„Reden der Herr Baron doch nicht so etwas!“

„Wir können doch nicht ewig leben, Nachtmütze! Also wenn ich mal sterben sollte, da möcht’ ich doch in Oberlemmingen beerdigt werden. Man hat es mir zwar gehörig verekelt, aber der Tod, denk’ ich, gleicht aus und versöhnt. Buddelt mich auf dem Kirchhofe ein, neben den andern Hellsternschen Gräbern; der große Fleck unter der Linde gehört mir, den hab’ ich gekauft. Da können auch die Möllers nicht ’ran. Also verstehst du: unter der Linde will ich begraben sein!“

„Ich versteh’ schon,“ entgegnete August; „aber der Herr Baron werden’s am Ende nicht übelnehmen, wenn wir damit noch ’n bißchen warten tun. Es eilt ja nicht so. Sehr viel sind wir nicht auseinander an Jahren, der Herr Baron und ich; und wenn sich der Herr Baron erst hingelegt haben, dann dauert’s mit mir auch nicht mehr lange. Das weiß ich gewiß. So ’n altes Tier wie ich muß seine regelrechte Fütterung haben und seine gleiche Behandlung. Ins Neue leb’ ich mich auch nicht mehr ’rein – da geht’s mir gerade wie dem Herrn Baron. Also warten wir schon noch; der liebe Gott wird ja wissen, wenn’s Zeit ist.“

„Das wird er,“ erwiderte Hellstern ernsthaft. „Vielleicht läßt er uns am gleichen Tage von hinnen gehen. Das wäre eine hübsche Sache, August, denn ohne deine Dummheit würde ich, fürcht’ ich, nur noch ein schweres Auskommen haben. Kein Mensch weiß mich so zu ärgern wie du, und auf keinen kann ich mit so freudig bewegtem Herzen schimpfen wie auf dich. Ich glaube, du würdest mir sehr fehlen, weil du so ein guter, treuer, alter Esel bist.“

Beide standen jetzt vor dem Zimmer, das Hellstern bewohnte. August klinkte die Tür auf.

„Gott sei Dank!“ sagte er, „ich hör’s am Ton: es wird schon noch ein ganzes Weilchen Jahre gehn.“


An diesem gleichen schönen Frühlingstage hatte der alte Klempt eine heftige Auseinandersetzung mit seiner Schwester Pauline.

Der Tod Dörthens hatte die beiden zu Boden geschmettert, als habe eine Riesenfaust sie getroffen. In dem wirren Hirn der Tante Pauline lebten nur noch ihre Träume; man sah sie ständig mit ihren Deutbüchern in der Hand; es war ein seltsames, ruheloses und geheimnisvolles Dasein, das sie führte.

Auch Klempt war noch stiller geworden. Der Sarg für sein Kind war seine letzte Arbeit gewesen; er rührte die Hand nicht mehr. Man brauchte ihn auch nicht; im Gegenteil, die Möllers wären froh gewesen, wenn sie den alten, blassen Mann hätten aus dem Dorfe treiben können. Auch sein kleines Haus stand ihnen beim unaufhörlichen Wachsen der Villenstadt im Wege. Gerade dorthin sollte ein großes und elegantes Restaurant im Pavillonstil kommen ...