Das Mahl währte lange. Es wurde gewaltig gegessen und getrunken. Man hatte nicht gespart. In den Ecken des Saals häuften sich die leeren Weinflaschen an. Das Gesicht der Mutter Grödecke glühte wie von Flammen bestrahlt: ihr Mann hatte seinen Stuhl neben den Platz Alberts geschoben und sprach mit letzterem über die neue Fleischhalle, während ringsumher der Lärm der Tafelnden immer lauter anschwoll.
Um so stiller war es draußen. Die Nacht hatte sich über das Dorf gesenkt, aber es war hell, denn der Himmel war ausgesternt und der Mond aufgegangen. Der Mond hatte einstmals, vor Jahrhunderten, dies kleine Oberlemmingen entstehen sehen. Ein versprengter Wendenstamm hatte hier, auf den beiden Höhen, während das Tal selbst noch See war, seine Pfahlbauten errichtet. Und dann war das Wasser gefallen, und sässige Leute hatten sich angesiedelt und zum Pfluge gegriffen. Auf dem Baronshofe erhob sich das erste Schloß, mit festen Mauern und Wallgräben. Fremde Kriegsschwärme überfluteten das Land und brannten die Häuser nieder. Aber die Liebe zur Heimat war groß; aus Schutt und Trümmern erhob sich ein neues Dorf und ein neues Haus an Stelle des alten Schlosses. Die Zeit verrann. Auch auf dem Auberg wurde es wieder lebendig. Dort faßte zuerst die siegende Industrie festen Fuß, ehe sie zu Tal stieg. Vor ihrem Triumphschritt fielen die Katen der Taglöhner und die Bauernhütten; abermals brach eine neue Epoche an. Eine so rapide Veränderung, wie sie im Laufe der letzten beiden Jahre über Oberlemmingen gekommen, hatte der Mond noch nicht gesehen. Und doch war es erst der Anfang. Wenn bei Auf- und Niedergang abermals eine Reihe von Jahren verflossen ist, wird der Mond noch Erstaunlicheres schauen. Dann sind auch die letzten Bauernhäuser verschwunden, die heute noch stehen, und eine Villenstadt breitet sich unten im Tal aus, umringt von sauberen Parkgehegen, von geschorenen Wiesen, glatt und weich wie Samt, und von blühenden Bosketts, die in den Sommernächten duften. Das Dunkel des Abends kennt man nicht mehr in Oberlemmingen, denn die elektrischen Kugeln spotten der Nacht, und vor ihrem hellen, weißen Lichte erlischt der Mondenglanz. Vom Auberge aus bis zum Lemminger Zacken zieht sich durch das Grün der Anlagen eine ganze Reihe stattlicher Baulichkeiten, hübsche Chalets und Wohnhäuser, ärztliche Anstalten und Institute, die neuen Bäder, die Basarreihen, Hotels und Restaurants. Hie und da ragen hohe Türme in die Luft; die Fabrikschlote dampfen. An den Ufern der kleinen Barbe, die mit so silbernem Lachen das Tal durchströmt, sind elegante Kaie entstanden, mit breiten Promenadenwegen, Pavillons und Kiosken. Und eine bunte Menschenmenge, aus allen Weltgegenden herbeigeströmt, belebt dieses Bild; im Kurpark stauen sich die Massen und überfluten ihn; es wimmelt auf den Wiesen, im Walde und zwischen den Feldern. Wagen rollen hin und her. Überall Fremde ...
Das wird der Mond sehen, wenn bei Auf- und Niedergang abermals eine Reihe von Jahren verflossen ist. Doch nach den Bauern von Oberlemmingen wird er vergebens Umschau halten. Denn das Triumphgespann der Kultur gleicht dem Götzenwagen von Djaggernaut, dessen demantene Räder so strahlen und leuchten, daß man die Opfer kaum merkt, die sie auf ihrem Wege zermalmen.
Am Abend des Hochzeitstages ihres ehemaligen Bräutigams wurde Dörthe im väterlichen Hause vergeblich erwartet. Es war ihr ein schrecklicher Gedanke, immer wieder in das gramdurchfurchte Gesicht des alten Vaters blicken und die Weissagungen der Tante Pauline anhören zu müssen, die der Familie Möller aus Eiweiß und Kaffeesätzen und Traum- und Punktierbüchern heraus den fürchterlichsten Untergang prophezeite.
Während der Kirchenzeit hatte Dörthe in ihrer Kammer ununterbrochen geweint. Dann war Hedda zu ihr gekommen, hatte sich neben sie gesetzt und tröstend mit ihr zu sprechen versucht. Und wirklich war Dörthe ruhiger geworden, hatte Heddas Hand geküßt, ihr für ihren gütigen Zuspruch gedankt und war schließlich wieder still und emsig an ihre Arbeit gegangen.
Nun schritt sie, ein dickes Tuch um den Kopf gebunden, die Dorfstraße hinab. Sie trug sich schon seit einigen Wochen mit der Absicht, sich das Leben zu nehmen. Als der Gedanke an Selbstmord zuerst in ihrem wirren Kopfe aufgetaucht war, hatte sie sich davor erschreckt. Aber mit der Zeit hatte sie sich fester und fester in diesen Gedanken hineingelebt, ohne zu grübeln, immer nur das Ziel vor Augen, Fritz durch ihren Tod zu beweisen, wie lieb sie ihn gehabt hätte, und wie groß sein Unrecht gegen sie gewesen sei. Ihr Begriffsvermögen war zu beschränkt und die Empfindungswelt, in der sie lebte, zu einfach, als daß sie sich über den starren Trotz hätte klar werden können, der das leitende Motiv zu ihrem Entschlusse war. Sie wußte ganz genau, daß die gesamten Möllers der Ansicht waren, sie werde sich allmählich schon trösten; nun wollte sie ihnen zeigen, daß es anders sei. Sie bedauerte nur, daß sie den Schrecken der Möllers und das Gesicht Fritzens nicht mehr sehen könne, wenn man sie aus dem Wasser ziehen würde.
Sie war jetzt ganz ruhig und fast heiter. Sie hatte am Spätnachmittag noch eine Stunde im Gesangbuch gelesen. Ein altes Kirchenlied, das sie als Kind einmal auswendig lernen mußte, war ihr wieder in die Augen gefallen, und sie sprach es auch jetzt leise vor sich hin:
„O Vater der Barmherzigkeit,
Ich falle dir zu Fuße,
Verstoß mich nicht, der zu dir schreit
Und tut noch endlich Buße.
Was ich begangen wider dich,
Verzeih nur alles gnädiglich
Durch deine große Güte ...“