„Mir ist die Sache allerdings langweilig geworden,“ schloß Schellheim, seine Serviette zusammenfaltend. „Ich sehe, daß sich das Unternehmen nicht auf der von mir gewünschten soliden und gediegenen Basis weiter entwickeln kann, wenn diese Pöbelgesellschaft immer dazwischenzureden hat. Paßt mir’s nicht mehr, so verkaufe ich meine Anteile und gucke mir von hier oben aus den Rummel in aller Beschaulichkeit an. Mag’s gehen, wie es will! Unerhört – ich – ich soll mich mit Bauernpack herumschlagen! Soll mich von solchem Gesindel betrügen lassen!“
Es war wirklich tragikomisch: der Herr Kommerzienrat, der Großindustrielle, stand im Begriffe, die Waffen vor einem raffinierten Bauernjungen zu strecken. Er hatte seinen Meister gefunden, wo er es am allerwenigsten geahnt hätte.
Gunther versuchte es mit einigen einlenkenden und beschönigenden Worten, aber er regte den Vater nur noch mehr auf.
„Lassen wir die Sache ruhn,“ sagte Schellheim. „Der Teufel soll nicht schlechter Laune sein, bei all dem Mißgeschick, das einem widerfährt! Was hab’ ich denn nun von euch Kindern?! Hagen heiratet ein Fabrikmädel, – riesengroß wird die Kluft zwischen ihm und uns, und wenn man sich auch hundertmal Mühe gibt, Brücken und Übergänge zu schaffen, die Entfremdung ist doch nicht wieder gut zu machen! Du gehst nach Spanien, Gunther, reißest uns von neuem aus – und auf Döbbernitz, das ich bereits in meinem Besitze sah, wo ich dir ein hübsches und trauliches Nest schaffen wollte, hat sich ein Fremder festgesetzt. Wenn’s wenigstens ein Wildfremder gewesen wäre – aber nein, ausgesucht gerade der Mann, der dir die Braut vor der Nase fortgeschnappt hat!“
Gunther zog die Stirn in Falten. Er war froh, daß die Rätin die Tafel aufhob. Es war kein allzu herzliches Abschiednehmen. Die Mutter weinte still in sich hinein, der Vater sah mürrisch aus. Wirklich – was hatte man von seinen Kindern!
Mit schwerem Herzen ging Gunther auf die Reise. Er hatte seine letzten Hoffnungen über Bord werfen müssen; ihm war recht traurig zumute. Und er nahm sich vor, sich mit verdoppeltem Eifer auf seine Studien zu werfen. Die Arbeit war das einzige Heilmittel.
Ende November fand die Hochzeit Fritz Möllers mit Frida Grödecke statt. Vorher hatte auf Bitten Heddas der Pastor einen nochmaligen Einspruch zu erheben versucht. Er beschied den alten Möller zu sich; er wußte ganz genau, daß der Alte allein das Machtwort sprechen konnte; er kannte seine Leute.
Möller kam auf der Stelle. Er hatte Respekt vor dem Pastor, war auch ein eifriger Kirchengänger.
Eycken sprach ihm zu Herzen. Es sei doch empörend, daß der Fritz ein so braves und liebes Mädchen wie die Dörthe Klempt unglücklich machen wolle. Es könne ja vorkommen, daß man in Ausnahmefällen einmal ein Verlöbnis rückgängig mache; wenn man beiderseitig fühle, daß man sich getäuscht habe, so sei ein Auseinandergehen schon besser als eine Heirat, der die höchste Weihe, die Liebe, fehle. „Aber in unserm Falle liegt die Sache doch wesentlich anders, lieber Herr Möller. Ich habe mit Dörthe gesprochen; sie sagt, nicht an Fritz, sondern an Ihnen liege die Schuld. Ich habe neulich auch einmal mit Ihrem Fritz gesprochen, als ich ihn zufällig traf, und er antwortete mir einfach: ‚Ich kann nichts dafür – der Alte will’s so.‘ Also die Tatsache steht fest: die beiden Menschen wollen sich angehören, und Sie treiben sie auseinander! Ist das nicht unrecht, Möller?“