„Merci, Herr Doktor – sehr liebenswürdig,“ entgegnete Hellstern; „das Lateinische macht mir ja manchmal Kopfzerbrechen; und wenn mir etwas besonders Verzwicktes unter die Finger kommen sollte, will ich mich gern an Sie wenden. Bleiben Sie noch einige Tage hier?“
„Leider nein,“ erwiderte die Rätin seufzend, und ihr Gatte fiel ein: „Sie fahren alle beide schon morgen abend wieder zurück, die Jungen ...“ Er klopfte Gunther auf die Schulter. „Ich hab’s nicht böse gemeint – de gustibus und so weiter. Mir würde das Herumwühlen in alten Scharteken den Appetit verderben. Da lob’ ich mir noch die Musik. Gnädigste Baronesse sind gewiß auch Wagnerschwärmerin?“
Das war sie wirklich, und nun erfolgte eine kurze Zwiesprache zwischen ihr und der Rätin über den vergötterten Meister und seine Musik. Da wurde Frau Schellheim warm. Sie konnte sich gar nicht beruhigen, daß Hedda ihren Liebling nur aus den Klavierpartituren kannte und noch keins seiner Bühnenwerke gesehen hatte. Ihr drittes Wort war Bayreuth und Frau Cosima. In der Villa Wahnfried kannte sie jeden Raum.
Der Baron beobachtete scharf, während er ungezwungen plauderte. Sein Urteil über die Familie Schellheim stand fest. Der Rat ein intelligenter Emporkömmling, wie man seinen Typus in allen Großstädten hundertfach findet; die Frau unterdrückt, nicht uneben; aber von sklavischer Ergebenheit; der grimme Hagen ein modernes Kaufmannsgigerl, das nach Abschluß der Geschäftszeit den Lebemann und Kulissenjäger spielt – und Gunther der aus der Art geschlagene Idealist. Gunther gefiel dem Baron noch am besten, obschon auch er für grüblerische Gelehrtentüftelei wenig übrig hatte.
Man sprach von guter Nachbarschaft und dergleichen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr Hellstern, daß der Kommerzienrat beabsichtigte, sich gänzlich auf der „Auburg“ – so hatte er sein Schloß getauft – festzusetzen. Hagen sollte die Fabrik allein weiterführen.
„Ich möchte mich gern einmal etwas intimer mit der Landwirtschaft befassen,“ sagte Schellheim, schon zum Aufbruch gerüstet. „Es macht mir Spaß – möchte mal versuchen, ob dem Boden nicht doch ganz gute Erträgnisse abzuringen sind.... Also wegen der Quelle, – stehen Sie mit dem Möller auf gutem Fuß, Herr Baron, wenn ich fragen darf?“
„Auf gar keinem,“ erwiderte Hellstern ziemlich kurz. „Aber, falls Sie mit ihm in Verbindung treten sollten – attention! Es ist ein brutaler Schlaukopf.“
Schellheim lachte.
„Mich führt niemand so leicht hinters Licht, bester Herr Baron,“ sagte er. Dann empfahl man sich. Auf der Veranda blieb der Kommerzienrat noch einen Augenblick stehen und pries die Lage des Baronshofes. Auch das alte Herrenhaus gefalle ihm sehr. Er habe für diese alten Landhäuser viel mehr übrig als für die modernen Luxusbauten. Er sei überhaupt nicht für den Luxus, wenn er sich nicht mit solider Gediegenheit vereine ...
August stand wieder am Wagenschlag. Er sah sehr schäbig aus neben den frisch livrierten Dienern Schellheims und dem lackierten Glanz der Viktoria. Aber er machte ein hochmütiges Gesicht; die Leute vom Auberg imponierten ihm durchaus nicht.