Klempt war einen Augenblick hochaufatmend stehen geblieben. Er schaute sich um. Kein Mensch in der Nähe, aber heller und heller begann sich der Himmel zu färben, und die Vögel wurden schon laut ...

Klempt hob seinen Hammer mit beiden Händen und ließ ihn wuchtig auf den Marmor des Bassins niederfallen. In dem kostbaren Gestein zeigte sich auf der Stelle ein starker Sprung. Nun setzte der Alte das Stemmeisen an und hämmerte nach. Es bröckelte und splitterte; einzelne Stücke rollten plätschernd in das Wasser, das sich über die Bruchstellen auf die Sandquadern des Bodens ergoß.... Klempt arbeitete mit furchtbarer Anstrengung weiter; der Schweiß troff von seiner Stirn, sein Herz raste und zuckte.... Der Hammer wütete gegen den Marmor, dessen Splitter bereits den Rumpf des Beckens füllten. Das Wasser war abgeflossen. Die Quelle sickerte nur noch; Steingebrösel hatte die Röhrenleitung verstopft. Klempt sah es, und ein wildes Lachen flog über sein Gesicht. Er häufte kleine Marmortrümmer in der Mitte der Schale auf und hämmerte von neuem auf sie los. Jetzt war auch das Sickern nicht mehr zu vernehmen. Die Quelle war still geworden.

Der Alte strich sich das feuchte Haar aus der Stirn. Sein hagerer Körper flog vor Erregung, und wunderlich, wie drinnen in seiner Brust das Herz hüpfte und sprang. Und als Klempt abermals den Hammer erheben wollte, um ihn von sich zu schleudern, da tat das Herz einen letzten Sprung: der Greis stürzte lautlos hintenüber und blieb liegen ...

Vor dem stärker erwachenden Morgenwinde zerflatterten die Nebel. Ein purpurner Dämmer füllte die Luft. Die Vögel begannen ihr Jubilieren; der große Pan reckte und streckte sich – die Natur erwachte.

Unter den Trümmern in dem zerstörten Marmorbecken wurde es ganz leise wieder lebendig. Es wisperte und flüsterte und sang und feilte und sägte. Ein sickerndes Geräusch wurde hörbar; zwischen den Steinsplittern zeigten sich vereinzelte Tropfen; es begann abermals zu zischen, wie vorhin, zu kochen und zu brodeln. Die Quelle, die der arme Narr hatte töten wollen, um an ihr seine Rache zu kühlen – sie wurde wieder lebendig! Leise und heimlich und fort und fort hatte sie auch unter den Trümmern weitergerieselt, sich eine neue Bahn zu schaffen und von neuem der leidenden Welt zu helfen, unbekümmert darum, ob gierige Hände sie wiederum fangen und ihren Segen entehren würden.

Allgemach begann sich der Boden des Bassins mit schaumigem Wasser zu füllen, das rieselnd über den zerbrochenen Marmor zur Erde troff, auf dem hellen Sandstein dunkle, sich immer mehr vergrößernde Flecken bildend.... Über dem jungen Grün der Baumwipfel entzündete das Morgenrot seine Lichter; lauter und jauchzender sangen die Vögel dem neuen Tage entgegen ...

Plötzlich erscholl ein Knall. An der Hahnöffnung war infolge des starken Wasserdrucks die Quellenröhre geplatzt, und nun zischte und rauschte, Staub und Steinchen mit sich in die Höhe führend, ein gewaltiger Strahl empor und fiel in schimmernden Perlen zur Erde zurück. Die Quelle war wieder lebendig geworden, und ihre Sprühatome näßten, wie in freundlichem Kosen, das blasse Gesicht ihres Opfers.

Ende.

Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde erstellt auf Grundlage der 1915 erschienenen Buchausgabe. Diese bildete Band 9 und 10 des einunddreißigsten Jahrgangs der Reihe Engelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

Transcriber’s Notes: This ebook has been prepared from the printed edition published in 1915. It formed volume 9 and 10 of the 31st year of publication of Engelhorns Allgemeine Roman-Bibliothek. The table below lists all corrections applied to the original text.