Am nächsten Morgen trompetete abermals eine Extrapost auf dem Baronshof, die sich Axel in Zielenberg bestellt hatte. Hellstern war böse darüber. Sein Wagen tät’ es auch noch, meinte er, und seine dicken Füchse liefen ganz gut. Aber Axel wollte keinerlei Umstände verursachen. Er versprach, in Bälde wiederzukommen, und nahm herzlichen Abschied. Sein Dank klang so warm, daß man fühlen konnte, wie ehrlich er es meinte. Er küßte den Alten auf beide Wangen und drückte Heddas Hände fest. „Ein merkwürdiger Mensch,“ dachte sie, als sie sah, daß seine Augen feucht geworden waren.

August war voll hohen Lobes über den Herrn Vetter aus Schweden.

„Er hat jedem von uns ein Goldstück als Trinkgeld gegeben, gnädiges Fräulein,“ erzählte er Hedda. „Mir zwanzig Mark und Dörthen und Gusten je zehne. Wenn man denkt, daß der junge Herr Baron kaum drei Tage bei uns war, so ist das eigentlich ein bißchen viel. Aber unsereiner kann das doch nicht zurückweisen – wie würde das denn aussehen!“

Auch bei Tische kam man nochmals auf Axel zurück.

„Ich werde nicht klug aus ihm,“ sagte Hellstern. „Er ist mir zu weich, zu lasch, nicht männlich genug. Aber vielleicht liegt das an seiner Krankheit, vielleicht auch tatsächlich an dem Empfinden von Heimatlosigkeit, das ihn beherrscht.... Übrigens, was ich dir erzählen wollte, Hedda: der Klaus ist begnadigt worden – man hat ihm den Rest seiner Festungshaft geschenkt. Ich denke mir, er wird abermals Mittel und Wege finden, der drohenden Subhastation zu entgehen.“

„Und damit würde Axels Idee, Döbbernitz zu kaufen, ins Wasser fallen,“ entgegnete Hedda.

„Es wäre im Grunde genommen ganz gut,“ erwiderte der Alte; „so mal für ein paar Tage ist er sicher sehr nett, aber für den ständigen Verkehr – ich kann nur wiederholen, da ist er mir zu lasch ... Meinst du nicht auch?“

Hedda zuckte zerstreut mit den Achseln. Sie dachte in diesem Augenblick an Klaus und nicht an den schwedischen Vetter.

Zehntes Kapitel

Nun war endlich der langersehnte Tag gekommen, an dem die neue Quelle ihre feierliche Weihe empfangen sollte. Es war später geworden, als man anfänglich erhofft hatte. Der Sommer war bereits mit heißem Prangen in das Land gezogen, und auf den Feldern begann sich die Saat schon gelb zu färben. Aber man hatte diesmal nicht das Interesse an der Ernte wie sonst: die Quelle zog die Aufmerksamkeit aller auf sich. Ehe sie noch offiziell erschlossen worden war, hatten sich bereits die ersten Badegäste eingefunden: ein paar Familien aus Frankfurt an der Oder und auch einige Berliner, die sich für den ganzen Sommer in Oberlemmingen festsetzen wollten. Aber auch andre hatten sich angemeldet, aus weiterer Ferne, selbst aus Süddeutschland. Die Broschüre, die Professor Statius über die Heilwirkungen des Wassers geschrieben hatte, war zu Hunderttausenden in alle Welt gegangen. Ein federgewandter Schriftsteller, den Schellheim ausfindig gemacht, hatte eine Beschreibung des neuen Badeortes angefügt und mit schönen Worten seine romantische Lage gerühmt, den Kranz grüner Wälder, der das freundliche Dorf umgab, die Reize des Kurparks, der Wiesen und Felder, und eine ganze Anzahl eingestreuter Illustrationen sorgte für noch bessere Veranschaulichung dieser Lobeshymnen. Und was die Hauptsache war: der Ton lag auf der Billigkeit von Oberlemmingen. Hier herrschten sozusagen noch patriarchalische Sitten; hier war es nicht wie in Karlsbad und Kissingen und den sonstigen großen Bädern; die Kurtaxe war gering, die Lebensmittel bekam man fast umsonst, für Logis und Bedienung waren die denkbar niedrigsten Sätze aufgestellt worden. Bei der Lektüre der Broschüre konnte man den Eindruck gewinnen, als mache man Ersparnisse bei einem längeren Aufenthalt in diesem stillfriedlichen märkischen Paradies. Als der alte Möller sich eines Tages nach mancherlei Mühe durch die Broschüre durchgeackert hatte, bezeigte er sich nicht sehr zufrieden. Die ewige Betonung der billigen Preise behagte ihm nicht. „Wie sollen wir denn dabei auf die Kosten kommen?“ fragte er Albert. Doch der lächelte verschmitzt, steckte die Hände in die Hosentaschen und klimperte mit dem lockeren Gelde, das er immer in den Beinkleidern trug. „Das ist einfach der Köder, Vater,“ antwortete er; „erst müssen die Leute kommen – nachher wird sich’s schon finden, wie wir sie drankriegen.“