Für Hellstern war der arme Braumüller ein „neues Opfer der Kulturmission von Oberlemmingen“. Braumüllers Untergang war seiner Ansicht nach die logische Folge der industriellen Hetzjagd, die von Schellheim und den Möllers in Szene gesetzt wurde, um aus der Quelle so viel als möglich herauszuschlagen. Er war ein tüchtiger und arbeitsamer Bauer gewesen; aber dann erfaßte ihn die Gier nach schnellem Reichtum, und er verkaufte sein Anwesen, um nun allmählich in lässiger Faulheit der Trunksucht anheimzufallen.
Zweifellos urteilte Hellstern in seiner Vereinsamung und Verbissenheit einseitig und ungerecht. Aber ebenso zweifellos machte sich im Dorfe die bei ähnlichen Gelegenheiten oft beobachtete Tatsache geltend, daß das unerwartet rasche Emporschnellen der Erwerbsverhältnisse von ungünstiger Rückwirkung auf die Bauern war. Man ernährte sich recht und schlecht auf seinem kleinen Besitz; man legte in guten Jahren ein paar Taler zurück und verbrauchte sie wieder in knapperen; man schlug sich bei harter Arbeit durch, schimpfte auf die Steuern und war dabei fröhlichen Muts. Und nun sah man plötzlich, daß es ein viel bequemeres Verdienen gab als das, was man erlernt, was der Sohn vom Vater und der Vater vom Großvater übernommen hatte. Die Möllers machten es den andern vor. Die hatten den Bauernkittel abgelegt und waren Geschäftsleute geworden, und sie wurden reich dabei. Warum sollte man ihnen nicht folgen? War es nicht ein kümmerliches Leben, das man bis dahin geführt hatte? – Thielemann, der Krämer, hatte für sein Gehöft ein hübsches Stück Geld eingesackt; nun war er nach Züllichau gezogen und eröffnete dort eine Materialwarenhandlung. Das war auch ein leichterer Verdienst, und vor allem: hatte man nicht dabei ein viel besseres Leben als hier auf dem Lande, wo man mit Sonnenaufgang aus den Federn mußte und des Abends todmüde ins Bett sank?
Es waren besonders die Frauen und die erwachsenen Töchter, die sich der revolutionären Bewegung in Oberlemmingen mit Begeisterung anschlossen. Sie steckten sich hinter die Männer und redeten in sie hinein: warum verkaufte man nicht? Die Möllers zahlten gute Preise – mit dem gewonnenen Gelde ließ sich schon etwas anfangen! ... In der Tat kauften die Möllers auf, was sich ihnen anbot. Sie hatten es um so eiliger, als einige der reicheren Bauern, wie Langheinrich und der Lehnschulze Wittke, sich gleichfalls mit Spekulationsideen zu befassen begannen. Auch sie wollten Logierhäuser bauen: sie legten den Pflug beiseite und wurden „Unternehmer“. Das füllte besser die Kassen. Aber die Möllers ärgerten sich darüber. In kluger Berechnung wollte Albert nach und nach das ganze Dorf an sich bringen, um das Gegengewicht des Kommerzienrats zu schwächen. Wenn den Möllers das Terrain rings um die Quelle gehörte, wenn sie das goldspendende Heilwasser gewissermaßen zernierten, von allen Seiten umschlossen und mit einem Villenkranze umgaben, dann mußten sie trotz der Millionen Schellheims doch schließlich die Sieger bleiben. Und das war die heimliche Sehnsucht Alberts: den Kommerzienrat zu übertrumpfen und bei geeigneter Gelegenheit die gesamten Anteilscheine des Unternehmens in die Hände der Familie zu bringen. Das war ein schwieriger Kampf, aber Albert schreckte nicht vor ihm zurück. Sein Kredit war gestiegen; das Bad verhieß eine blühende Zukunft; selbst die größeren Banken verhielten sich Albert gegenüber nicht mehr so abwehrend wie früher. Und er nahm Gelder auf, wo sie sich ihm boten; er kaufte, was zu kaufen möglich war, und baute unverdrossen darauf los. In seiner geschäftigen Phantasie war bereits anstatt des kleinen Dorfs eine prächtige Villenstadt erstanden, in der es keine Bauern mehr gab, sondern nur noch „Gäste“, die das Tal überströmten und Gold in Massen zurückließen. Er trug sich auch immer noch mit der Absicht, den Baronshof zu erobern, denn dorthin sollte das Sanatorium kommen, und er spekulierte auch nach dieser Richtung hin nicht unrichtig: der Baronshof sollte umzingelt werden. Die Brauerei vor der Parkeinfahrt war der Anfang; man wollte Hellstern das Leben schwer machen, man kannte seine Schwächen; der Rauch der Fabrikschlote und der Spektakel der Maschinen sollten ihn forttreiben.
