Fünfzehntes Kapitel
Wieder war es Frühling geworden – der erste warme Tag im Jahre, ein Tag, der die Freuden des Sommers vorahnen ließ.
Im Parke von Döbbernitz knospete es an Baum und Strauch. Es war nicht mehr die wuchernde Wildnis, die sich hier unter dem verschollenen letzten Zernin ungebändigt und unaufgehalten ausbreiten konnte, aber ein Hauch jener Urwaldpoesie war trotz der schmückenden und regelnden Hand des Gärtners doch noch zurückgeblieben. Die weiten Rasenflächen legten bereits ihr grünes Lenzkleid an, und nur hie und da lugte noch ein Fleckchen Winterbraun hervor. Die Lärchen blühten schon, und an den Kastanien zeigten sich dicke, harzene Knospen; die frischen Blätter der Mahonien schimmerten wie lackiert, die Narzissen erschlossen ihre Kelche. Das Grün der Bosketts schillerte in mancherlei Abstufungen; die Spiräen, immer die ersten im Frühlingsschmuck, trugen ihr Blattwerk schon in kräftigerer Färbung zur Schau, aber Flieder, Jasmin und Schneebeeren begnügten sich noch mit zarterer Tönung und die jungen Triebe der Edelweide hatten sich mit einem bläulichen Schleier umsponnen. Vor allem aber zeigte das Leben in der Vogelwelt, daß der Sommer nahte. Es zwitscherte, pfiff, trillerte und sang überall in den Zweigen, und hoch durch die blaue Luft strichen die Schwalben.
Die Gärtner arbeiteten im Park. Die Treibhaustüren waren weit geöffnet; ein paar Koniferen wurden ins Freie geschafft. An den Spalieren beschnitt man das Obst und den Wein; die Wege wurden vom trockenen Laube gesäubert und hie und da neu mit Kies bestreut; die hochstämmigen Rosen, deren Wipfel den Winter hindurch niedergelegt und mit Erde bedeckt worden waren, wurden aufgerichtet und wieder an ihre grünen Pfähle gebunden. Zahlreiche Hände regten sich, den Sommer zu empfangen.
„Uff,“ meinte der alte Hellstern, als er in den Schloßgarten trat; „August, ich habe dich verkannt. Ich nehme es zurück, daß ich sagte, du seiest ein noch größerer Esel, als ich geglaubt hätte. Du bist ein minder großer. Es ist wahr, der Sonnenschein tut mir wohl, und eine so warme Luft hätte ich nicht erwartet. Was meinst du: ob ich meine Mittagspfeife im Freien rauchen kann?“
„Das konnt’ ich mir denken,“ erwiderte August, die schwachen Gehversuche des Alten mit kräftigem Arm unterstützend; „kaum fühlen sich der Herr Baron mal wieder so ’n bißchen, und gleich müssen Sie leichtsinnig sein. Aber ich glaube, ich werd’s diesmal verantworten können. ’s ist wirklich wie im Sommer, und die Mücken spielen auch schon. Der Herr Baron können sich ein Stündchen unter die Büste setzen, aber nur, wenn Sie sich die Beine ordentlich einwickeln. Ich werde Franzen sagen, daß er die Pelzdecke runterbringen soll.“
Hellstern nickte. „Tu das, mein Sohn, und sage dem Franz auch gleich, er soll die Zeitungen und die Briefe mitbringen, die auf dem Tische vor dem Sofa liegen, und die Brille vom Schreibtisch. Und dann mummle mich ein, wie du es für gut hältst. Du siehst, ich pariere dir aufs Wort –“
„Na na, Herr Baron!“
„Widersprich nicht immer! Ich sage dir, ich pariere dir aufs Wort, du jammervoller Mensch, denn ich bin schon froh, daß ich den Wärter losgeworden bin, der immer nach Lazarett und Kamillentee roch. Und was willst du denn eigentlich? Ich kann die Beine schon wieder ganz hübsch bewegen – soll ich mal im Parademarsch an dir vorüberdefilieren – he?“
„Vorläufig setzen sich der Herr Baron man gefälligst ruhig hin. Ich habe der Frau Baronin Tochter geschrieben, daß es gottlob besser ginge, und wenn der Herr Baron Dummheiten machen und wieder ein Rückfall kommt, dann bin ich mit blamiert. Sehn Sie, das ist hier so ’n schönes Plätzchen, mitten in der Sonne, und da haben der Herr Baron den seligen Kaiser im Rücken und vorne den grünen Rasen und können mal links in die Birken gucken und mal rechts in die Blutbuchen, und was da sonst noch steht. Und nun will ich den Franz rufen.“