Als Eycken, vor dem Altare stehend, den Blick über die Gemeinde schweifen ließ, fiel es ihm auf, wie stark sie sich im letzten Jahr gelichtet hatte. Eine ganze Menge fehlte: die Familien Braumüller, Thielemann, Maracke, Klauert und auch Tengler, der gleichfalls nicht hatte der Versuchung widerstehen können und der goldenen Lockung Alberts zum Opfer gefallen war. Hellstern weilte bereits in Döbbernitz; wie Eycken gehört hatte, unterhandelte ein Berliner Arzt mit ihm wegen Ankaufs des Baronshofs. Sicher hatte auch hier Albert Möller die Hände im Spiel, freilich in aller Heimlichkeit, denn Hellstern wollte nichts mit ihm zu tun haben. Er wurde unbeschreiblich wütend, wenn man in seiner Gegenwart nur die Namen der Möllers aussprach.

Der Pastor hatte sich in letzter Zeit weniger um die Vorgänge in seiner Gemeinde bekümmert; sein Lieblingswerk, das ihm den Abend seines Lebens verschönen helfen sollte, der große Tempel, den er draußen auf der Heide der Barmherzigkeit errichtete, nahm ihn völlig in Anspruch. Jetzt aber, als er die Insassen des Dorfs um sich sah, empfand er zum ersten Male die klaffenden Lücken, die das Fieber der Spekulation und die Sucht nach raschem Erwerb in ihre Reihen gerissen hatte. Langsam färbte sein schönes Patriarchenantlitz sich dunkler. Sein Blick flog nach rechts, wo die Möllers saßen: das war die Bank der Sünder, das waren die Zertrümmerer seiner Gemeinde. In ihrer Hand war die goldene Axt der Industrie zu einem Mordwerkzeug geworden, zum Henkerbeil. Er entsann sich ähnlicher Vorgänge. An der Grenze der Lausitz hatte jüngst die Aufdeckung großer Kohlenlager eine ganze Gemeinde gewissermaßen verschlungen; man hatte die Felder verkauft und die Häuser niedergerissen, um der Erde ihre Schätze zu rauben, und da kam plötzlich der Rückschlag, und der Absatz begann zu stocken; Großindustrielle erwarben das ganze Gebiet, und die Gemeinde wanderte aus. Er entsann sich auch eines andern Falles schnellen Reichtums, der viel besprochen worden war, eines großen und köstlichen Waldes, den eine Gemeinde in der Mark geerbt hatte, und den sie schleunigst niederschlagen ließ, um sich die Säckel füllen zu können. Aber dieser gemordete Wald rächte sich; Trunksucht und Liederlichkeit rissen im Dorfe ein, die Familien verfielen, eine Zeit raschen Niedergangs begann. Überall, wo man den Bauern mit Gewalt seiner ursprünglichen Tätigkeit entfremdete, wo auf den Dörfern eine plötzliche Änderung der Erwerbsverhältnisse eintrat, zeigte sich das gleiche Resultat ...

Fritz Möller hatte sich zur Hochzeitsfeier einen Frack machen lassen, in dem er wie eine große und dicke Fledermaus aussah. Auch einen neuen Zylinderhut besaß er, und dennoch schien er sich sehr unbehaglich zu fühlen. Er blickte nicht vom Boden auf, während seine Braut, ganz in Weiß, was die schwarze Person nicht übel kleidete, die Augen frank und frei im Kirchenraume umherschweifen ließ, als suche sie den, der etwas wider sie und ihren Fritz zu sagen wage. Hinter dem Brautpaar hatte die Familie Platz genommen: die beiden Alten, Bertold mit seiner Frau und Albert. Albert mit zerstreutem Gesicht, wie gewöhnlich, und in der Tat wanderten seine Gedanken weit über die heilige Stätte hinaus und bauten Haus an Haus, das Sanatorium auf der Anhöhe des Baronshofs und ringsherum einen Kranz schöner Villen. Er hatte große Summen aufgenommen, aber auch an Sicherheit gewonnen. Er sorgte sich nicht mehr; er wußte nun, daß die Zukunft von Oberlemmingen den Möllers gehörte.

