Sie kehrten zusammen in das Haus zurück, wo der Freiherr bereits am Teetisch saß und ungeduldig auf die beiden wartete. Trotz des Frühlingstages brannte Feuer im Kamin, und das konnte man in dem großen Saale schon vertragen. Die Scheite knisterten und knackten, und die Flammen zuckten hin und her.
Während des Frühstücks fragte Axel seinen Gastgeber aus. Er sei neugierig und wolle alles wissen, sagte er, was für den Baronshof von Interesse sei. Hedda und der Alte begannen zu erzählen, namentlich der Alte nahm die Gelegenheit wahr, einmal sein Herz auszuschütten. Er schilderte den jahrelangen verzweifelten Kampf, den er um seine Scholle geführt hatte, aber schließlich sei sie nicht mehr zu halten gewesen. Übrigens sprach Hellstern vernünftig und ruhig. Er schimpfte nicht auf die „Handelsverträge und das römische Recht“ und vermied die landläufigen Phrasen. Er war der Meinung, daß man heutzutage bei der Landwirtschaft nur dann etwas erübrigen könne, wenn man für alle Fälle Kapitalien hinter sich habe. Man müsse den Schwankungen der Preise Trotz bieten, müsse auch Courage und die nötigen Mittel haben, um einmal eine Neuerung wagen zu können. Zum Beispiel der alte Usen auf Karstädt – was habe der aus seiner Herrschaft gemacht! Ein geiziger Mann, der die niedrigsten Löhne zahle und seine Leute wahrhaft aussauge, aber für das Land sei ihm nichts zu teuer. Sein Maschinenapparat sei ein wahres Wunder. Und all das lohne sich; die geopferten Gelder seien nicht fortgeworfen. Aber man müsse sie eben haben – und er, Hellstern, hatte sie nicht. Damals, wie die Hellsterns aus Schweden herübergekommen, waren sie reiche Leute gewesen, aber wo war der Mammon geblieben? Verpulvert, verschleudert, vergeudet – „adjö!“ ... Daß die Landwirtschaft gute Erträgnisse abwerfe, wenn man reichlichen Hinterhalt habe, um nachfeuern zu können, sehe jetzt selbst die Finanz ein. Alle reichen Juden kauften sich Güter ...
Axel hatte schweigend zugehört, und als Hellstern zu Ende war, bat er sich von Hedda noch ein Stück Streuselkuchen aus, der ihm zu Ehren gebacken worden war, und den er als delikat bezeichnete, und sagte sodann:
„Es ist jedenfalls jammerschade, daß du dein Besitztum verkauft hast, Onkel Frederic. Ich verstehe dich nicht, daß du dich damals nicht an mich gewandt hast – ich hätte dir doch so gern geholfen.“
Der Freiherr schüttelte den Kopf.
„Du standst mir zu fern, Axel,“ erwiderte er. „Und dann lagen auch schon überreichlich Hypotheken auf dem Gut. Es wäre Unsinn gewesen, noch weitere Versuche zu wagen. Ich bin froh, daß ich den Baronshof behalten konnte und dabei noch mein leidliches Auskommen habe. Kommerzienrat Schellheim hat freilich gewaltig geschachert, aber ein andrer hätte vielleicht noch weniger gezahlt. Schließlich bin ich ganz zufrieden.“
Man erhob sich. Axel schlug einen Spaziergang vor, und Hedda war einverstanden.
Sie gingen durch das Dorf. Für alles zeigte der Vetter Interesse. Hedda mußte ihm von der Quelle erzählen. Der neuschaffende Einfluß des Heilwassers machte sich bereits überall bemerkbar. Die Dorfstraße wurde gepflastert; Scharen von Arbeitern klopften und hämmerten; es klang und gellte durch die frische Morgenluft. Am Kruge wurde ein neuer Flügel angebaut. Die alte Inschrift: „Gastwirtschaft von C. Möller“ war längst übertüncht worden; Riesenbuchstaben, schwarz mit Goldrand: „Hotel Möller“, sollten sie ersetzen. Die Logierhäuser Alberts stiegen in die Höhe; überall regten sich fleißige Hände.
Axel wollte auch den „Kurpark“ sehen. Man rodete und pflanzte noch. Die Natur kam hier den Gärtnern wesentlich zu Hilfe. Der junge Buchenwald war wunderschön, und die humusreiche Erde ermöglichte leicht die Anbringung hübscher Bosketts. Der Kommerzienrat hatte es aber noch vornehmer haben wollen. Auch exotische Pflanzen sollten dabei sein, Palmen, Agaven und dergleichen mehr, und so wurde denn nach der Wiese zu ein Treibhaus errichtet, zur Aufbewahrung der Seltenheiten während der kälteren Jahreszeit.
Zahlreiche Menschen waren auch im Kurparke tätig. Plötzlich neigte Hedda grüßend den Kopf; sie hatte den Kommerzienrat entdeckt. Seit der verfehlten Werbung Gunthers war eine Entfremdung zwischen den Insassen des Baronshofs und des Auschlosses eingetreten. Man besuchte sich nicht mehr. Nun aber schritt Schellheim Hedda mit verbindlichem Lächeln entgegen, lüftete seinen Hut und reichte ihr die Hand. Sie stellte Axel vor.