Der wenig günstige Gesundheitszustand ihres Vaters hatte Hedda abgehalten, ihren Plan, einen Wintermonat in der Residenz zu verleben, zur Ausführung zu bringen; zum soundsovielsten Male hatte die Berliner Tante einen Absagebrief erhalten und zum soundsovielsten Male mit immer denselben Worten darauf geantwortet: „Es tut mir schrecklich leid, liebste Hedda, daß –“ und so weiter. Der Freiherr hatte allerdings gewünscht, Hedda solle auf ihn keine Rücksicht nehmen und sich auch einmal eine „Ausspannung“ gönnen; im Grunde genommen aber war er herzensfroh, daß sie dennoch blieb – sie war ihm unentbehrlich geworden, und auch die Arbeit ging ihm viel flotter von der Hand, wenn sie neben ihm saß.
Eines Tages erschien ein Telegraphenbote auf dem Baronshofe. Das war an sich schon ein Ereignis. Hedda entsann sich nicht, daß sie jemals ein Telegramm in Empfang genommen habe, der Freiherr aber hatte vor achtzehn Jahren das letzte erhalten, das ihm den Konkurs eines Berliner Finanzgeschäfts ankündigte, mit dem er in Verbindung gestanden, und das ihm deshalb in recht unangenehmer Erinnerung war. Am meisten regte jedoch August die Depesche auf, der die Botenfrau im Vordergarten abfing, wo er mit Dörthe die Wege harkte.
„Eine Depesche für den Herrn Baron,“ sagte die Botenfrau.
„Allmächt’ger Gott,“ rief August, „eine Depesche! – Dörthe, eine Depesche!“
Dörthe trat näher und betrachtete mit Furcht und Erstaunen das zusammengelegte Papier mit der blauen Marke auf der Rückseite.
„Eine Depesche!“ stammelte sie und faltete unwillkürlich die Hände.
„Dörthe, das bedeutet ein Unglück,“ fuhr August mit Überzeugung fort. „Wie kommt denn eine Depesche hierher, frag’ ich dich bloß!“ Und er schaute Dörthe dabei fast drohend an, als ob sie ihm verheimlichen wolle, wie die Depesche hierher käme. Dann ging er unter beständigem Kopfschütteln in das Herrenhaus.
„Eine Depesche, gnädiges Fräulein,“ sagte er zu Hedda, die in der Speisekammer zu tun hatte.
Hedda fuhr erschreckt zu ihm herum: „Eine Depesche?!“ rief sie. „Nanu?!“
August nickte. „Das habe ich auch gesagt, gnädiges Fräulein. Wenn das man bloß kein Unglück gibt!“