Eycken hatte auch diesmal das Bibelwort aus der Genesis gewählt, das er öfters seinen Traureden zugrunde zu legen pflegte: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehilfin machen, die um ihn sei ...“ Er sprach länger als sonst, und er bemühte sich, milde zu sein. Aber Fritz verstand seine Anspielungen. Er wurde bald rot, bald bleich und rückte unruhig auf seinem Stuhle hin und her, während Frida kerzengerade dasaß und den Pastor mit ihren Kohlenaugen unverwandt anstarrte. Auch die Gelegenheit, den Zersetzungsprozeß in der Gemeinde zu erwähnen, ließ Eycken sich nicht entgehen. Er hielt dem Brautpaare vor, daß ihnen beiden wie ihrer Familie durch die Entdeckung der Heilquelle ein großes äußeres Glück beschieden worden sei, doch sollten sie sich nicht von diesem Glücksfalle berauschen lassen und ihn auch andern teilhaftig machen. Und dann fuhr er fort: „Gleichwie aus der Erde tiefem Schacht neben der heilspendenden Quelle auch giftige Schwaden aufsteigen können, die das Land verseuchen; wie das Wasser selbst, wenn man seine Kraft nicht zügelt, mit brausender Gewalt den Boden zu unterhöhlen vermag, bis er eines Tages einstürzt und alles in die brodelnde Tiefe reißt, was oben trügerisch grünte – so sprudelt auch oft aus dem tiefen Schacht der Menschenseele ein ungebärdiges Wünschen auf, das stärker und stärker anschwillt, zerstört, schadet und niederreißt, wenn man sich nicht bemüht, es einzudämmen und seiner Herr zu werden. Anfangs lenkt vielleicht nur der Erwerbssinn und der Trieb der Selbsterhaltung diese Wünsche, aber allmählich tritt Mißgunst und Habgier dazu, und der schaffende Verstand artet in listige Ausbeutung aus, die geschickte Hand rafft allenthalben zusammen, was sie zu eignem Vorteil erreichen kann, und schont auch andrer Eigentum nicht. Im Herzen eines jeden von uns entspringt der Quell des Wünschens rein und kristallklar; doch ach, wie leicht wird er trübe, wenn sich Böses und Übles in ihn mischt, und wie braust er auf und übertönt das Gewissen, wenn man ihn ungehindert fließen läßt und zügellos nährt, bis er, gleich einem wilden Strome, alles Gute in uns überschwemmt! Gebt acht, daß ihr euer Wünschen zu bändigen versteht! Haltet ihn rein, den Quell eurer Hoffnungen – wie jenen, den Gottes Hand draußen im Felsgestein zum Heile der leidenden Menschheit hervorsprudeln ließ!“

Aber Albert Möller drehte an seinem Schnurrbart und zog den Mund schief. Stumm und gleichgültig blickten die andern drein. Die Braut stierte noch immer mit ihren schwarzen Kohlenaugen unbeweglich in das Gesicht des Pfarrers. Fritz hatte den Kopf gesenkt.

Den Möllers gegenüber, auf der linken Seite des Altars, saß die Familie Grödecke, Vater und Mutter und zwei Schwäger, alles ungeheure Gestalten mit roten Gesichtern, dick und protzig. Vater Grödecke hatte seine rechte, unbehandschuhte Tatze auf die Chorbank gelegt, so daß man den dicken goldenen Siegelring auf seinem Zeigefinger bewundern konnte. Dieser Ring glänzte hell im freundlichen Sonnenschein, wie einst das goldene Kalb geleuchtet haben mochte, das sich Israel als Götzen errichtete. Und während Eycken sprach, liebäugelte Herr Grödecke beständig mit seinem Siegelring, der ihm bei den aggressiven Worten des Pastors eine gewisse Beruhigung zu gewähren schien. Denn er wie die Möllers verstanden schon den Geistlichen; sie wußten, was er meinte. Aber es war kein einziger unter ihnen, der sich seine Ansprache zu Herzen genommen hätte. Auch Fritz nicht; in dessen Seele lebte nur der eine Gedanke: ‚Wenn es doch erst aus wäre!‘

Es dauerte auch nicht mehr lange. Beim Ringewechsel und der Fragestellung entstand ganz hinten in der Kirche, unter dem Orgelchor, ein Geräusch, das Eycken aufblicken ließ. Doch die Sonne blendete. Es schien ihm, als sehe er, halb verdeckt von einer der großen Säulen, die den Chor trugen, den alten Klempt, den seine Schwester Pauline zurückzudrängen versuchte. Dann fiel dröhnend die Orgel ein, und die Posaunen bliesen ...

Das Hochzeitsmahl fand selbstverständlich im Hotel Möller statt. Man hatte sich genötigt gesehen, auch Eycken einzuladen, der indessen abgesagt hatte. Das war allen lieb. So blieb man denn unter sich; von den Bauern war keiner gebeten worden.

Noch vor Beginn des Mahls tauschte man seine Ansichten über die Traupredigt aus. Die Männer standen alle zusammen in einer Ecke des großen Saals, in dem die Tafel gedeckt war: die von der Familie Grödecke mit vorgeschobenen Leibern, von weißen Westen umspannt, auf denen goldene Uhrketten flimmerten; daneben der alte Möller, schon wieder die Pfeife im Munde, mit seinem harten und eisernen Gesicht – der kleine Bertold, krumm, mit verschmitztem Blinzeln hinter der Brille, und Albert, schlank, sehnig und elastisch, ein brutales Kraftgefühl zur Schau tragend. Sie schimpften weidlich auf Eycken und in allen Tonarten; Albert allein meinte skeptisch:

„Was schert’s uns?! Laßt ihn doch reden!“