Den Himmel überstrahlte bereits das Abendrot. Die weißen Lämmerwölkchen am Firmament waren rosig durchleuchtet, selbst der breite Schatten des alten Birnbaumes, der mitten im Hofe stand, hatte eine violette Umsäumung. Vom Anger herüber klang ein leises, melodisches Läuten; der Schäfer des Krugwirts trieb seine kleine Herde heim.
Pauline trat in die Haustür, blieb einen Augenblick stehen und schaute nach dem Himmel, um zu sehen, ob während der Nacht ein Gewitter zu gewärtigen sei, und sagte sodann mit der etwas monoton klingenden Stimme, die allen Tauben eigen ist:
„Komm ’rein, August; es fängt an, kühle zu werden.“
Klempt nickte und erhob sich gehorsam. Aber er ging doch nicht, sondern wies hinüber nach der Gartenpforte, wo eine frische Mädchenstimme das Lied von den wandernden Schwalben sang. Die Dörthe kam. Sie hatte Urlaub erhalten, den Vater und den Bräutigam zu besuchen, trug ihr Feiertagskleid aus geblümtem Kattun und ein buntes Tüchlein um den Hals.
„Holla, Vater,“ rief sie schon von weitem, „bist du noch draußen? Und hat nicht der Doktor gesagt, du sollst vor Sonnenuntergang wieder in der Stube sein?“
„’s ist ja so schöne,“ antwortete Klempt lächelnd, und als er den Sonntagsstaat Dörthes sah, fügte er fragend hinzu: „Ist denn heute Kirmes, daß du dich so fein gemacht hast?“
Dörthe gab dem Vater und der Tante die Hand.
„Ich will mal zu Fritzen gehn,“ entgegnete sie. „Heut ist ’was los im Kruge. Das Springelchen an der Grauen Lehne soll ein Heilquell sein, hat ein Professor aus Frankfurt an den Kantor geschrieben. Da kommen sie alle zusammen.“
„Hab’s auch schon gehört,“ meinte Klempt; „ein Wunderwasser, das Kranke gesund machen soll. ’s käm’ mir zunutze.“ Er schüttelte den Kopf. „’s wird bloß wieder so ein Gerede sein,“ fuhr er fort; „die Leute reden viel ...“
Pauline tupfte ihrem Bruder auf die Schulter und zeigte nach der Tür.