Jenseits der Chaussee bellte ein Hund. Sonst war es totenstill im Dorfe. Aber je näher Dörthe dem Möllerschen Gasthaus kam, um so deutlicher hörte sie ein lustiges Stimmengewirr. Hinter den Parterrefenstern des Hotels glänzte helles Licht. Man feierte noch immer da drinnen.
Dörthe trat in den Schatten des Hauses und drückte sich dicht an die Wand, neben der breiten Treppe, die in das Haus führte. Hier lauschte sie angestrengt. Sie hätte gern noch einmal die Stimme ihres Fritz gehört. Aber es war unmöglich, denn jetzt hub im Saale auch eine lustige Musik an: Vietz mit zwei Geigern war da.
Unwillkürlich mußte Dörthe an jenes Erntefest zurückdenken, auf dem man ihre Verlobung gefeiert hatte. Eine ganze Reihe bunter Bilder schien an ihr vorüberzuflattern. Sie sah den Alten, wie er sie um die Taille faßte – sah sich mit Fritz tanzen, sah die Liese Braumüller und die ganzen jungen Burschen vor sich, hörte das Krachen des plötzlich losbrechenden Gewitters und die heisere Stimme des trunkenen Vietz das Lied „Hans mit de Krusekragen“ singen.... Und dann die Abschiedsstunde im Buchenhain. Es strömte brennend heiß durch Dörthes Herz. Da hatte er sie auf seinen Armen getragen, und sie hatte so sicher geglaubt, daß noch alles gut werden würde ...
Sie ging weiter. Tränen tropften über ihre Wangen. Plötzlich fiel ihr noch etwas ein. Sie hatte einen Brief in der Tasche, an Fritz adressiert, nur die Nachricht enthaltend, daß sie am Lindengrund in den See springen würde, weil sie nicht länger leben wolle – den sollten die Hochzeitsgäste vor der Hoteltür finden. Und sie machte nochmals kehrt, schlich sich wieder am Hause entlang, huschte rasch die Treppe hinauf und legte den Brief auf die innere Schwelle der offenstehenden Haustür.
Dann flog sie davon. Sie rannte die Chaussee hinab und schritt erst wieder langsamer aus, als sie in den Döbbernitzer Weg einbog.
Im Walde fürchtete sie sich. Die Mondstrahlen tanzten vor ihr im Sande, und von allen Seiten erklangen fremdartige Töne: Rauschen, Knacken und Ächzen. Irgend ein dunkles Getier flüchtete in der Ferne scheu über den Weg.
Dörthe begann wieder zu laufen. Einmal schrie sie laut auf; ihr eigner Schatten hatte sie erschreckt. Sie stürzte von neuem weiter, rechtsseitig hinein in den Wald – da mußte der See liegen! Ihr Herz klopfte zum Springen; sie war in Schweiß gebadet. Ganz plötzlich umflutete sie heller Mondschein – sie stand auf einer schneeüberwehten Lichtung, und unten schimmerte tiefschwarz der See.
Dörthe hatte atemschöpfend halt gemacht. Sie hatte ihr Kopftuch verloren; ihr Haar war aufgegangen und flatterte um ihre Schultern. Sie stierte mit großen, glühenden Augen auf das schwarze Wasser hinab. Es tobte und brodelte in ihrem armen Kopf, und durch ihr Hirn zuckten schmerzhafte Stiche. Ein unsägliches Grausen schüttelte sie – eine furchtbare Angst vor dem Tode und vor dem kalten Wasser. Sie wollte wieder zurück ...
Hinter ihr im Walde wurde es laut; er rauschte und knackte von neuem – ein Schwarzwild brach durch das Unterholz und jagte die Dohlen auf. Überall in und unter den Bäumen schien es lebendig zu werden ... Mit gellem Schrei stürzte Dörthe den Abhang hinab, und in vollem Lauf begann sie stammelnd ihr Lied zu beten: „O Vater der Barmherzigkeit ...“ Dann ein letzter Schrei – ein schweres Aufschlagen im Wasser, ein Gluckern und Wogenrollen ...
Im See bildeten sich längliche Kurven, die den glatten Spiegel trübten, sich weiter und weiter wölbten und schließlich allmählich verrannen. Aus dem metallenen Schwarz des Wassers leuchtete wieder das Abbild des Himmels hervor, der sternendurchglänzten Ewigkeit.