„Ja – sozusagen, – das ist eine verteufelte Geschichte, mein bester Herr Kommerzienrat. Der tolle Zernin und der dicke Biese haben sich heut früh duelliert, und Biese ist über den Haufen geschossen worden. Er kann froh sein, wenn er mit dem Leben davonkommt. Zernin ist unglücklich, er hat es nicht so gewollt – aber sechs Monate kostet ihm die Kugel doch. Und vor allen Dingen: ich fürchte, Sie werden ihn an Ihrem Quellenunternehmen nun auch nicht mehr beteiligen können. Merkwürdiges Pech! Es ist eigentlich schade um den Menschen ...“

Schellheim starrte den Landrat an.

„I Gott bewahre – ein Duell – also wirklich ein Duell!“ stammelte er. „Ja, aber um Himmels willen, weshalb denn?! Was haben die beiden sich getan?“

Herr von Wessels lächelte verlegen.

„Das läßt sich schwer sagen,“ erwiderte er. „Sie sind gestern abend bei Ihnen zusammengeraten, aber Zernin hat sich in diesem Falle richtig und taktvoll benommen – jawohl. Biese – na, also kurzum, erfahren werden Sie es ja doch einmal: Biese hat die Dreistigkeit gehabt, sich über Sie als Gastgeber eine respektlose Bemerkung zu erlauben, und da ist Zernin scharf geworden. Das war der Anfang ... Aber ich muß weiter! Addio, mein verehrter Herr Kommerzienrat!“

Sie schüttelten sich die Hände, und ehe der Landrat in das Bahnhofsgebäude trat, wandte er sich noch einmal um und rief kopfnickend: „Es war gestern abend übrigens ganz reizend bei Ihnen!“

Schellheim kletterte in seinen Schlitten zurück. An seinen Sohn, an den Baronshof und an den Korb Heddas dachte er nicht mehr. Es ging ihm im Kopfe herum, daß man seinetwegen einen Zweikampf ausgefochten hatte. Der dicke Biese, ein Bürgerlicher wie er, freilich Landwehrhauptmann – und das sprach mit –, hatte eine beleidigende Äußerung über ihn fallen lassen. Irgend eine mokante Bemerkung wahrscheinlich, wie der Grochauer sie liebte – und da hatte Herr von Zernin Partei für ihn, den Kommerzienrat, genommen, und schließlich war es auf Tod und Leben gegangen – um seinetwillen. Merkwürdige Welt! Eigentlich ging die Sache doch nur ihn an als den Beleidigten; was schossen sich denn die beiden um seine Ehre?! – Und in halbem Selbstgespräch fügte er hinzu: „Es ist im Grunde genommen lächerlich und unverzeihlich. Mich kann ein Mann wie dieser dicke Biese gar nicht beleidigen!“

Neuntes Kapitel

Als der Frühling in das Land zog, fand er Oberlemmingen in großer Erregung. Die feierliche Einweihung der Quelle stand nahe bevor. Aus Frankfurt war ein Kunstgärtner mit einem ganzen Schwarm von Gehilfen herübergekommen und hatte die „Säuberung“ des Buchenwäldchens auf der Grauen Lehne in Angriff genommen. Das war nun in der Tat eine gründliche Säuberung. Aus dem Buchenhain wurde ein regelrechter Park mit Gängen, Plätzen, Alleen und schattigen Wandelgängen. Ganze Baumpartieen wurden vollständig niedergelegt, und an ihre Stelle sollten Blumenparterres treten; vorläufig wurde allerdings nur Humus in Rundellform aufgeschüttet, und das sah aus, als lagerten zwischen dem ersten zarten Buchengrün große Schokoladentorten.

Aber das war noch lange nicht alles. Der Frühling trug auf seinen regenfeuchten Schwingen noch viel stärker das Wehen der neuen Zeit in Oberlemmingen hinein. Die ersten Logierhäuser wurden gebaut. Albert Möller hatte den beiden Kossäten Maracke und Klauert ihre Anwesen abgekauft. Diese lagen dem „Kurpark“ ungefähr gegenüber, und die beiden kleinen, strohbedeckten Häuschen mit den anschließenden Schweineställen und den ewigen Mistpfützen vor der Tür waren geeignet, den guten Eindruck des neuen Kurparks erheblich abzuschwächen. Übrigens paßte Albert, was Maracke und Klauert forderten; es war noch immer ein Spottgeld, aber die beiden armen Teufel hatten noch nie ein paar hundert Taler auf einem Haufen gesehen. Nachträglich ärgerten sie sich natürlich, daß sie nicht mehr verlangt hatten. Die alte Maracken heulte jämmerlich, als sie ihr verfallenes Häuschen verlassen mußte, und ihre fünf Kinder heulten mit. Die ganze Familie zog nach Klein-Güster, Klauert aber nach Zielenberg, wo er einen verheirateten Sohn besaß.