnet zwischen einem Indier und einer Indierin, die den ominösen Namen Hilaria Concepcion führte und bei Vollziehung der Ehe, wie aus einer Randbemerkung hervorgeht, nur 9 Jahre und 10 Monate alt war. Es kommt vor, dass Leute ungetraut zusammen leben, weil sie die Kosten der Trauung nicht zahlen können. Mädchen, die als Geliebte von Europäern Kinder bekommen, rechnen es sich fast zur Ehre. Noch mehr ist dies der Fall, wenn das Kind vom Pfarrer ist; der Cura erhält immer seine Kinder, aber unter angenommenen Namen. In Fällen ehelicher Untreue, die nicht selten sind, wird die schuldige Frau gewöhnlich geprügelt, der Verführer geht frei aus; fast nie gelangen Beschwerden an das Gericht. Die Männer sind meist liederlich. Eine Frau brachte die Geliebte ihres Mannes durch Zureden zum Geständniss ihrer Schuld, und schnitt ihr darauf mit einer bereit gehaltenen Scheere das ganze Haupthaar ab; dies ist das einzige Beispiel von Rache, das in den letzten Jahren vorgekommen war. Europäerinnen, ja selbst Mestizinnen, lassen sich, nach Versicherung ihrer Männer, nie mit Indiern ein. Die Frauen werden im Allgemeinen gut behandelt, verrichten nur leichte Arbeit, Nähen, Weben, Sticken, Besorgung des Haushalts; alle schwere Arbeit mit Ausnahme des Reisstampfens fällt den Männern zu. Oeffentliche Mädchen verkehren mit allen Frauen und verheirathen sich auch oft, zuweilen bieten Väter ihre Töchter Europäern an, indem sie ein Darlehn erbitten und die Tochter dafür als Näherin in’s Haus bringen.
Fälle von hohem Alter sind unter den Indiern, namentlich in Camarínes häufig. Das Diario de Manila vom 13. März 1866 berichtet über einen Alten in Darága (Albay) den ich wohl gekannt habe: Juan Jacob 1744 geboren, 1764 verheirathet, 1845 verwittwet, hat bis 1840 viele öffentliche Aemter bekleidet, hatte 13 Kinder, von denen 5 leben, 170 direkte Nachkommen, ist mit 122 Jahren noch rüstig, hat gute Augen und Zähne; — erhielt sieben mal die letzte Oelung!
Die ersten Excremente eines neugeborenen Kindes werden sorgfältig aufbewahrt und unter dem Namen Triaca (Theriacum) als ein besonders auch gegen den Biss von Schlangen und tollen Hunden wirksames Universalheilmittel aufbewahrt. Es wird auf die Wunde gelegt und zugleich eingenommen.
Eine grosse Anzahl Kinder stirbt in den ersten beiden Wochen nach der Geburt. Es fehlen darüber alle statistischen Daten, aber nach Ansicht eines der ersten Aerzte in Manila kommt wenigstens ein Viertel um. Die Ursache soll allein in der grossen Unreinlichkeit und schlechten Luft liegen, da in den Stuben der Kranken und Wöchnerinnen Thüren und Fenster so dicht verschlossen werden, dass vor Gestank und Hitze Gesunde krank werden, Kranke schwer genesen. Früher verstopfte bei Geburten der Mann alle Oeffnungen des Hauses, damit Patianac nicht eindringe, ein böser Geist der den Wöchnerinnen Unheil bringt und die Geburt zu hindern sucht. Der Gebrauch hat sich fort erhalten, bei Vielen wohl auch der Aberglaube ohne eingestanden zu werden; wo dieser erloschen, hat man in der Furcht vor Zugluft eine neue Erklärung für einen alten Brauch gefunden: Beispiele solcher Anpassungen finden sich bei allen Völkern. Eine sehr verbreitete Krankheit ist die Krätze, doch soll sie nach Versicherung des bereits erwähnten Arztes weniger allgemein sein, als Nichtärzte glauben, die jene Bezeichnung auf Hautausschläge überhaupt anwenden; an solchen haben die Eingeborenen in Folge schlechter Diät sehr zu leiden, Bicolindier mehr als Tagalen.[10] Unter gewissen Verhältnissen, welche die darüber befragten Aerzte nicht genauer zu bestimmen vermochten, können die Eingeborenen weder Hunger noch Durst ertragen (davon bin ich mehreremale Zeuge gewesen). Sie sollen, wenn sie in solchem Zustande gezwungen sind, das Bedürfniss ungestillt vorüber gehn zu lassen, bedenklich erkranken und oft an den Folgen sterben.
