Er nahm sie in seine Arme und schloß sie an sich. Da ertönte ein dumpfer Fall, und entsetzt schrie Hedda auf.

Ein plötzlicher Schlaganfall hatte ihren Vater zu Boden geschmettert. Er stürzte um wie ein Baum, den der letzte Axthieb getroffen hat, und blieb regungslos liegen.

Vierzehntes Kapitel

In dem kleinen Häuschen Klempts war es sehr still geworden, seitdem in den Abendstunden nicht mehr der Singsang und das lustige Lachen der Dörthe zu hören war. Sie kam nur noch selten zum Vater, denn sie wollte nicht ausgefragt sein, und sie hatte auch für den mystischen Trost und die Ratschläge der Tante Pauline weder Sinn noch Verständnis. Es war gut, daß es auf dem Baronshofe so viel Arbeit gab. Das ließ sie wenigstens tagsüber nicht allzuviel zum Grübeln und Nachdenken kommen. Aber wenn sie zu Bett gegangen war, dann kamen Erinnerung und Schmerz mit arger Gewalt über sie, und in ihrer Kraftlosigkeit und ihrem Mangel an Beherrschung weinte sie sich allabendlich in den Schlaf. Sie härmte sich so, daß sie mager wurde; mit ihren eingefallenen Wangen und den tiefliegenden Augen war die frische Dirne von früher gar nicht wiederzuerkennen.

Auch Hedda hatte es aufgegeben, ihr Trost zu spenden. Es führte zu nichts; Dörthe brach dann immer von neuem in Tränen aus und wiederholte unter krampfhaftem Schluchzen, sie werde sich doch noch das Leben nehmen. In dieser Zeit hatte Hedda auch mit ihren eignen Angelegenheiten überreichlich zu tun. Der Schlaganfall, der den Vater getroffen hatte, bewies, daß er kränker war, als man bisher geglaubt hatte. Glücklicherweise hatte der Schlag nur die linke Körperseite gelähmt, Arm und Bein; Gehirn und Sprache hatten nicht gelitten. Aber der Koloß war nunmehr völlig bewegungslos geworden. Ein Krankenwärter wurde beschafft, der August unterstützen sollte; aus dem Bette wurde der Alte in den Fahrstuhl gepackt; er war nur noch eine Maschine, die von fremder Hand geleitet werden mußte. Seine Laune war schrecklich geworden; Hedda hatte viel unter seinen Wutausbrüchen zu leiden. Das Knurren, Wettern und Schimpfen ging den ganzen Tag hindurch; August war der einzige, der ihm mit seinem unversiegbaren Phlegma und seinem derben Humor standzuhalten vermochte. Seit man mit der Anlage der elektrischen Leitungen in Oberlemmingen begonnen hatte, trug sich Hellstern mit dem festen Entschlusse, den Baronshof zu verkaufen. Das war eine neue fixe Idee. Die Möllers wollten ihn langsam morden – das ließ er sich nicht gefallen. Aber die Möllers sollten auch den Baronshof nicht in ihre Hände bekommen; eher mochte das Haus einstürzen, und Eulen und Fledermäuse mochten in den Zimmern ihre Nester bauen. Die Möllers nie – und Hellstern schwur, wenn sie ihm auch eine Million auf den Tisch legen wollten, er würde sie mitsamt der Million aus der Tür werfen.

Hedda hatte mit Axel darüber gesprochen, was mit dem Vater zu machen sei. Der Arzt war der Ansicht, der Baron könne noch eine ganze Reihe von Jahren leben, wenn man durch geeignete Mittel der Wiederholung des Anfalls vorbeuge. Neben strenger Befolgung der ärztlichen Anordnungen gehöre dazu vor allen Dingen absolute Ruhe, Fernhaltung jedweder Aufregung, jedes Ärgers, jeder Gemütsbewegung. Das war nicht leicht bei dem alten Brummbär. Axel schlug vor, ihn mit dem Wärter und August und dem gesamten Material zu der geliebten Familiengeschichte nach Döbbernitz zu nehmen. Da hatte er die nötige Ruhe, hatte nicht beständig Oberlemmingen vor Augen, das mehr und mehr seine alte Dorfhülle fallen ließ und sich aus einer Raupe in einen schillernden Schmetterling verwandelte. Während der Hochzeitsreise sollte als weitere Pflegerin dann auch noch Tante Jutta aus Berlin nach Döbbernitz kommen, und wie sich im übrigen der geplante Verkauf des Baronshofs abwickeln werde, das werde man ja sehen, das könne man abwarten.

Wider Erwarten war der Alte mit allen diesen Vorschlägen sehr einverstanden. Besonders auf die Tante Jutta freute er sich und war neugierig, ob sie sich immer noch wie früher die Ohrlöckchen braun und das übrige Haar schwarz färbe und die kleine, rote Stupsnase weiß pudere. So siedelte er denn nach Döbbernitz über. Axel hatte einen großen geschlossenen Wagen geschickt, und bei der Fahrt durch das Dorf zog Hellstern auch noch die Fenstergardinen zu, damit er gar nichts von Oberlemmingen zu sehen bekomme. Damit hatte er abgeschlossen. Dieses Dorf, das sein Geburtsort war, und in dem Vater, Großvater und Urahn sich glücklich gefühlt hatten, existierte nicht mehr für ihn. Es war ja das alte Dorf auch nicht mehr. Es war ein ganz moderner Badeort.

Hedda blieb vorläufig auf dem Baronshof, aber täglich holte ein Döbbernitzer Wagen sie ab. Das gemeinsame Mittagsmahl nahm man gewöhnlich bei Axel ein, und das waren glückliche Stunden für Hedda. Sie gewann ihren Bräutigam täglich lieber, und auch auf den grimmigen Alten übte die stille, vornehme und liebenswürdige Art Axels einen sichtlich beruhigenden Einfluß aus.

Schellheims hatten sofort nach Bekanntwerden der Verlobung Heddas ihren Besuch auf dem Baronshofe gemacht. Er galt sowohl der Braut wie auch dem erkrankten Vater. Bei dieser Gelegenheit verabschiedete sich Gunther. Er hatte plötzlich einen neuen Plan gefaßt. Er wollte den Winter in Spanien verbringen, um dort Studien über die ältesten deutschen Drucker auf der iberischen Halbinsel zu machen; schon lange beschäftigte er sich mit Forschungen zur Druckergeschichte, für die er sich lebhaft interessierte.

Als der Kommerzienrat mit seiner Gattin bereits wieder in den Wagen gestiegen war, stand Gunther mit Hedda noch auf der Veranda. Sie hatte ihm die Hand gereicht.