Darauf war nichts zu erwidern. Die Brüder kannten den Alten. Machten sie Schwierigkeiten, so konnten sie auf endlose Prozesse gefaßt sein. Und verlor der Alte auch wirklich, der Ruf des Unternehmens stand in Gefahr.
Albert setzte sich wieder.
„Also abgemacht: in vier Teile,“ wiederholte er. „Ich werde morgen mit Rechtsanwalt Felitz sprechen. Und nun zur Sache selbst. Es muß Reklame gemacht werden. Professor Statius will in der ‚Medizinischen Wochenschrift‘ über seine Analyse berichten. Den Artikel lass’ ich an alle großen Zeitungen schicken. Klappern gehört zum Handwerk. Dann das nötige Geld, um alles instand zu setzen ...“
„Ja, das Geld,“ warf Bertold nickend ein.
„Wir brauchen etwa 300000 Mark ...“
„Ihr seid wohl verrückt!“ fuhr der Alte auf.
„Das ist noch nicht einmal hoch gerechnet,“ entgegnete Albert lächelnd. „Laß man, Vater, darin hab’ ich meine Erfahrung! Das Geld wird beschafft werden. Ich habe die Frankfurter Produktenbank hinter mir, will auch mal zu Schellheim gehen. Es muß ein Konsortium gebildet werden – mit guten Namen –, ein paar Finanzleute, einige Ärzte und ein Adliger an der Spitze. Ich will morgen auf den Baronshof. Hellstern wird leicht zu kriegen sein. Und dann muß ein Sanatorium begründet werden ...“
„Ein –?“ fragte der Alte.
Albert winkte mit der Hand. „Du wirst schon verstehen lernen, Vater. Warte man ab. Ich entwickle nur so meine Ideen. Der ‚Krug‘ muß ausgebaut werden – zu einem Hotel. Dann brauchen wir Logierhäuser, neue Wege, Pflasterung, eine Brauerei, vielleicht auch Gas. Aus der Buchhalde muß der Kurpark werden. Ein großes und vornehmes Kurhaus bauen wir späterhin. Rings um die Quelle wird eine Art Tempelbau errichtet, mit Säulen, das muß elegant aussehen. Bertold kann hier einen Basar errichten; dann müssen wir einen Fleischer heranziehen, Bäcker, Konditor und andre Professionisten. Das wird sich alles entwickeln ...“
Er steckte die Zigarre wieder in den Mund und schaute einen Augenblick sinnend den im Halbdunkel des Zimmers zerrinnenden Rauchwölkchen nach. Er war ein geborener Spekulant. Seine kühne Phantasie und seine wagmutige Frechheit ergänzten, was ihm an Bildung fehlte. Er war ein schlechter Arbeiter gewesen, als er nach Frankfurt gekommen, aber er besaß ein gewisses Organisationstalent, und er hatte auch Glück. Seine Häuser vermieteten sich schnell. Er baute unsolid, stattete jedoch die Wohnungen mit oberflächlicher Eleganz aus, mit Stuck an den Decken, Kassettierungen, hübschen Öfen und Tapeten. Es war ihm sogar gelungen, sich am Bau der neuen Kaserne für die Albrecht-Dragoner beteiligen zu dürfen, und er hatte ein gutes Stück Geld dabei verdient. Aber all das waren nur vorbereitende Kleinigkeiten für ihn. Er wollte viel höher hinaus. Er plante unausgesetzt, er baute in Gedanken – im Traume selbst – Riesenpaläste und halbe Städte. Oberlemmingen stand in der Zukunft schon fix und fertig in seiner Phantasie. Kein Dorf mehr, sondern ein moderner Kurort. Die kleinen Häuschen und Lehmbaracken mit ihren gelbgrauen Strohperücken waren verschwunden – eine ganze Reihe von Villen erhob sich an ihrer Stelle: niedliche Chalets im Schweizerstil, dazwischen ein paar holländische Bauernhäuser, ein norwegisches Blockhaus, eines nach russischem Muster, mit gemalten Balken. Albert sah das alles schon vor sich. Er sah auch den Quellentempel inmitten blühender Anlagen, im Grün des Kurparks, und das Möllersche Hotel an der Chaussee, die in einer halben Fahrtstunde nach Zielenberg führte, wo sich drei Bahnstränge kreuzten. Die Lage war günstig. In fünf Jahren, taxierte Albert, mußten die Möllers sich Oberlemmingen erobert haben.