Die krankhafte Sucht des Nachahmens, in Java Sakit-latar genannt, kommt auch hier vor und heisst Mali-mali. In Java glauben Viele, dass die Krankheit nur Verstellung sei, weil die angeblich damit Behafteten es vortheilhaft finden, sich vor neu angekommenen Europäern sehn zu lassen. Hier aber beobachtete ich ein Beispiel, bei dem wohl keine Verstellung vorausgesetzt werden konnte; meine Begleiter benutzten den krankhaften Zustand einer armen Alten, die uns begegnete, um auf offener Strasse rohe Spässe mit ihr zu treiben. Die Alte ahmte alle Bewegungen nach, wie von einem unwiderstehlichen Drang getrieben, und äusserte zugleich ihren lebhaftesten Unwillen über die Leute, die ihre Schwäche missbrauchten.
In R. Maak’s Reise nach dem Amur (Путешестіе на Амуръ pg. 83) heisst es: »Nicht gerade selten, leiden auch die Maniagrer an einer höchst sonderbaren Nervenkrankheit, mit welcher wir schon gründlich bekannt waren durch die Beschreibungen vieler Reisenden.[11] Man begegnet dieser Krankheit bei der Mehrzahl der wilden Völker Sibiriens, so wie auch bei den dort angesiedelten Russen. Im Gebiete der Jakuten, wo dieses Leiden sehr häufig vorkommt, sind die damit behafteten, sowohl bei den Russen als den Jakuten unter dem Namen Emiura bekannt; hier aber (d. h. in dem Theile Sibiriens, wo die Maniagri wohnen) werden dergleichen Kranke von den Maniagrern »Olon«, von den Argurischen Kosaken »Olgandshi« genannt. Die Anfälle der von mir hier besprochenen Krankheit bestehn darin, dass ein daran leidender Mensch, wenn er in Schrecken oder Bestürzung geräth, unbewusst und oftmals ohne das geringste Schamgefühl alles nachahmt, was vor ihm geschieht. Wird ein solcher Mensch geärgert, so geräth er in eine Raserei, die sich dadurch äussert, dass er ein wildes Geschrei ausstösst, auf andre Weise wüthet und sich sogar mit einem Messer oder irgend einem andern Gegenstand, der ihm gerade in die Hände fällt, auf diejenigen losstürzt, die ihn in diesen Zustand versetzten. Bei den Maniagrern leiden vorzugsweise Frauenspersonen an dieser Krankheit, besonders sehr alte; übrigens sind mir auch Beispiele von Männern bekannt, welche damit behaftet waren. Bemerkenswerth ist, dass die von diesem Leiden heimgesuchten Weiber dessen ungeachtet kräftig waren, und sich in allen übrigen Beziehungen einer guten Gesundheit erfreuten.«
Es ist vielleicht nur ein zufälliges Zusammentreffen, dass in den Malayenländern Sakit latar und Amok, wenn auch nicht bei demselben Individuum, doch bei denselben Völkern neben einander bestehn. Beispiele von Amok scheinen auch in den Philippinen vorzukommen.[12] Folgenden Bericht finde ich im Diario de Manila vom 21. Februar 1866: In Cavite drang am 18. Februar ein Soldat vom 8. Regiment in das Haus eines Schullehrers, gerieth mit diesem in Streit und erstach ihn, mit einem zweiten Dolchstoss tödtet er den Sohn des Lehrers, stürzt auf die Strasse, ersticht zwei junge Mädchen von 10 bis 12 Jahren, verwundet eine Frau in der Seite, einen neunjährigen Knaben im Arm, einen Kutscher (tödtlich) im Unterleib, ferner noch eine Frau, einen Matrosen, drei Soldaten. An seiner Kaserne angekommen, und von der Schildwache angehalten, stösst er sich selbst den Dolch in die Brust . . . Leider steht der Fall nicht vereinzelt da . . .
Es ist eine der grössten Beleidigungen über einen schlafenden Eingeborenen zu schreiten, oder ihn schroff zu wecken. Sie wecken einander, wenn es durchaus geschehen muss, mit der grössten Rücksicht und ganz allmälig.[13]
Der Geruchsinn ist bei den Indiern in so hohem Grade entwickelt, dass sie im Stande sind durch Beriechen der Taschentücher zu erkennen, welcher Person sie angehören, (Reisesk. pg. 39). Verliebte tauschen beim Abschied Stücke getragener Wäsche aus, und schlürfen während der Trennung den Geruch des geliebten Wesens ein, ebenso bei dem Küssen.[14]