Den ganzen Nachmittag über blieb Axel mit dem Freiherrn in dessen Arbeitszimmer, um den vollendeten Teil der Chronik durchzugehen. Erst beim Abendessen traf Hedda wieder mit ihm zusammen. Sie ärgerte sich im stillen über die Appetitlosigkeit ihres Gastes; was hatte man für Umstände gemacht, und nun aß er fast gar nichts! Mit dem Trinken war es ebenso; er bevorzugte Zitronenwasser ohne jeden Beisatz von Zucker – brrrr, dachte sich Hedda, und das will ein verwöhnter Weltmann sein! Aber seine scharmante Liebenswürdigkeit blieb immer die gleiche. Er sprach viel und ungemein anregend, oft sprunghaft das Thema wechselnd, doch stets interessant; dabei nahm auch sein Gesicht eine lebhaftere Färbung an, und um so stärker fiel die Abspannung seiner Züge auf, wenn er einmal eine Pause in der Unterhaltung eintreten ließ. Gelegentlich fragte ihn Hellstern nach der Ursache der Narbe auf seiner rechten Wange; er vermutete, sie rühre von einem Schmiß aus der Studentenzeit Axels her. Doch Axel erzählte freimütig, er habe die Wunde in einem Duell empfangen – vor sieben oder acht Jahren, in Brüssel, wo er für die Gattin eines Grafen Soundso mehr Interesse gezeigt habe, als dem Ehemann lieb gewesen sei. Jetzt sei er über derlei Dummheiten hinaus.

Axel zog sich übrigens frühzeitig zurück. August mußte mit auf sein Zimmer gehen, ihm beim Auskleiden zu helfen, und er schilderte späterhin in der Küche mit beredten Worten, welche Geheimnisse die Garderobe des Herrn Vetters barg. Da waren eine Unmasse Flaschen und Kapseln mit silbernen Köpfen, alle gefüllt – „weiß der Deubel, mit was“ –, die mußten vor dem Spiegel aufgestellt werden. Und die Hosen wurden in einen Bügel gezwängt, der sie auseinanderspannte, damit sie auch die richtige Form behielten, und in die Stiefel kamen aus dem gleichen Grunde hölzerne Blöcke mit silbernen Ringen hinein, und die Nachthemden waren aus purer Seide. „So was hab’ ich mein Lebtag nicht gesehen,“ schloß August, und als Dörthe fragte, ob die Nachthemden auch wirklich aus Seide gewesen wären, sagte er: „Auf Ehre, aus purer Seide; ich hab’ sie befühlt.“

Hedda blieb, nachdem Axel gute Nacht gewünscht hatte, noch ein halbes Stündchen bei ihrem Vater sitzen. Es drängte sie, ihre Eindrücke über den Gast mit ihm auszutauschen.

„Wie findest du den Axel?“ fragte sie. „Er ist schwer leidend, nicht wahr?“

Der alte Herr nickte.

„Ich glaube auch; er verbirgt’s zwar gern, aber ich halte den armen Kerl für schwindsüchtig. Und da ist mir etwas eingefallen, Hedda, woran ich vorher noch gar nicht gedacht hatte. Wer bekommt denn das ganze Geld und die Güter in Schweden und die alte Burg den Lofoten gegenüber, wenn der Axel einmal unverheiratet sterben sollte? Ich gönne ihm, weiß Gott, noch ein langes Leben, aber schließlich, des Herrn Wille ist unerforschlich – und Axel sieht nicht so aus, als ob er das Hellsternsche Alter erreichen würde. Na, da habe ich denn am Nachmittage vorsichtig einen Fühler ausgestreckt, ob er noch irgend welche Verwandte hat, von denen der Freiherrnkalender nichts weiß. Und es ist wirklich so. Stirbt er ohne Nachkommen, dann fällt sein ganzer Besitz einem Vetter zu, der in der englischen Marine dient, und den er wie die Pest haßt. Er hat einmal irgend einen argen Zank mit ihm gehabt; nach seinen Schilderungen muß es ein gräßlicher Kerl sein. Nun frage ich dich, ist das nicht schandbar?“

„Weshalb?“ entgegnete Hedda harmlos.

„Schlaukopf – weshalb? Wären wir nicht ebenso geeignete Erben wie dieser unausstehliche Vetter in der englischen Marine?“

Hedda lachte.

„Ich zweifle nicht daran,“ entgegnete sie, „daß wir uns als Erben in der Tat ebensogut und vielleicht besser ausnehmen würden. Aber deinen Ärger versteh’ ich trotzdem nicht recht, Vater. Du sagst ja selbst, daß du nie an die Möglichkeit gedacht hättest, je einmal von Schweden aus berücksichtigt zu werden –“