Man hatte an Bismarck ein Huldigungstelegramm abgesandt, und der höfliche Alte von Friedrichsruh beeilte sich, umgehend telegraphisch zu danken und Oberlemmingen eine gedeihliche Zukunft zu wünschen. Das brachte neues Leben in die Gesellschaft. Exzellenz Usen, der in einer Ecke der Halle eingeschlafen war, wachte wieder auf, und Schellheims Gesicht glänzte vor Glück. Er brauchte es, denn er hatte am Tage vorher eine ihn stark erregende und tief erbitternde Mitteilung erhalten. Sein Sohn Hagen, der Älteste der Nibelungen, schrieb ihm, daß er sich zu verheiraten gedenke, und zwar mit einem kleinen Fabrikmädchen, einer gewissen Anna Zell, einem zwar armen, aber sehr braven und lieben Geschöpf, wie er versicherte. Er hoffe, die Eltern würden nichts dagegen einzuwenden haben. Schellheim war außer sich. Er entsann sich dieser niedlichen Kleinen; sie arbeitete bei den Stepperinnen, und der Kommerzienrat hatte einmal durch Zufall gehört, daß zwischen Hagen und ihr schon lange eine Liebelei bestand. Dagegen hatte er nichts, aber heiraten – nein, das war eine Unmöglichkeit! Hagen war der Leiter des Weltgeschäfts, der Träger der Firma; er hatte die Verpflichtung, sich eine Gattin zu suchen, die zu repräsentieren verstand. Und auf der Stelle setzte sich Schellheim hin, um Hagen zu antworten. Er sagte ihm gründlich seine Meinung, drohte mit Fluch und Enterbung und verbat sich energisch, den Namen dieser Anna Zell in seiner Gegenwart auch nur zu nennen. Auch die Rätin war bekümmert, aber sie sprach es nicht aus. Sie ließ ihren Gatten wettern und schimpfen, ging auf ihr Zimmer und schloß sich ein, um ungestört weinen zu können.

Gegen drei Uhr kehrte Albert Möller in das Hotel zurück. Er hatte seinen Bruder Bertold, der bereits nach Oberlemmingen übergesiedelt war, um den Umbau des Braumüllerschen Hauses zu überwachen, abgeholt. Es war wieder einmal eine Familienkonferenz nötig. Fritz, der – eine große weiße Schürze um den Leib – soeben dabei war, Weinflaschen zu etikettieren, fragte verwundert, was es denn gebe.

„Wirst es schon hören,“ antwortete der Bruder, „diesmal geht’s dich an!“

In einem der Hinterzimmer fanden sie sich zusammen: Mutter Möller mürrisch wie immer, das Gesicht vom Küchenfeuer gerötet, der Alte, Fritz, Albert und Bertold.

Albert ging ohne Umschweife auf die Angelegenheit los. „Ich möchte mit euch einmal wegen der Dörthe reden,“ sagte er. „Der Sache muß ein Ende gemacht werden.“

„Wieso?“ fragte der dicke Fritz aufgeregt, während die Mutter zustimmend nickte.

„Wieso?“ wiederholte Albert mit strenger Stimme. „Kannst dir’s wohl denken. Ohne Frau weiterzuwirtschaften, geht nicht.“

„Ich habe der Dörthe versprochen, daß zu Weihnachten Hochzeit sein soll,“ entgegnete Fritz; „da wird’s ja anders werden!“

„Und ich bin doch auch noch da,“ fügte die Mutter hinzu.

Albert schüttelte den Kopf.