Klempt hatte mit den Möllers wegen der Wiese prozessiert. Er behauptete, er sei betrogen worden; man habe sie ihm unter der Vorspiegelung, daß Fritz die Dörthe heiraten solle, für einen Spottpreis abgenommen. Er verlor den Prozeß und mußte auch noch die Kosten tragen. Und nun geschah etwas, was man niemals für möglich gehalten hätte: der nüchterne und fleißige Klempt lernte auf seine alten Tage noch das Trinken. Er ging freilich nicht selbst in den Krug, aber er ließ sich durch die Schulkinder den Schnaps holen. Und dann schloß er sich ein und trank und trank, bis er sinnlos war.... „Er macht’s nicht mehr lange,“ sagte Albert Möller eines Tages zu seinem Vater; „gestern früh hat ihn der Nachtwächter sternhagelvoll auf dem Kirchhofe gefunden.“ Ach ja, so war es. Aber nicht allein der Schnaps war die Sehnsucht des Alten; im brechenden Herzen schwoll höher und höher die Sehnsucht nach seinem gemordeten Kinde an.
Den Möllers ging es immer noch nicht rasch genug. Der Prozeß um die Wiesen hatte die Ersparnisse Klempts verschlungen. Bertold kaufte die Hypothek, die auf dem Gehöft lag, und kündigte sie dann. Der geschäftsunkundige Alte wußte nicht, was er tun sollte, und bat seine Schwester, ihm ihr kleines Vermögen zu überlassen, damit er das Haus halten könne. Aber Tante Pauline verwehrte es ihm; sie hatte plötzlich den Entschluß gefaßt, nach Amerika auszuwandern; ein Engel hätte es ihr im Traume geraten.
Schon lange sorgte Pauline nicht mehr für ihren Bruder. Er kochte sich selbst das Notwendigste, fast nur Kartoffeln. Der Schnaps stillte auch seinen Hunger. Er lebte wie ein Tier; seine Kleider zerfielen in Lumpen.
Als seine Schwester ihn abgewiesen hatte, schloß er sich in der ehemaligen Werkstatt ein und griff nach der Flasche. Es war tiefe Nacht, als er nach langem Rausche erwachte. Der Kopf schmerzte ihm. Er richtete sich vom Erdboden auf, wo er auf feuchten und dumpfigen Spänen gelegen hatte, und schaute sich um. Aber in der Dunkelheit war nichts erkennbar. Nun tastete er sich vorsichtig nach den Fenstern und stieß die Läden auf, die er gewöhnlich auch tagsüber zu schließen pflegte. Die kühle Frühlingsluft drang vollflutend in das öde Gemach. Ein leiser Wind ging und spielte mit seinem eisgrauen Haar. Draußen war es nicht dunkel; der Himmel leuchtete in heller Sternenpracht; es hing weiß über den Wiesen.
In der Stille der Lenznacht schlich es sich weich in das Herz des Alten. Die Erinnerung rührte an ihm. Welch Leben lag hinter ihm! Sein Weib und vier blühende Kinder hatte er hinsterben sehen; als Letzte war ihm die Dörthe geblieben – und die hatte man ihm ermordet. Alles sühnt sonst die Gerechtigkeit der Welt – aber seines Kindes Mörder stiegen an Ansehen und lebten in Freuden. Wo war da die Vergeltung?! ... Klempt entsann sich noch gut jenes Abends, als der Absagebrief Fritzens eingetroffen war. Da war er ins Freie getreten, um nicht das schmerzverzogene Gesicht seiner Dörthe sehen zu brauchen. Im Herbst war es gewesen, doch ganz ähnlich draußen wie jetzt. Von den Wiesen stiegen feine Nebel auf, streifenweise und leise zitternd, und schlangen sich um die Häuserfirste und das Geäst der Bäume. Nur der Kurpark lag völlig im Nebel, in einem wogenden, milchigen Meer. Und in dem furchtbaren Herzenskummer, der den stillen und ruhigen Mann wütend machte, hatte Klempt die Hände geballt und sie drohend erhoben nach der Richtung des weißen Nebelsees, in den der Kurpark versank.... „Verfluchte Quelle! ...“
Ja, diese Quelle, die die Not der Welt lindern helfen und der Menschheit Trost und Heilung bringen sollte – ihn hatte sie zum unglücklichen Manne gemacht. Sie hatte ihm das Letzte geraubt, an dem sein Herz hing – sie wollte ihn auch an den Bettelstab bringen ...
Klempt stöhnte auf. In fiebernder Hast suchte er nach seiner Flasche und setzte sie an die Lippen. Sie enthielt noch einen Rest Branntwein, der ihn seltsam belebte und erregte. Er zündete einige Schwefelhölzer an und wählte bei ihrem flüchtigen Schein einige Stücke seines alten Handwerkzeugs aus: Stemmeisen und Bohrer und den schwersten Hammer. Die nahm er an sich und dann ging er. Auf dem Flure lauschte er einen Augenblick. Schlief Tante Pauline? – Mit raschem Entschlusse trat er in ihr Zimmer. Aber auch hier war es so dunkel, daß er abermals ein Schwefelholz entzünden mußte. Nun sah er die Schwester im Bette liegen, den Mund offen, das eingefallene Antlitz totenblaß. Er legte seine Hand auf ihre Stirn und erschrak über das Gefühl von Kälte, das ihn plötzlich durchrieselte. Aber schon wanderten seine Gedanken weiter; er huschte mit schnellen Schritten hinaus – das Gesicht weiß, doch mit unheimlich flimmerndem Blick.
Er stapfte über den Anger. Kein Menschenauge sah ihn, nur die glänzenden Augen des Himmels schauten auf ihn herab. Das Dorf lag im Schlaf. Die Nebel hatten sich etwas erhoben; ein leichter Dämmerschein glitt schon durch die Nacht. Am Friedhofzaune zögerte Klempt und blieb stehen, nickte nach dem Grabe Dörthens hinüber und schritt dann weiter.
Im Kurpark rieselte es feucht von den Bäumen. Der Wind strich durch das Geäst; große Tropfen schlugen dem Alten ins Gesicht. Die Nebel hingen wie Fetzen weißer Totentücher zwischen den Zweigen.
Nun stand Klempt vor dem offenen Tempelbau, der die Quelle umgab. Auf dem Grunde des weißen Marmorbassins kochte und zischte, durch Röhren und Hähne gebändigt, das aus der Erde strömende warme Wasser, füllte die Schale und floß durch ein zweites Röhrensystem wieder ab.