„Herr Baron,“ sagte er, „ich ertrage das nicht länger. Sie müssen wieder an die Familienchronik gehen. Ich weiß zwar, daß Ihnen der Doktor gemütliche Erregungen verboten hat, aber ich halte es für noch schlimmer, wenn Sie so tagaus tagein immer bloß vor sich hindrusseln. Da kommen Ihnen erst die dummen Gedanken. Nehmen Sie ruhig Ihre Arbeit wieder vor. So ’n kleiner Ärger von wegen der Vokabeln schadet Ihnen nichts; das frischt Sie auf. Und ich möchte auch mal wieder besser behandelt werden, Herr Baron. Es ist lange her, daß Sie zum letzten Male Esel und Jammerfrosch zu mir gesagt haben. Das kränkt mich.“

Da lachte der Alte nach Monaten wieder einmal herzlich und lustig auf, ließ August nähertreten, gab ihm die Hand und sprach einige Worte mit ihm, die ein andrer für Injurien gehalten haben würde. Aber August nicht; sein Gesicht glänzte und seine Augen wurden feucht; nun wußte er doch, daß sein Herr ihn immer noch lieb hatte.

Hellstern setzte sich wirklich wieder hinter die Arbeit. Er hatte Sehnsucht nach seiner Tochter gehabt – das hatte ihn still werden lassen. Nun vergrub er sich wieder in seine Papiere und Dokumente. Wenn Axel zurückkehrte, sollte er die Chronik vollendet vorfinden. Aber er konnte nicht, wie auf dem Baronshofe, hintereinander fortarbeiten; auch der Arzt wollte das nicht. Vor allem war ihm Bewegung verordnet worden, und August sorgte dafür, daß der Baron die ärztlichen Vorschriften einhielt. Außer den Marschübungen durch eine lange, geheizte Zimmerflucht gab es noch eine Reihe mechanischer Bewegungen an verschiedenen Apparaten; auch kam täglich der Arzt aus Oberlemmingen zur Massage und zu einer gelinden elektrischen Kur. Besonders die letztere schien anzuschlagen; im Laufe des Winters machte der Baron erstaunliche Fortschritte. Das freute ihn selbst, denn er konnte darüber seiner Hedda berichten, und Jubelbriefe trafen als Antwort ein. Auch eine gewisse Anteilnahme an der Wirtschaft machte ihm Spaß und unterhielt ihn. Der Administrator erschien täglich bei ihm mit dem Rapport, und bei Beginn der Frühjahrsbestellung hatte sich Hellstern sogar öfters zu Wagen auf die Felder gewagt. Die alte Liebe zum Lande erwachte in ihm; mit lebhaftem Interesse verfolgte er die Maßnahmen des sehr tüchtigen Verwalters, den er gelegentlich auch abends zu sich einlud, um mit ihm zu plaudern.

Auf Hellsterns Schoße lagen die neuen Zeitungen und die letzten Briefe Heddas. Sie waren etwas sorgenvoll gehalten. Man hatte schon im Februar die Reisedispositionen ändern müssen. Axel war wieder kränklicher geworden; auf seine zarte Natur hatte auch die unbedeutendste Erkältung starken Einfluß. Die Ärzte wünschten, daß er nicht vor Juni nach Hause zurückkehre – und damit wuchs die Sehnsucht Hellsterns.

An dem hohen, schmiedeeisernen Tore, das vom Parke in den inneren Schloßhof führte, wurden Stimmen laut.

Hellstern erhob den Kopf.

„Ist es denn möglich!“ rief er. „Eycken – Pastor – sind Sie es wirklich?! Lassen Sie sich auch einmal sehen? Ist der alte Freund noch nicht gänzlich vergessen?!“

„Immer los mit den Vorwürfen, lieber Hellstern – ich habe sie redlich verdient! Ich habe aber auch meine Entschuldigungen – und nun mal zuvörderst die Hand – beide Hände, damit ich sie recht kräftig drücken kann! Gott sei Dank, Alterchen, ich sehe, August hat nicht übertrieben: Sie werden wahrhaftig noch einmal jung!“

Eycken hatte sich neben Hellstern in einen der Korbsessel gesetzt. Er war unverändert, noch immer der schöne, weißbärtige Patriarch mit den klaren Augen voll Güte und Barmherzigkeit.

Die beiden alten Herren hatten sich seit längerer Zeit nicht gesehen und einander viel zu erzählen.