Die in vielen ärztlichen und andern Büchern beschriebenen physiologischen Wirkungen des unmässigen Genusses auf Geist und Körper sind vielleicht noch abschreckender als die der Trunksucht.[29] Abgesehen von den spezifisch verschiedenen physiologischen Folgen nehmen unmässige Opiumraucher ein ähnliches Ende, wie Säufer. Sie verlieren ihre gesellschaftliche Stellung, bringen sich und ihre Familie in die tiefste Noth und sterben elend auf der Gasse. Darin stimmen Alle überein, dass es sehr viel leichter ist, sich den Trunk abzugewöhnen, als das Opium, wenn es einmal zur Leidenschaft geworden ist; Viele halten es für unmöglich. Auch geschieht es nie ohne grosse Qualen des Körpers und Geistes, und nur unter grosser Gefahr für die Gesundheit. Lockhart erzählt aber, dass im Hospital von Shanghai Tausende von Opiumrauchern behandelt wurden, von denen viele den Gebrauch aufgaben.
Ueber die oben angedeutete schnelle Zunahme des Opiumkonsums in England haben die dortigen Zeitungen schon oft berichtet, doch scheint man in Deutschland von dem Umfang des Uebels keine Vorstellung zu haben. Johnston sagt: „Der Opiumverbrauch in Grossbritannien ist, mit China oder Indien verglichen, freilich unbedeutend, die Zunahme aber sehr beträchtlich. Die eingeführte Menge betrug 1839, 41,000 ℔; 1852, 114,000 ℔: nach 15 Jahren fast das Dreifache!”
Johnston giebt leider ebensowenig wie Crawfurd die Quellen seiner Zahlen an, und scheint zwischen Einfuhr und Verbrauch keinen Unterschied zu machen, was bei steuerbaren Waaren richtig ist, da solche nur, nachdem sie für den Verbrauch im Lande versteuert worden, in den Importlisten aufgeführt werden, während die unversteuerten, für den Transit bestimmten, bei der Wiederausfuhr unter „Transshipment” stehen. Bei steuerfreien Gegenständen, wie Opium, trifft aber diese Annahme gewiss nicht immer zu, da es keinen erheblichen Unterschied in den Unkosten machen kann, ob man eine so theure, wenig voluminöse, steuerfreie Droge vom eignen Lager oder von den Docks aus verschifft.
In dem Annual Statement of Trade and Navigation of the United Kingdom 1864 finden sich über Opium folgende Angaben:
| Import. | Export. | Transshipment. | ||||
| 1859 | 141,168 | ℔ | 79,059 | ℔ | 90,794 | ℔ |
| 1860 | 210,867 | „ | 98,072 | „ | 91,922 | „ |
| 1861 | 284,005 | „ | 290,120 | „ | 53,580 | „ |
| 1862 | 221,381 | „ | 146,337 | „ | 57,820 | „ |
| 1863 | 254,314 | „ | 110,101 | „ | 104,756 | „ |
Der mittlere Preis ist 1 £ per ℔.[30]
Nimmt man an, dass die Einfuhr nach Abzug der Ausfuhr den Verbrauch in England darstellt, so erhielte man als das 5jährige Mittel 1859/63: 77609,2 ℔. Es ist aber sehr fraglich, ob diese Annahme zutrifft, da 1861 284,005 ein- und 290,120 ℔ ausgeführt, also 6115 ℔ mehr aus- als eingeführt sind, während England doch kein Opium produzirt und viel konsumirt. Bei einem Verbrauch von 77609,2 ℔ zu 7000 Gran und einer Bevölkerung von 30,000,000 kämen 18,11 Gran jährlich auf den Kopf. Legt man Johnston's Zahl 114,000 ℔ für 1852 zu Grunde, so erhält man 26,6 Gran per Kopf und Jahr. (Es muss aber auch berücksichtigt werden, dass ein beträchtlicher Theil des in England verbrauchten Opiums zur Darstellung des Morphins auch für das Ausland verwendet wird.)
Nach Crawfurd ist der Verbrauch in Singapore per Kopf und Jahr 330 Gran, in China 140 Gran, in Java 40 Gran. Da aber bei der in China und Hinterindien üblichen Art, das Opium im Wege des Rauchens zu geniessen, die Hälfte seines Nutzeffekts verloren geht, so muss man diese Mengen halbiren, um sie mit dem Konsum in England zu vergleichen. Man erhält dann 165, 70 und 20 Gran gegen 18, resp. 26,6 Gran in England. Nach der Angabe des Commercial Guide, dass China jetzt 100,000 Kisten per Jahr verbrauche, erhielte man, die Kiste zu 70 Katti Tschandu (rauchbaren Extrakt) = 931/3 ℔ engl. gerechnet, 1631/3 Gran per Kopf und Jahr bei einer Bevölkerung von 400 Millionen, d. h. für China so viel, als Crawfurd für Singapore annimmt!
Johnston sagt, dass trotz der grossen Zunahme des Opiumverbrauchs in England durchaus die statistischen Daten fehlen, auf welchen man die Annahme begründen könnte, dass der Opiumgenuss schon jetzt unter der Bevölkerung Grossbritanniens ein Nationallaster geworden sei oder bald werden würde. Nach ihm soll die ländliche Bevölkerung noch frei davon sein.