Bertold hatte schweigend zugehört. Er war, wie Albert, längst der Bauernsphäre entwachsen, und auch er war ein heller Kopf. Geldverdienen war seine Losung. Seit er sich mit der ältesten Tochter des Getreidehändlers Ring in Zielenberg verheiratet, die ihn zweimal hintereinander mit Zwillingen beschenkt hatte, war sein Erwerbsfieber noch gewachsen. Man mußte doch für die Seinigen sorgen! Er lieh auch Geld auf Pfänder und machte dann und wann kleine Wuchergeschäfte mit den Inspektoren der Umgegend. Er begriff schon, was Albert wollte, und glaubte an dessen Stern. Aber eine heimliche Angst peinigte ihn dennoch: die, daß Albert ihn betrügen könne.

Auch Fritz und der Alte sagten nichts. Doch man sah es ihnen an, daß der Zukunftsgalopp Alberts nicht nach ihrem Sinne war. Sie steckten bei aller natürlichen Gerissenheit doch noch zu tief im Bäurischen, um sich mit den Spekulationsideen Alberts befreunden zu können. Vor Schuldenmachen hatten sie eine grimmige Angst; man gab das Geld fort und hatte auch noch die Zinsen zu bezahlen. Und sie fürchteten, daß die ungeheuern Summen, die Albert aufnehmen wollte, sie alle ersticken und erdrücken würden.

Ein Lärm in der Schenkstube, die schimpfende Stimme der alten Möllern und das laute Weinen Dörthes störten die Konferenz. Fritz erhob sich, um nachzusehen, was es gebe. Dörthe hatte eine Flasche mit Himbeerlikör vom Schenktisch gestoßen; die Flasche war zerbrochen, und der rote Saft floß träge über die schwarzen, mit Sand bestreuten Dielen. Und da hatte die Möllern der Dörthe in ihrer zügellosen Heftigkeit eine derbe Ohrfeige gegeben und schimpfte in unflätiger Weise auf sie los.

Dörthe stand an der Wand und hielt den Zipfel ihres Kleides vor das Gesicht. Sie schluchzte so, daß ihre ganze Gestalt zitterte – nicht aus Schmerz, sondern aus Scham, vor allen Leuten gezüchtigt worden zu sein. Jeder schaute zu ihr hinüber. Braumüller, Raupach und Tengler, die „Schafskopf“ spielten, hielten im Spiel inne, und der alte Maracke schritt gutmütig auf sie zu und sagte:

„Nanu, flenn man nich, Dörthe – es is doch nich so schlimm! Bis du heiratst, is die Backe wedder gutt! ...“

Aber auch Fritz schimpfte. So was Ungeschicktes wie die Dörthe sei noch nicht dagewesen. Als ob der Himbeerlikör kein Geld koste. Und das wolle einmal eine tüchtige Hausfrau werden! Nee – da werde er es sich doch noch lieber bedenken ...

Dörthe schlich, ohne zu antworten, hinaus. Sie weinte noch immer, während sie langsam die paar Steinstufen hinabstieg, die zu der Haustür führten, und dann durch die Dorfstraße schritt. Sie weinte ganz leise vor sich hin. Daß die Möllern grob und roh war, wußte sie ja – das war ihr nichts Neues. Die wollte überhaupt nichts von der Heirat wissen. Aber das Benehmen Fritzens tat ihr weh; ihr Herz sprang und zuckte. Sie liebte den großen Burschen mit seinem wirren Blondkopf und den blauen Augen doch so sehr.

Der Abend war wundervoll. Die Sterne flimmerten hell am Himmel; die Milchstraße leuchtete wie Opal. Und durch das ganze Dorf wehte der frische Duft der Wiesen, die sich dreißig Morgen weit längs der Barbe hinzogen.

Plötzlich, gegenüber dem Pastorhause, durch dessen Fenster helles Licht schimmerte, blieb Dörthe stehen. Ihr fiel auf einmal ein, was Tante Pauline von ihrem letzten Traum erzählt hatte. Ein Gewitter war heraufgezogen, und dann hatte es eingeschlagen. Das bedeutete Unfrieden und Ärger. Und so war’s auch gekommen.

Beim Lehnschulzen schlug der Hofhund an. Ein zweiter antwortete, der große Köter Marackes mit seinem heiseren Baß. Aus der Ferne, vom Dorfende her, kläffte die helle Stimme des Nachtwächterhundes dazwischen. Ein vierter und fünfter fiel ein. Alle Hunde im Dorfe begannen zu bellen.