„Trotzdem ist es fraglich, ob mir einer von ihnen gefallen hätte.“

„Lieber Himmel, du kannst doch nicht alte Jungfer werden?!“

Hedda erhob sich und gab dem Alten einen Kuß.

„Ängstige dich nicht meinetwegen, Vater,“ sagte sie heiter. „Das Heiraten gehört freilich sozusagen zum weiblichen Beruf, aber es gehören auch immer zwei dazu. Finden sich die nicht zusammen, dann muß man sich zu trösten suchen. Und das werde ich tun – wenn es nicht anders ist. Nun schlaf wohl und verträume die ernsten Gedanken!“

Sie strich ihm über die Stirn und klingelte nach August. –

Als Hedda am folgenden Morgen aufgestanden war, fand sie Axel bereits im Parke vor. Er kam ihr mit fröhlichem Lachen entgegen.

„Du wunderst dich über mein Frühaufstehen,“ sagte er, ihr die Hand reichend. „Das ist aber nichts weeter als eine Folge des Frühschlafengehens, Hedda. Ich bin etwas nervös und an kurzen Schlummer gewöhnt. Vier Stunden genügen mir, oft auch nur dree. Sieh, wie herrlich der Morgen ist!“

Das war er. Es strömte ein würziger Frühlingshauch durch den Park, der Odem der Verjüngung und Auferstehung. Tau schillerte auf Gräsern und Halmen, und auf den sprießenden Wiesen keimte schon der erste wilde Blumenflor empor. Die Erlen und Weiden am Weiher setzten Kätzchen an; die Essigbäume umkleideten sich mit goldbraunem Flaum. Auch an dem Christusdorn brachen bereits zartgrüne Knöspchen auf, und die Fliederbosketts standen in frischem Blätterschmuck.

Hedda fragte, wie Axel geschlafen habe. Seine gewohnheitsgemäßen drei Stunden gut, antwortete er; nicht einmal der Geist des verräucherten Ahnherrn habe ihn gestört. Und von Beginn des Frühdämmerns an, wo seine Schlummerzeit um sei, habe er dem Erwachen der Natur gelauscht. Die Sperlinge hätten angefangen und dann die jungen Schwalben in ihrem Nest dicht unter dem Fenstersims. Hierauf hätten sich die Krähen in den Birken zu rühren begonnen, eine außerordentlich lebhafte Gesellschaft, die dem Aufgang der Sonne mit großem Geschrei entgegensehe; auch ein Storch müsse sich in der Nähe angesiedelt haben, dessen Klappern Axel deutlich gehört haben wollte. Schließlich kam das Geflügel auf dem Wirtschaftshof an die Reihe, zuerst undeutlich, denn das Viehzeug war noch in seinen Ställen eingesperrt. Aber man hätte doch schon die verschiedenartigen Organe unterscheiden können: das dumpfe Krähen der Hähne, das Glucken der Hennen, das Schnattern der Gänse und Enten. Dazwischen zuweilen den sanft mahnenden Brüllton einer Kuh, ein Pferdewiehern und im Verein mit melodischem Kettenklirren das Anschlagen des Hofhundes. Endlich erwachte auch der Mensch. Man hörte die Pumpe arbeiten – sie müsse einmal geölt werden, sagte Axel – und dann das Öffnen verschiedener Türen, und nun hätten sich die sämtlichen Stimmen zu einem gemeinsamen Konzerte vereinigt. Doch immer habe das helle Schmettern der Hähne das Leitmotiv angegeben ...

Hedda amüsierte sich sehr über diese Schilderung. Sie fand, daß der Vetter heut ungleich frischer, wohler und jünger aussah als gestern. Sie fand auch, daß er ein eigentümlich feines und zartes Gesicht habe, mit hellen, strahlend blauen Augen und einem Spinnennetz winziger Fältchen darunter, das aber merkwürdigerweise durchaus nicht entstellend war. Was ihr indessen am meisten auffiel, war die intensive Blutfarbe seiner Lippen. Er war bereits fertig angezogen, nur trug er statt des Rocks ein Morgenjackett aus bräunlichem, gestepptem Eskimo. Er sah sehr elegant aus, trotz seiner langen, etwas schwippen Figur und seiner schlechten Haltung.