„Hoffentlich lassen Sie einmal von sich hören, verehrtester Herr Doktor,“ sagte Hedda mit freundlichem Lächeln; „es braucht ja nicht gerade eine Ansichtspostkarte zu sein. Und wie würde ich mich freuen, wenn eines Tages die frohe Nachricht bei uns eintreffen wollte, daß Doktor Gunther Schellheim – ich brauche nicht auszusprechen – in Spanien sollen die Frauen leicht die Männerherzen entzünden. Lieber Doktor, wirklich, von Herzen würd’ ich mich freuen!“

Er preßte warm und fest ihre Hand.

„Ach, gnädiges Fräulein –“ antwortete er, aber er kam nicht weiter. Er würgte an den Worten; sie blieben ihm in der Kehle stecken. Und dann sprang er hastig die Verandatreppe hinab an den Wagen.

Noch mit dem Abendzuge wollte Gunther abreisen, zunächst nach Berlin. Es herrschte eine ziemlich trübe Stimmung bei der letzten Mittagstafel. Die Rätin hatte tränengerötete Augen, Gunther war still und in sich gekehrt, und auch der Kommerzienrat vermochte eine leichte sentimentale Regung nicht zu unterdrücken.

„Hol’s der Geier,“ sagte er plötzlich, als der servierende Diener das Zimmer verlassen hatte, und warf Messer und Gabel neben den Teller, „ich habe mir das alles ganz anders gedacht! Ich wollte Frieden und Ruhe für das letzte Dutzend Jahre meines Lebens haben, – deshalb zog ich mich vom Geschäft zurück. Wollte ganz philosophisch meinen Kohl bauen und mich an der Natur erfreuen, keinen Ärger mehr haben und nur das Nötigste vom Geschäfte hören – ja wahrhaftig, das war eigentlich meine Absicht! Und nun? Prostmahlzeit – nun macht mir die Quellengeschichte den Kopf wärmer, als es die bösesten Manchesterjahre zuwege bringen konnten!“

„Verzeihung, Papa, aber schließlich bist du doch selbst daran schuld,“ warf Gunther mit leichtem Lächeln ein. „Warum hast du nicht schlankweg jede Beteiligung an dem Badeunternehmen abgelehnt?“

„Das habe ich ja anfänglich getan, aber – siehst du, mein Junge, das verstehst du nicht! Das verstehst du nicht, weil du kein Kaufmann bist. Als ich sah, daß die ganze Geschichte in den Händen der Möllers hätte verhunzt werden können, da kribbelte es mir in den Fingerspitzen, da schäumten die kaufmännischen Blutpartikelchen in meinen Adern – da konnt’ ich mich nicht mehr halten. Es war ja ein glänzendes Geschäft – das ist es noch heute –, trotzdem reut’s mich, daß ich mich auf die Sache eingelassen habe! Nun ja – kurz heraus: es reut mich.“

„Und weshalb, wenn ich fragen darf?“

„Weil – ja, das ist ganz eigentümlich! Anfänglich hielt ich die Möllers für dickköpfige, beschränkte Bauersleute. Dann merkte ich, daß der Albert Möller es faustdick hinter den Ohren hat, daß er ein gerissener Patron ist. Und heute weiß ich, daß die ganze Sippe nichts taugt, von A bis Z nichts taugt, daß sie allesamt Gauner sind! Sehr interessant, wie sich so ein schlichter Bauersmann im Laufe der Zeiten verändern kann, wenn ihn der Satan der Geldgier packt. Denn Geldgier ist alles bei den Leuten; vom Nutzen der Industrie haben sie keine Ahnung, von irgendwelchen idealeren Motiven ist keine Spur bei ihnen – keine Spur!“

Der Kommerzienrat betonte diese letzten Worte und schüttelte dabei den Kopf. Er schien sehr mißgestimmt zu sein. Albert Möller hatte mit offenen Feindseligkeiten begonnen. Alle Tage kam es zu kleinen Reibereien. Er sperrte Wege ab, die über sein Land führten, und erlaubte sich im Hinblick auf verschiedene Lücken in seinem Vertrag mit Schellheim alle möglichen Eigenmächtigkeiten. Das erbitterte den Rat um so mehr, als er empfand, daß er sich in Albert getäuscht hatte. Dieser brave Bauerssohn war ein ganzer Filou. Schellheim hatte geglaubt, leichtes und bequemes Spiel mit ihm zu haben, und war in seinen Verträgen daher minder vorsichtig gewesen, als es sonst seine Art zu sein pflegte; das rächte sich nun. Er ärgerte sich auch über die erstaunliche Tatkraft Alberts. Überall mußte der Mann mit dabei sein. Wo nahm er nur alle die nötigen Gelder her?!