„Ja – mit einem letzten Schandstreich entlaufen. Er trieb sich schon immer in Seelen herum, und man munkelte längst allerlei. Nun ist er mit der Woydczinska durchgebrannt. Wessels erzählte es mir. Vergangene Nacht haben sich die beiden auf die Socken gemacht. Die Woydczinska hat nichts mitgenommen als ihre Juwelen; aber zu guter Letzt noch eine hübsche Hypothek auf Seelen –“
Er brach plötzlich ab. Hedda war mit einem leisen Wehlaut vom Stuhl geglitten. Erschreckt sprang Axel hinzu und fing sie auf. Sie hatte sich bereits wieder gefaßt, mit aller Kraft gegen ihre Schwäche ankämpfend. Aber noch immer zitterte sie heftig, und krampfhaft biß sie die Zähne aufeinander, um nicht aufschreien zu müssen.
An den Lehnen seines Stuhls hatte sich mit schwerer Anstrengung auch Hellstern aufgerichtet. Entsetzt und drohend heftete sich sein Blick auf Hedda, und seine Rechte erhob sich bebend.
„Hedda,“ rief er, „du hast diesen Menschen – diesen Menschen geliebt?!“ Er achtete nicht auf die Anwesenheit Axels; ein wilder Grimm durchtobte seine Brust und schüttelte ihn. Eine Flut von Anklagen traf Hedda. „Ich sehe jetzt klar – ganz klar,“ fuhr er mit heiserem Auflachen fort; „ich weiß jetzt auch, warum du Klaus immer so warm verteidigtest, – war ich denn blind, daß ich nicht in der Seele meines eignen Kindes lesen konnte?! Axel – tritt neben mich – laß sie los! Es geht nicht an, daß du dich noch weiter ihr Verlobter nennst, ehe sie uns Erklärungen gegeben hat.“
Hedda selbst machte sich frei aus den Armen Axels. Sie hatte ihre Ruhe und die Klarheit des Denkens wiedergefunden. In der heißen Not dieser Stunde wuchs ihre Kraft. So ernst der Ausdruck ihres Gesichts auch war – es lag zugleich etwas wie das frohe Glück endlicher Erlösung auf ihren Zügen.
„Ich leugne nicht, Vater,“ sagte sie. „Ja, ich habe Klaus geliebt, und aus Furcht vor deiner Heftigkeit habe ich es dir verborgen und nur den Pastor zu meinem Vertrauten gemacht. Wie ich gelitten habe unter dieser Liebe, und wie ich zu kämpfen hatte, eh ich mich zur Entsagung durchzuringen vermochte – das erlaß mir, zu schildern – du würdest mich doch nicht verstehen. Daß ich mich nie an einen Ehrlosen hängen würde, wußtest auch du. Aber ich erfuhr von seiner Schmach erst, als ich ihm nur noch zur Flucht verhelfen konnte. Du sowohl wie der Pastor, ihr ahntet schon längst, was ihn belastete, doch ihr habt euch immer nur in dunkeln Andeutungen ergangen, statt mir die Wahrheit zu sagen. Und vielleicht hätte ich euch auch dann noch nicht geglaubt; erst sein eigner Mund mußte mir beichten.“
Sie wandte sich, stetig ruhiger werdend und gleichmäßiger sprechend, an Axel.
„Das ist gestern geschehen,“ fuhr sie fort. „Als ich von Döbbernitz heimkehrte, fand ich seinen Hilferuf vor. Ich hatte gehofft, Klaus sei schon in weiter Welt, und ich ging mit schwerem Herzen zu dieser letzten Besprechung, die ein Abschied für ewig war. Ich weiß auch jetzt noch nicht, ob es unrecht war, daß ich dir nicht vor unsrer Verlobung von dieser ersten gescheiterten Liebe gesprochen habe, Axel. Aber das weiß ich, daß es mich mit unwiderstehlicher Kraft dazu trieb, dir mein Jawort zu geben. Es drängte mich, mir in deinem Glücke ein eignes zu schaffen und vergessen zu lernen. Ich sehnte mich nach einem treuen und guten Herzen und nach einer Seele voll ritterlicher Empfindungen und voll Lauterkeit, denn ich war wie niedergebrochen und fühle mich wie – beschmutzt. Habe ich wirklich unrecht getan, Axel, so vergib mir – und laß mich frei.“
Kopfschüttelnd und mit mildem Lächeln trat er wieder an ihre Seite und nahm ihre Hände.
„Nein, Hedda,“ sagte er, „du bist mein, und ich gebe dich nicht mehr frei. Weniger jetzt denn je, da ich dein armes Herz zu heilen habe und du eines Freundes bedarfst. Denn ich bin ja nicht nur dein Bräutigam, Hedda – ich gebe dir auch deine Freundschaft vieltausendfach zurück. Glaube an mich und vertraue mir, und du wirst genesen!“