An einem der letzten Oktobertage war Axel auf Döbbernitz eingetroffen. Irgend eine Botenfrau hatte es auf dem Baronshofe erzählt. Es dauerte auch nicht lange, so fand sich Axel persönlich ein. Ein eleganter Parkwagen, prächtig bespannt, hielt eines Vormittags vor der Veranda. Elastisch und sichtlich erfrischt durch seine Kur in dem Schweizer Wunderbad, sprang Axel die Stufen hinauf und rief nach dem Onkel und Hedda. Hedda kam auch, aber den Alten bannte wieder die Ischias an den Stuhl; er war wie festgenagelt. Doch auch er freute sich über das Wohlbefinden des Neffen. Noch war ja nicht alles in Ordnung, denn bei der leisesten Erkältung stellten sich die Bronchialbeschwerden wieder ein – aber ein Fortschritt war da. Axel fragte, ob er Hedda mit nach Döbbernitz nehmen könne. Sie war zwar schon einmal auf dem Schlosse gewesen, doch in Tagen, an denen noch eine chaotische Unordnung in allen Zimmern geherrscht hatte. Nun aber sollte sie bewundern und staunen; Axel selbst wollte sie am Nachmittag wieder zurückbringen und „in bester Emballage abliefern, wie ein kostbares Püppchen aus vieux Saxe“.
Hellstern sagte ohne weiteres zu. Es wäre lächerlich gewesen, wenn er sich um Hedda hätte sorgen wollen; die Obhut Axels genügte ihm. Ja – wenn Klaus Zernin noch Herr auf Döbbernitz gewesen wäre! Nicht um alle Schätze der Welt würde der Alte seine Hedda dem auch nur für eine Stunde anvertraut haben!
So fuhr man denn wieder einmal durch den Wald. Ach, dieser Wald, wie kannte er Heddas Seele und alle Regungen ihres Herzens! Ihm hatte sie sich anvertraut in Freude und Leid und Bangigkeit, und ihr Weh wie ihren Jubel hatte sein ewiges Rauschen aufgefangen und zum Himmel getragen. Wie vertraut war er ihr auch, wie kannte sie seine Stimme: sein kosendes Flüstern und lindes Säuseln, sein Ächzen und Stöhnen, wenn der Sturm anhub, und den vollen Orgelschall seiner Kronen, wenn der Wind durch die Wipfel tanzte. Und wie lieb war er ihr! In der knospenden Frühlingspracht, bei dem mailichen Rüsten der Natur, dem lichtgrünen Brautschmuck, den jeder Baum, jeder Strauch anlegte, und selbst der Moosgrund mit seinem wilden Gewirr von Erdbeerkraut, Farn und Krokus; im glühenden Prangen des Sommers, wenn das dichte Laubwerk den Sonnenstrahlen wehrte und unter den Buchen und Eichen ein köstliches Dämmerlicht herrschte – im Winter, beim Flimmern der Eiskristalle und der Weihnachtsstimmung in der weiten, schweigenden Runde, und endlich zur Herbstzeit, wie jetzt, bald lachend in seinem bunten Kleide und bald melancholisch, wenn die Nebel ihn umschlichen und die Regenschauer ihn durchpeitschten. Immer hatte sie ihn gleich lieb, den Wald, der ihre Seele kannte und alle Regungen ihres Herzens ...
Nun tat er sich auf. Die Bäume traten zurück – da sah man Döbbernitz liegen! Vom Schloßturm herab flatterte eine Doppelfahne, die preußische und die schwedische – „dir zu Ehren, Hedda,“ sagte Axel und nahm den Hut ab.
Er sprach das sehr feierlich, doch Hedda achtete kaum darauf. Es beschwerte etwas ihr Herz – sie wußte selbst nicht so recht, was es war. Vielleicht der Gedanke an Klaus. Es war nur natürlich, daß sie an ihn dachte, da sie Döbbernitz vor sich auftauchen sah. Die Leute sagten, er säße noch immer in Monte Carlo. Er war ja so wie so verloren für sie ...
Der Wagen rasselte in den gepflasterten Schloßhof. Diener sprangen herzu; unter dem Portal erschien ein älterer Mann in einfachem Livreerock: der Schloßverwalter. Man merkte sofort, daß hier wieder Ordnung und Reichtum herrschten.
Axel bot Hedda zunächst Frühstück an, doch sie dankte. Nun begann der Rundgang durch das Schloß. Der westliche Flügel stand noch leer; aber Mittelbau und Ostflügel enthielten allein schon über dreißig Zimmer und Säle. Und Hedda erstaunte und bewunderte in der Tat. Mit reichlichen Mitteln ließ sich ja vieles machen, aber hier hatte vor allem ein gediegener, feiner und durchgebildeter Geschmack die Führung übernommen. Er sprach aus jedem Arrangement, jeder Einzelheit. Es war Hedda unfaßlich, daß Axel dies alles ohne persönliches Eingreifen, lediglich auf dem Wege des Briefwechsels hatte nach seiner Wahl schaffen und entstehen lassen können. Er lachte über ihre Verwunderung. Ganz leicht war es freilich nicht gewesen. Aber er hatte seinen Sekretär, einen kundigen und tüchtigen Menschen, bei sich in Gehringen gehabt. Mit ihm hatte er stoßweise die eingesandten Kartons, Zeichnungen und Musterbücher, Photographieen und Proben durchgesehen und nach diesen seine Bestellungen gemacht. Auch durfte Hedda nicht vergessen, daß die gesamte Einrichtung seiner Berliner Wohnung gleichfalls nach Döbbernitz geschafft war, außerdem gar vieles, das in den letzten Jahren hie und da zusammengekauft und inzwischen auf Speichern untergebracht worden war.... „Ich habe sonst keinerlei Passionen,“ sagte Axel, „wirklich gar keine, aber meine Vorliebe für künstlerischen Schmuck, schöne Möbel, Antiken, Bibelots und so weiter würde ich ungern aufgeben. Meine Freunde behaupten immer, ich hätte den ‚kunstgewerblichen Pips‘ – das sei eine ausgesprochene Modekrankheit. Ich glaube eher, daß diese Vorliebe auf mein einsames Leben in den letzten Jahren zurückzuführen ist, das mir eine ernsthaftere Beschäftigung nahelegte, und da warf ich mich denn so ein bißchen auf die Kunst. Übrigens siehst du, daß noch überall Lücken sind. Und das paßt mir gerade, denn das Ausfüllen, Glätten und Harmonisieren macht mir am meisten Spaß; es erfordert nämlich dann und wann sogar eine gewisse Überlegung ... Sage mal, Hedda“ – und Axel blieb stehen –, „fällt dir denn gar nichts an mir auf? Ich meine, an meiner Sprache?“
Sie schüttelte zuerst den Kopf, und dann nickte sie lebhaft, unter herzlichem Lachen.
„Ach ja – das ei! Du sprichst das ei jetzt ganz menschlich aus! Wer hat dich das gelehrt?!“
„Auch mein Sekretär – das ist ein kundiger Thebaner. Er hat mir jeden Morgen eine halbe Stunde Unterricht gegeben. Es war mir doch sehr unangenehm, daß du in mir immer den Ausländer merktest! ... Siehst du, das ist der große Saal! Da fehlt ja nun noch mancherlei, aber der Eindruck ist immerhin schon ein ganz hübscher – nicht wahr?“