Um all diese Ideen und Machenschaften der Möllers kümmerte sich der Kommerzienrat wenig. Das war ihm zu kleinlich; er konnte keine Logierhäuser bauen und sie an die Badegäste vermieten. Aber die Brauerei hätte er gern in die Hand genommen; er ärgerte sich, daß Albert ihm zuvorgekommen war. Er hatte viel Verdruß in dieser letzten Zeit. Eines Tages traf Hagen auf dem Auberge ein – unerbeten und unerwartet – und brachte seine Anna mit. Er wollte sie der Mutter vorstellen.
Die kleine, blonde Stepperin hatte einen gewissen natürlichen Takt, und das erleichterte ein wenig die Schwierigkeiten der Annäherung. Sie war auch lernbegierig und anpassungsfähig; man hatte ihr im Pensionat schon beigebracht, sich zu benehmen und die Sitten der sogenannten guten Gesellschaft zu respektieren. Nur merkte man ihr noch allzusehr an, daß sie sich mit einer beständigen inneren Angst abmühte, korrekt zu sein und sich nichts zu vergeben. Bei Tische schielte sie zuweilen unruhig zu den künftigen Schwiegereltern hinüber, hantierte nach bester Etikette mit Messer und Gabel und ließ die Serviette zusammengefaltet neben sich liegen. Sie mischte sich nie unaufgefordert in die Unterhaltung, und wenn sie angeredet wurde, zuckte sie empor und rückte auf ihrem Stuhle hin und her, als ob sie aufspringen wolle. Auch hatte sie vor Verlegenheit beständig ein rotes Köpfchen und wußte nie, wo sie ihre Hände lassen sollte. Aber das waren Kleinigkeiten. Im allgemeinen war der Eindruck, den sie hinterließ, kein übler. Auch die Rätin schien weniger erwartet zu haben. Sie hatte in jenen Tagen mehrfache Unterredungen mit ihrem Gatten, der während der Konferenzen stets aufgeregt im Zimmer umhermarschierte.
„Es ist nichts zu machen,“ sagte die Rätin sanft; „Hagen bleibt fest. Und vielleicht ist es wirklich sein Glück; sollen wir es ihm zerstören?“
„Trotzdem ist es schrecklich,“ antwortete Schellheim grollend. „Wenn nur der Vater nicht Straßenbahnschaffner wäre! Ausgesucht Straßenbahnschaffner!“ ...
Das ging wirklich nicht. Er vergaß, daß sein eigner Großahn noch mit dem Packen auf dem Rücken die Schenken und Jahrmärkte besucht hatte. Der Sohn eines Königlichen Kommerzienrats konnte unmöglich einen Straßenbahnschaffner als Schwiegervater haben. Der Mann mußte aus Berlin fortgeschafft werden; es war angebracht, wenn man möglichst wenig mit ihm in Berührung kam. Er sollte mit seiner Familie nach Manchester übersiedeln. Das war ein guter Gedanke. Dort konnte man ihm in der Fabrik eine auskömmliche Stellung geben; er hatte da auch einen bequemeren Dienst als bei der Berliner Straßenbahn ...
Gunther weilte noch immer im Auschlosse. Er hatte seine Dozentenstelle aufgegeben, um sich in größerer Ruhe seinen Forschungen widmen zu können. Sein Faustbuch war erschienen und hatte ihm einen glänzenden Sieg errungen. In der wissenschaftlichen Welt war sein Name nunmehr bekannt, sein Ruf gefestigt. Das gab ihm auch ein größeres Selbstvertrauen. Er war nicht mehr nur der Sohn eines reichen Mannes; der Ruhm zog vor ihm her. Wußte das Hedda? War auch auf den Baronshof die Kunde von seiner Entdeckung gedrungen?
Der Verkehr zwischen Auschloß und Baronshof war wieder aufgenommen worden, aber er blieb in höflichen Grenzen. Hellstern und Schellheim verstanden sich nicht, konnten sich auch nicht verstehen. Sie sprachen wie in fremden Zungen miteinander. Aber Gunther hatte es einzurichten gewußt, daß er öfters mit Hedda zusammentraf. Einmal erzählte er ihr auch von seinem Siege. Sie freute sich darüber und beglückwünschte ihn. Das klang herzlich, aber doch nicht so warm, wie sich Gunther gewünscht hätte. Er schaute immer noch bewundernd zu ihr auf, und seine Sehnsucht, dies stolze Mädchen zu erringen, war die alte geblieben. Und immer noch ängstigte er sich vor dem schwedischen Vetter, gegen dessen alten Namen er nur seinen jungen Ruhm in die Wagschale legen konnte.