Der Baron, in seinem langschößigen Rock und in der schwarzen Halsbinde wie ein Veteran von 1806 aussehend, hinkte an seinen Krückstöcken auf die Veranda – in dem Augenblick, da der Postwagen vorfuhr.
Es war eine sogenannte Beichaise, ein geschlossenes Coupé, und hinter dem hochgezogenen Fenster des Wagens sah Hedda ein schmales, blasses, freundliches Gesicht und eine ihr zuwinkende Hand in braunem Wildleder.
August riß den Schlag auf, und Baron Axel stieg vorsichtig aus, mit dem Fuße nach dem Trittbrett angelnd.
„Tag, Cousine!“ rief er ihr dabei entgegen, mit leicht fremdartiger Betonung des Deutschen, „Tag, Onkel Frederic! Kinder, wie ist das hübsch bei euch! Kinder, wie freu’ ich mich!“
Seine Begrüßung war sehr warmherzig. Hedda hatte sie steifer und formeller erwartet, sich überhaupt, trotzdem sie eine Photographie des Vetters kannte, ein ganz andres Bild von Axel entworfen. Er war sehr groß, größer als der Vater, aber schmalschulterig und ging leicht vornüber geneigt. Das bleiche Gesicht zeigte vornehme Züge, sah jedoch ein wenig abgespannt und müde aus. Auf der rechten Wange zeichnete sich eine feine Hiebnarbe blutrot ab. Ein langer, weißblonder Schnurrbart sproßte auf der Oberlippe; auch das Haar war weißblond und dünn, aber geschickt gescheitelt und über den Kopf verteilt. Aus den hellen blauen Augen blickte viel Gutmütigkeit. Axel trug ein Monocle ohne Band, ein großes, rundes Glas, ständig in die linke Augenhöhle geklemmt. Seine Kleidung war ausgewählt elegant, besonders fiel Hedda der Sitz der Stiefel auf den sehr kleinen Füßen auf.
August führte den Gast zunächst auf sein Zimmer, und dann ging man sofort zu Tische. Axel fand alles „reezend“ (er sprach das ei gern als e aus), besonders das verräucherte Ahnenbild interessierte ihn sehr.
„Aber irgend eine Ähnlichkeit mit den Porträts in Jarlsberg kann ich beim besten Willen nicht herausfinden,“ sagte er. „Freelich, da sind eenige fünfzig – in eener unendlich langen Galerie, in der man getrost eene Steeplechase veranstalten könnte – ach, Cousine, es ist schade, daß du Jarlsberg nicht kennen lernst – das würde dir gefallen ...“ Und er beschrieb das alte Schloß, das hoch oben in Schweden auf einem Felsenvorsprung, der Lofotengruppe gegenüber, lag, umschäumt und umrauscht von den Wellen, eine kolossale Burg, deren Grundmauern noch aus dem vierzehnten Jahrhundert stammten, und an der acht Generationen gebaut hatten. „Ich mit,“ fügte Axel hinzu, „und es hat mich Mühe genug gekostet, in die riesigen Zimmerfluchten eine gewisse Wohnlichkeet zu bringen, denn Vater und Großvater lebten lieber in Stockholm und mehr noch in Paris als auf dem einsamen Stammschlosse. Aber seht ihr, für mich hat es einen besonderen Reez, da oben zu hausen, mutterseelenalleen, und es tut mir von Herzen leed, daß mir der Arzt das rauhe Klima verboten hat. Ich muß nämlich een bißchen – een bißchen vorsichtig seen,“ schloß er, und gleichsam als Bekräftigung dieser Äußerung befiel ihn zum Schrecken Heddas ein langer und trockener Husten, den er vergeblich niederzukämpfen sich mühte.
Er hatte sich abgewendet und hielt sein Taschentuch vor den Mund. Der Husten erschütterte seinen ganzen Körper, so daß er nach Luft ringen mußte, als der Anfall glücklich vorüber war.
„Schauderhaft,“ sagte er endlich. „Ich habe mich vor zwee Jahren auf der Bärenjagd erkältet und kann mich seetdem nicht wieder so recht erholen. Ich will deshalb auch den Abschied nehmen und een paar Jahre im Süden verleben. Vielleecht wird’s da unten besser ... Und nun, Onkel Frederic – wie steht’s mit der Chronik? Hast du dich durch die alten Urkunden durchfinden können?“ –
Hedda war sich noch nicht ganz klar über den Vetter; sie schwankte noch in ihrem Urteil. Jedenfalls war er ein vollendeter Gentleman und jedenfalls ein sehr kranker Mensch, mit dem man Mitleid haben mußte. Er hatte ein liebes, sympathisches Gesicht, und die ganze Art seines Sichgebens war frei, herzlich und natürlich. Es zeigte sich auch, daß Axel über eine feine und umfassende Bildung verfügte; er war viel in der Welt herumgekommen, beherrschte ein halbes Dutzend Sprachen und war erstaunlich belesen, so daß Hedda im Gespräche mit ihm zu öfterem ein gewisses Schamgefühl über ihren eignen Mangel an Wissen überschlich.