„Nun denken Sie mal an! Wenn wir nicht mehr in die Ferne zu schweifen brauchten, sondern gleich immer an Ort und Stelle unser alljährliches Gesundungsbad nehmen könnten! Alle Wetter, das wäre doch wirklich famos! Ich hätte große Lust, dem alten Möller das Quellenterrain abzukaufen. Allzu unverschämt wird er ja hoffentlich nicht sein.“
„Eh – na – warten Sie’s ab, Herr Kommerzienrat! Wie ich unsre Bauern kenne, lassen sie sich nicht so leicht die Butter vom Brote nehmen. Und namentlich der alte Möller, – der hat’s faustdick hinter den Ohren ... Offen gestanden, ich wünschte, die ganze Geschichte beruhte auf einem Irrtum. Mit unserm stillen Frieden ist’s aus, wenn wir erst Badegäste hierher bekommen. Ich gucke unsre paar Sommerfrischler schon immer unwirsch von der Seite an.“
„Das ist egoistisch, lieber Baron –“
„Ah was, jeder ist sich selbst der Nächste! Ich bin glücklich in meiner Einsamkeit. Hab’ neulich einmal irgend einen modernen Dichter gelesen, der nennt die Einsamkeit ein ‚vornehm’ Land‘. Und, weiß Gott, der Poet hat recht! Ich möchte mir nicht gern mein letztes Eckchen ‚vornehm’ Land‘ rauben lassen.“
Der Kommerzienrat verzog den Mund.
„Alle Achtung vor Ihrem Dichtersmann, Herr Baron – aber die Einsamkeit widerspricht dem Zeitgeist. Wer für die Menschheit lebt, muß mitten im Menschentreiben stehn.“
„Oho – haha – Kommerzienrat, fragen Sie mal den Jüngsten Ihrer Nibelungen, ob er im Trubel und Gewühl schaffen und arbeiten kann! Und lebt doch am Ende auch für die Menschen seiner Zeit.“
Die Rätin nickte, und der grimme Hagen warf ein, mit schiefen Mundwinkeln gleich seinem Herrn Vater, sich an der Krawatte zupfend: „Ach nein, Herr Baron – den Gunther muß man als Sonderling beurteilen. Der ist am glücklichsten, wenn sich kein Mensch um ihn bekümmert, und selbst seine Forschungen hält er ängstlich geheim.“
„’s ist so,“ fiel Schellheim ein, während die beiden in der Fensternische sich nicht in ihrer Unterhaltung stören ließen, sondern nur zuweilen mit leichtem Lächeln zu den andern herüberschauten; „ich bin kein Banause, lieber Baron, und schätze Wissenschaft und Kunst – ah, nun ja – ganz gewiß! Aber ich frage dennoch: was gewinnt die Menschheit, wenn irgend ein Gelehrter nach unendlichen Mühen herausgekriegt hat, daß Heinrich von Ofterdingen möglicherweise ein paar Strophen des Nibelungenliedes gedichtet habe? – Ich bitte Sie, die ganzen gelehrten Wissenschaften, die nicht praktischen Zwecken dienen, sind doch eigentlich nur Füllsel im Dasein, pikante Zutaten zu der Pastete, aber keine Kost, die den Hunger der Lebenden stillt! Den Hunger der Lebenden,“ wiederholte er nochmals, als gefalle ihm der Ausdruck besonders, und dann fuhr er raschen Wortes fort, da er sah, daß seine Frau unruhig wurde und verschiedenfach nach dem Fenster blickte: „Ich hätte ja am liebsten gehabt, Gunther hätte gleichfalls die kaufmännische Karriere ergriffen. Er wollte nicht – schön – ich bin kein Rabenvater. Aber nun ausgesucht Literarhistoriker! Warum nicht Jurist? Warum nicht Mediziner? Meinethalben bloß Theoretiker – Anthropologe, Bazillenmensch – die haben doch feste Ziele im Auge, ich bitte Sie, und ihre Untersuchungen nützen der Gesamtheit.... Nein – er wollte partout ein Bücherwurm werden –“
„Und fühlt sich recht wohl dabei,“ warf Gunther ein. Er war aus der Nische getreten. Sein blasses Gesicht hatte sich leicht gerötet. Er lächelte, aber es zuckte doch auch ein wenig bitter um seine Mundwinkel. „Papa ist nun mal ein Fanatiker der sogenannten praktischen Berufe, Herr von Hellstern,“ wandte er sich wie entschuldigend an den Baron; „ich begreife es auch. Wer, wie er, sich nur in rastloser produktiver Tätigkeit wohl fühlt, der kann einer stillen Gelehrtenarbeit schwerlich Geschmack abgewinnen. Ich höre übrigens, daß Sie mit einer Geschichte Ihres Geschlechts beschäftigt sind, Herr Baron, und sich in umfangreiches Quellenmaterial zu vertiefen haben. Wenn ich Ihnen irgendwie dienlich sein kann –“