Singapore.
Erstes Kapitel.
Seereise. — Flaggensprache. — Feuer an Bord. — Gefärbte See. — Ankunft in Singapore.
Im Juni 1857 verliess ich Hamburg und landete nach 105 Tagen in Singapore. Für unser Schiff, das selbst bei dem besten Winde selten mehr als sechs Seemeilen in der Stunde machte, war es eine sehr schnelle Reise, die ohne die besondere Gunst des Wetters und den rastlosen Eifer des Kapitäns nicht möglich gewesen wäre. Klipperschiffe fahren oft mit mehr als doppelter Geschwindigkeit und dennoch pflegen sie den Weg kaum in kürzerer Zeit zurückzulegen, da sie bei Windstillen, deren fünf Zonen zu passiren sind, leicht wieder einbüssen, was sie bei gutem Winde gewonnen haben. So kam es auf hoher See mehrere Male vor, dass bessere Segler uns überholten, und dennoch fand sich bei Vergleichung unserer Daten, dass sie Europa vor uns verlassen hatten, also länger unterwegs waren, als wir.
Ausgenommen zwei kleine wüste Felsen, Martin Vas und Trinidad, die in 201/2° südlicher Breite vor der Küste von Brasilien liegen, sahen wir auf der ganzen Reise kein Land; zwar hätten wir den 12,172 Fuss hohen Pik von Teneriffa erblicken müssen, da wir nur 30 Seemeilen davon vorüberfuhren, der Nebel verhüllte ihn aber.[1]
Als wir Ende Juli bei Tagesanbruch mit dem leisesten Luftzug an jenen Felsen vorübertrieben, waren vom Mast aus dreizehn Schiffe in Sicht, deren Wege sich hier kreuzten. Mit Hülfe der Marryat'schen Flaggensignale entstand bald eine lebhafte Unterhaltung; jeder fragt und versteht die Antwort in seiner eigenen Sprache, unbekümmert um das Idiom seines Korrespondenten, man tauscht die Namen aus, erkundigt sich, woher, wohin, und schliesst nach einigen Spezialfragen gewöhnlich mit einem freundlichen Gruss. Ein schönes Schiff, nach seiner Reisedauer gefragt, erwiderte aber barsch: das geht Niemand etwas an; wahrscheinlich war es lange unterwegs und ärgerte sich darüber.[2]
Maury hat so anschaulich geschildert, wie das scheinbar pfadlose Meer in Wirklichkeit von grossen Handelsstrassen durchschnitten wird, auf welchen sich alle Schiffe bewegen, wie die Karawanen in der Wüste, und hier befanden wir uns offenbar an einem Kreuzpunkt: Schiffe, die um das Kap Horn, andere, die um das Kap der guten Hoffnung gekommen waren, und solche, die von Europa kamen und nach den östlichen oder westlichen Gestaden des stillen Meeres wollten, begegneten sich hier. Bei gutem Winde eilen die Schiffe schnell an einander vorüber; eine so zahlreiche Versammlung ist nur bei Windstillen auf solchen Hauptstrassen möglich.
Wir befanden uns zwischen der südlichen Grenze des SO.-Passats und der nördlichen des westlichen Gegenstromes. Am Nachmittag begannen wir allmälig den Einfluss des letzteren zu fühlen und schon am folgenden Tage empfanden wir seine volle Wirksamkeit. Diese westlichen Winde sind viel kräftiger und konstanter, als der SO.-Passat, sie brachten uns schnell um's Kap; wir fuhren aber 5° südlich daran vorbei, sowohl um die Agulhas-Strömung zu vermeiden, die, aus dem indischen Ozean kommend, sich dicht um's Kap herum drängt und dann im südatlantischen Ozean fächerförmig ausbreitet (sie wird von den heimkehrenden Schiffen benutzt), als auch, um den Weg abzukürzen, indem wir nicht einem Parallel-, sondern einem grössten Kreise folgten. Auf der Mercators Projection scheint unser Kurs ein Umweg zu sein, auf dem Globus ergiebt sich der Vortheil sogleich.