„Natürlich,“ entgegnete Hagen; „du wirst mit den Hellsterns nicht warm werden.“
Gunther widersprach. Man müsse die Leute nehmen, wie sie seien. Ansicht gegen Ansicht.
„Ich glaube auch, daß dem Widerstreben des Barons noch andre Befürchtungen zugrunde liegen. Er ist zu klug und zu weltreif, um der Kultur Dämme zu wünschen. Nein, das ist es nicht! Seine persönlichen Empfindungen mögen ja auch mitsprechen. Er liebt es nun einmal nicht, von einem Schwarm fremder Sommergäste umgeben zu sein. Was aber die Hauptsache ist: sein alter Besitz liegt ihm noch immer sehr am Herzen, und er fürchtet, daß die Bauern sich den Segnungen der Kultur, in diesem Falle der Heilquelle, noch nicht reif genug erweisen werden.“
Der Rat schüttelte, einen ironischen Zug um den Mund, den Kopf, und der grimme Hagen lachte fröhlich auf.
„Nimm mir’s nicht übel, Gunther,“ rief er, „das ist eine absonderliche Idee! Was heißt denn das: noch nicht reif? Soll die Kultur vor der Türe warten, bis auch der letzte Schafskopf ihr gütigst den Eintritt erlaubt? Als die Eisenbahnen aufkamen, wetterte und wütete der damalige Verkehrsminister gegen die neue Erfindung, weil er fürchtete, sie würde die Postinstitution ruinieren. Was schadet es denn schließlich, wenn wirklich ein paar Bauern zugrunde gehen, wo auf der andern Seite der ganzen Menschheit gedient wird?“
„Gewiß,“ fügte der Rat hinzu und faltete seine Serviette zusammen. „Jeder Fortschritt ist im Grunde genommen brutal. Er reißt nieder, um neu aufzubauen.“
Gunther errötete leicht. Er sah ein, daß er sich in der Verteidigung der Insassen des Baronshofs vergaloppiert hatte, daß seine Argumente nicht stichhaltig waren. Aber er wollte es nicht zugestehen.
„Ich bin nicht ganz eurer Ansicht,“ erwiderte er. „Nur der stetige Fortschritt bringt Segen. Selbst Guttaten wie die Emanzipation der Bauern und die Aufhebung der Leibeigenschaft haben unsägliches Unglück im Gefolge gehabt, weil sie zu unvorbereitet kamen.“
„Das ist das, was ich sagte,“ bemerkte Schellheim. „Die Kultur reißt Löcher, schließt sie aber auch wieder.“
„Deshalb kann man immerhin die Opfer der Kultur bedauern,“ entgegnete Gunther etwas kleinlaut. „Es tut mir leid, daß der Besitz der Quelle nicht in verständigen Händen ruht. Vor allen Dingen kann ich aus persönlichem Empfinden Herrn von Hellstern nur zustimmen; ich würde es auch lieber sehen, wenn ich bei meinen Besuchen in Oberlemmingen nicht auf Schritt und Tritt auf Kranke und Sommerfrischler stieße.“