Hedda war mit Axel den Döbbernitzer Weg hinabgegangen. Auf Schritt und Tritt machte sich der Anbruch der neuen Ära bemerkbar. Auch drüben auf dem Kirchenland, jenseits der Barbe, arbeiteten die Leute. Man sah die ragende Gestalt des Pastors unter ihnen und seinen wehenden weißen Bart. Mitten in der Tannenschonung wurde ein großer Platz freigelegt; dorthin sollte das Kinderasyl Eyckens kommen. Ein hoher Mastbaum überragte das Schwarzgrün der Tannenwipfel, mit einer flatternden Fahne, die ein achtspitziges Kreuz trug, hinweisend auf die Protektion des Ordens von Sankt Johannes vom Spital zu Jerusalem, unter dessen Hut die neue Kinderheilstätte stehen würde.

Hedda fragte Axel, ob ihn der weite Spaziergang nicht anstrenge. Sie hatte ihn wieder zu öfterem husten hören. Aber er verneinte; er fühle sich sehr wohl und auch sehr glücklich.

„Ja – sehr glücklich, Cousine,“ wiederholte er. „Ist es der Reez des Neuen oder die frische Landluft oder die Freude, einmal mit lieben Verwandten zusammen sein zu können – ich kann dir nur sagen: ich fühle förmlich, wie mir das Herz auftaut – ich spüre selbst so etwas wie Frühling in meiner Brust! Das ist mir lange nicht passiert – und ich danke dir und dem Onkel wirklich aufrichtig dafür, daß ihr mir gestattet habt, euch besuchen zu dürfen.“

„Aber ich bitte dich, Vetter,“ wehrte Hedda den Dank unter hellem Erröten ab, „wir haben uns ja so gefreut, dich kennen zu lernen, und hoffen, es wird nicht das letzte Mal sein, daß du auf dem Baronshofe bist. Du glaubst nicht, wie froh ich bin, daß es dir bei uns gefällt – denke dir, ich habe eine Todesangst gehabt, du würdest ein furchtbar verwöhnter Prinz sein und nichts gut genug für dich finden! Mein Gott, es geht doch schrecklich einfach bei uns zu!“

„O Hedda, du mißverkennst mich völlig,“ entgegnete Axel. „Ich bin verwöhnt – allerdings – das heeßt, ich richte mir das Leben, soweit es möglich ist, nach eegner Bequemlichkeit ein. Aber das will noch nicht sagen, daß ich mich lediglich in der Bequemlichkeit wohl fühle. Ich habe einmal eine Expedition in das Innere von Spitzbergen mitgemacht, wo wir uns im Schneegestöber verirrten und dree Tage lang auf trockenen Schiffszwieback angewiesen waren – es hat mir nicht wehe getan. Ich liebe den Luxus, doch ich entbehre ihn nicht. Ich entbehre ihn um so weniger, wenn ich mich sonst wohl fühle, Hedda. Und ich kann dir nur wiederholen: es weht mir hier bei euch so eine Art Glücksempfinden durch die Seele – ich weiß nicht, woher es kommt – so etwas wie Heematluft.... Ich bin stets ein eensamer Mensch gewesen, und merkwürdig genug: im tollsten Trubel hab’ ich mich immer am eensamsten gefühlt. Nun hat man mir auch Jarlsberg verboten – wegen der rauhen Luft und des verdamm – o Pardon, meines Hustens wegen. Man hat mir die Heemat genommen. Das tut mir weher als der harte Schiffszwieback in Spitzbergen – und es ist mir, als hätte ich hier Ersatz gefunden ...“

Hedda rührte das Geständnis des langen Vetters, des armen „Heimatlosen“, der, mit Glücksgütern überhäuft, sich doch nicht glücklich zu fühlen schien. Er war sicher kein Alltagsmensch, sondern eine feine und zarte Natur, mit kompliziertem Seelenorganismus – einer, der immer einer linden, weichen und schonenden Hand bedurfte. Sie begriff schon, daß er sich leicht einsam fühlte bei seinem Hange, abseits zu gehen, und der Notwendigkeit, in der großen Welt zu leben. Das war ein Zwiespalt, den er hart empfinden mußte.

„Weißt du, Vetter,“ begann sie wieder, „daß ich deinen Entschluß, den Dienst zu quittieren, für sehr vernünftig halte?“

„Wirklich?“ fragte er.

„Ja, wirklich. Ich glaube, du bist gar kein Beamtenmensch. Alles Gegliederte, Schematische und Bureaukratische ist dir zuwider.“

„Das ist es. Dabei bin ich aber merkwürdigerweise eine peinlich ordentliche Natur, Hedda.“