„Laß mich in Frieden, Tante!“ rief sie zurück, gar nicht daran denkend, daß Pauline sie nicht verstehen könne, und eilte hinaus, den Gartenweg hinauf, auf den Dorfplatz.
Erst hier mäßigte sie ihren Schritt. Sie war ganz rot im Gesicht, und auf ihrer Stirn, von der das braune Haar glatt gescheitelt zurückgestrichen war, lag eine schwere Falte.
Sie ärgerte sich. Zu dumm, diese ewigen Mahnungen und Warnungen! Sie war doch klug genug, auf sich selbst Obacht zu geben! Aber der Vater hatte von jeher im Streit mit den Möllers gelegen, und von der Tante erzählte man sich, daß sie einstmals der Schatz des alten Möller gewesen sei. Der aber hatte sie sitzen lassen. Daher ihr grimmiger Haß gegen alles, was im Kruge wohnte ...
Der Abend sank über das Dorf herab. Auf dem Anger spielte noch eine Schar Kinder. Sie hatten sich an den Händen gefaßt, drehten sich im Kreise und sangen dazu mit ihren dünnen Stimmen:
„Ich steh’ auf einem hohen Söller,
Ich steh’ in einem tiefen Keller,
Heisa dusematee!
Fängst du mich,
Lieb’ ich dich,
Aber nee, du kriegst mich nich –
Heisa dusematee!“
Von der Chaussee aus rollten ein paar Ackerwagen in das Dorf, und ein Viehjunge trieb seine Herde zum Stall. Vereinzelte Bauern hatten schon mit der Ernte begonnen, aber sie machten heut frühzeitig Feierabend, denn es hatte sich herumgesprochen, daß der Kantor am Abend im Kruge sein wolle, um nähere Mitteilungen über den Heilquell an der Grauen Lehne zu machen. Und da waren sie neugierig geworden.
Als Dörthe am Gehöft des Lehnschulzen vorüberschritt, hörte sie ihren Namen rufen. Albert Möller trat mit dem Schulzen aus dem Hause.
„Willst du auch in den Krug, Kleine?“ fragte er.
„Versteht sich,“ entgegnete sie, „so gut wie du. Bist du mal wieder in Oberlemmingen?“
„Heut früh angekommen, von wegen der Quelle. Da muß ich doch dabei sein ...“ Er gab Dörthe die Rechte und faßte sie dann schäkernd unter das Kinn. Sie gab ihm einen Klaps auf die Hand und lief davon.