„Ich habe in den letzten Monaten so viel zu tun gehabt, daß ich kaum noch Mensch bin,“ sagte Eycken. „Meine Anstalt ist fertig und vorgestern eingeweiht worden. Sechzehn arme liebe kleine Geschöpfe sind meine ersten Pfleglinge. Hellstern, ich bin überglücklich! Ich habe meine Pfarre aufgegeben, um ganz dem Hospiz leben zu können. Das ist mir lieber und füllt mein Leben besser und wohltuender aus – was mir vom Leben übrig bleibt! Ich habe letzthin in Oberlemmingen üble Erfahrungen gemacht; es ist nicht alles so wie es sein sollte, und wie ich es erhofft habe.“
„Kann ich mir denken,“ warf Hellstern ein.
„Nein – es ist vieles anders geworden, wie ich erhofft habe,“ fuhr Eycken fort, „und der Selbstmord der kleinen Klempt – eurer Dörthe – der hat sozusagen das Maß zum Überlaufen gebracht. Ich hielt’s nicht mehr aus in der Gemeinde. Was sag’ ich, Gemeinde – die alte Gemeinde existiert überhaupt nicht mehr! Alles ist zersprengt worden; meine Besten sind fort; die Möllers regieren da unten.... Sie wissen, daß ich mich zu Ihren Ansichten nie habe bekehren können, lieber Freund – auch heute noch nicht. Ich bin kein Gegner des Fortschritts, kein Feind regen industriellen Aufschwungs. Aber es wurmt und grimmt mich, daß die Quelle, die der liebe Gott den Menschen zu ihrem Heile geschenkt hat, ein Objekt wilder und niedriger Spekulation geworden ist. Es grimmt mich, daß gewissenlose Leute diese Gabe des Höchsten in schmählicher Weise auswuchern, statt sich mit ehrlichem Verdienst zu begnügen. Und deshalb zog ich mich zurück.“
Der Baron nickte. „Ich verstehe es,“ entgegnete er; „ich sah das alles vom ersten Moment ab, da von der Quelle gesprochen wurde, genau so kommen, wie es sich nun tatsächlich entwickelt hat. Ich hab’s seinerzeit auch den Möllers gesagt, als sie mich gerne als Köder und Aushängeschild einfangen wollten. Ich kannte die Leute und wußte, daß sie einen Ring bilden und die Erträgnisse der Quelle allein in ihre Taschen leiten würden, soweit es nur irgendwie anging. Ein Feind der Industrie bin ich ja auch nicht, Pastor – wahrhaftig nicht, da verkennen Sie mich –, aber ein Feind selbstsüchtiger Spekulation, die andern das Geld aus dem Säckel lockt! Ich hoffte noch immer, es würde Schellheim gelingen, das Ganze in geordnete Wege zu leiten – aber als er im Winter einmal hier war, machte auch er mir Andeutungen, als wolle er sich nach und nach zurückziehen.“
„So ist es,“ bestätigte Eycken, „er ist der ewigen Zänkereien mit den Möllers müde geworden. Es herrscht eine trübe Stimmung im Auschlosse. Der älteste Sohn hat geheiratet, und der Kommerzienrat will mit der Schwiegertochter nicht warm werden. Es geht ihm zu Herzen, daß der Hagen nicht höher hinaus gewollt hat. Ich habe meine ganze Dialektik angewandt, ihn davon zu überzeugen, daß sich das Menschenglück nicht um Rang und Stand und gesellschaftliche Gegensätze kümmert, aber er bleibt frostig und kühl. Übrigens hat er mir neulich erzählt, daß sein Gunther mit Ihren Kindern in Gibraltar zusammengetroffen ist; wie kommen Hedda und Axel denn dahin?“
Hellstern sprach von den letzten Briefen seiner Tochter und von Axels Rückfall. Die beiden hatten beschlossen, dem Rate des Arztes zu folgen, den Februar und März auf Madeira zu verleben und dann in langsamen Etappen heimzukehren. Auch an den Vater hatte Hedda von der Begegnung mit Gunther geschrieben; der Doktor sei immer noch der liebenswürdige, etwas schüchterne junge Mensch von früher ...
Eycken blieb bei dem alten Freunde, bis August erschien und mahnend darauf aufmerksam machte, daß es beginne, kühler zu werden. Dann nahmen die Herren herzlichen Abschied voneinander.
„Kommen Sie bald wieder, Pastor,“ sagte Hellstern. „Ich höre gern etwas Neues, und Sie wissen, ich hause hier wie ein Murmeltier. Schleppt mich der August wirklich einmal heraus – nach Oberlemmingen zu setze ich keinen Fuß! Ich möchte das Dorf nicht wiedersehen – nie wieder, – ich glaube, es zerrisse mir das Herz, wenn ich an Stelle meiner braven Bauern hundert fremde Gesichter sähe! Das Herrenhaus auf dem Baronshof wird wohl auch bald abgetragen werden – nein, Eycken, ich hänge doch noch zu sehr am Alten, und in meinen Jahren krempelt man sich nicht mehr um wie ein Handschuh! Gott befohlen, Pastor!“
Er nickte dem Abgehenden nochmals nach und ließ sich von August die Decken abnehmen.
„Pack an, mein Alter – unter den rechten Arm – so – hupp! ... Hör mal, August, mein Sohn: wenn ich mal sterben sollte –“