Und ruhig erwiderte der alte Mann:
„Entschuldigen Sie, Herr Pastor, aber nein – es ist nicht unrecht. Ich gehöre noch zu der alten Schule, und da haben die Kinder den Eltern zu gehorchen, wenn sie auch schon zehnmal erwachsen sind, denn sie bleiben die Kinder. Ich selbst habe meinen Eltern auch parieren müssen, als es zur Hochzeit ging, und hätte doch lieber eine andre geheiratet. Fragen Sie mal die Pauline Klempt, die kann Ihnen davon erzählen. Aber ich würde trotzdem nichts wider die Dörthe gehabt haben, wenn’s nicht von wegen der Quelle gewesen wäre. Es ist jetzt nicht mehr so wie früher. Aus dem Kruge ist ein Hotel geworden; schon letzten Sommer hat ein Postdirektor und ein Geheimer Rechnungsrat bei uns gewohnt. Es wird noch anders kommen. Da muß die Wirtin von besserem Herkommen sein als die Dörthe, muß was von der Wirtschaft verstehen und auftreten können. Und sie muß auch ihr Eingebrachtes haben. Denn Sie mögen mir sagen, was Sie wollen, Herr Pastor: was nutzt die ganze Liebe, wenn kein Geld dahinter steckt! Was heißt denn das mit der Liebe? Es find’t sich alles.“
Der Pastor hielt nicht damit hinter dem Berge, wie er über die eigenartige Auseinandersetzung Möllers dachte, aber es half ihm nichts. Die Entgegnungen des Alten bewegten sich immer in demselben Gedankenkreise. Ja, wenn die Quelle nicht wäre, da hätte man vielleicht ein Auge zugedrückt und nicht so aufs Portemonnaie und aufs Äußere gesehen. Aber nun mußte man es. Man brauchte viel Geld; es ging nicht anders.
Da wurde Eycken zornig und fragte Möller, ob er es auf seine Seele nehmen wolle, wenn Dörthe sich ein Leids antun würde – ob er es verantworten könne, wenn das Mädchen tiefer und tiefer ins Unglück käme.
Der Alte zuckte darauf mit den Achseln; sein Gesicht blieb hart wie Stein, brutal und grausam von Ausdruck, wie immer.
„Es gibt noch mehr Männer auf der Welt wie unsern Fritze, Herr Pastor,“ antwortete er. „Und will sie keinen andern, so läßt sie’s bleiben. Ihre Tante Pauline ist auch nicht gleich ins Wasser gegangen. Wenn sich alle Mädel hier bei uns hätten ersäufen wollen, die den nicht gleich gekriegt haben, den sie gerne hätten haben wollen – Herr Pastor, dann hätten wir überhaupt keine Weiber mehr im Dorfe!“
Eycken entließ Möller. Er wollte nichts mehr hören von ihm; er sah auch ein, daß jede Bemühung, den Hartkopf umzustimmen, vergeblich gewesen wäre. Aber er geriet von neuem in Zorn, als ein paar Tage nach jener Unterredung die Verlobung Fritzens mit der Schlächterstochter aus Frankfurt bekannt wurde und bald darauf auch der standesamtliche Namensaushang der beiden erfolgte. Der Sitte nach pflegte jeder Hochzeit ein dreimaliges sogenanntes Aufgebot von der Kanzel aus vorherzugehen, und Eycken freute sich jedesmal, wenn er um diese feierliche Ankündigung gebeten wurde; er liebte es, wenn man den hübschen alten Sitten, die noch aus der Zeit vor Einführung der Zivilehe stammten, Achtung entgegenbrachte. Fritz hatte aber diesmal absichtlich kein Aufgebot bestellt, und sein Vater war damit einverstanden gewesen. Albert riet sogar von einer kirchlichen Trauung ab, bei der man sich immerhin auf einige herbe Worte des Pastors gefaßt machen konnte. Doch davon wollte der Alte nichts wissen. Er steckte viel zu tief im Überlieferten, um nicht vor dem Gedanken zu erschrecken, daß sein Sohn ohne kirchlichen Segen in die Ehe treten sollte.
Es war ein unangenehmer Auftrag für Eycken, diese Hochzeitspredigt. Daß er die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen durfte, ohne seinem Empfinden über die Frivolität des plötzlichen Brautwechsels Ausdruck zu geben, war klar. Es hätte seinem ganzen Wesen widersprochen, wenn er mit linden Worten darüber hinweggegangen wäre. Auf der andern Seite scheute er sich aber vor Zank und Ärger. Es konnte neue Konflikte mit dem Konsistorium geben; die hätte er gern vermieden. Er dachte sowieso zuweilen daran, die Pfarre aufzugeben, um sich gänzlich seinem Kinderhospiz widmen zu können, dessen Einweihung im Frühjahr erfolgen sollte. Als letztes Aushilfsmittel wäre ihm schließlich immer noch das Vorschützen einer Erkrankung geblieben; dann hätte der Geistliche der Nachbarparochie die Trauung vollziehen müssen, aber solch eine Komödie dünkte Eycken unwürdig.
Die Hochzeit fand an einem kalten Novembertage statt. Es war früh Winter geworden, unerwartet schnell, ohne langsamen Übergang. Als man eines Morgens erwachte, war Schnee gefallen, und an den Bäumen, an denen zum Teil noch das bunte Herbstlaub hing, zeigten sich die ersten Eiskristalle. Aber der Himmel strahlte in lichtem und glänzendem Blau, und das ganze Kirchenschiff war mit heller Sonne erfüllt.
Fast die gesamte Gemeinde wohnte der Feier bei. Auch Dörthe hatte sich heimlich in die Kirche schleichen wollen, aber Hedda hatte es zu verhindern gewußt. Sie hatte das schreiende und weinende Mädchen mit raschem Entschlusse in ihre Kammer eingeschlossen.