Aber der Alte hielt August noch am Ärmel fest.
„Du,“ sagte er, „weil du vorhin von der Frau Baronin sprachst: ich habe heute nacht von ihr geträumt. Aber so deutlich, als ob es Wirklichkeit gewesen wäre. Und vom Herrn Baron auch; der sah so blaß und elend aus, daß ich vor Schreck aufgewacht bin. Das macht mich ein bißchen unruhig.“
„Na ja – das fehlte noch! Nu kommen der Herr Baron schon auf die Sprünge von Klempts Paulinen. Der Doktor hat jede Gemütsbewegung strengstens verboten. Am besten wär’s, der Herr Baron träumten überhaupt nicht.“
„Mach, daß du fortkommst! Ich soll wohl noch eine Medizin gegen das Träumen einnehmen? ... Vergiß mir die Briefe nicht!“
Und dann faltete er die Hände im Schoße, lehnte den Kopf zurück und ließ sich bei halbgeschlossenen Augen von der Sonne bescheinen.
Es war in der Tat ein freundliches Plätzchen dicht neben der kleinen Schloßtür, die zu den Fremdenzimmern führte. In einem Halbkreise von Taxushecken stand ein Pilaster mit der Büste des alten Kaisers Wilhelm, ein Geschenk der Landschaft an den verstorbenen Minister, das die Gläubiger Klaus Zernins respektiert oder vergessen haben mochten. Über die Wiesenlichtung fort konnte man von hier aus tief hinein in den Park schauen, bis zu den großen Trauereschen am Bach und nach rechts herüber zu den wunderschönen alten Blutbuchen, in deren Geäst noch die abgestimmten Äolsglocken hingen, deren eigentümlich zartes Tönen und Klingen Frau von Zernin ganz besonders geliebt hatte.
Franz brachte die Decken und die gewünschten Zeitungen, auch noch ein paar Kissen und zur Vorsorge den Tabakskasten und Feuerzeug, und August begann seinen Herrn einzupacken.
„So,“ sagte er schließlich, „nun bleiben der Herr Baron hübsch stille sitzen. Brennt die Pfeife noch? Ja, sie brennt noch. Hier ist auch die Brille. Aber ich würde nicht so viel lesen, Herr Baron; es steht ja doch nichts drin in den Zeitungen und regt Ihnen bloß die Gedanken auf.“
„Rede nicht so viel, sondern hebe dich weg, Augustus miserabilis. Wenn ich dich brauche, schicke ich einen der Gärtnerburschen nach dir. Adjö!“
August nickte zufrieden und ging in das Schloß zurück. Geraume Zeit hindurch war er recht in Sorgen um seinen Herrn gewesen – damals, als die jungen Herrschaften nach der Hochzeit ihre große Reise angetreten hatten. Der Alte brummte und schimpfte nicht mehr; es verstrichen Wochen, ohne daß August gekündigt wurde, ohne daß ihm ein zusammengeknülltes Zeitungsblatt oder das Brillenfutteral an den Kopf geflogen wäre. Das waren beunruhigende Symptome. Wenn der Herr Baron nicht mehr wütend wurden, ging es langsam zu Ende mit ihm – davon war August überzeugt. Das Herz tat ihm weh, und eines Morgens sprach er sich unumwunden mit seinem Gestrengen über seinen Kummer aus.