„Mahlzeit,“ sagte der Rat und erhob sich. Der Diener zog den Stuhl seines Herrn zurück. Man trank den Kaffee stets gleich nach dem zweiten Frühstück auf der ersten Terrasse. Dort war bereits der Tisch unter einer blauweiß gestreiften Markise gedeckt. Ein Licht und zwei Zigarrenkisten standen zwischen Tassen und Tellern. Das Licht brannte, aber man sah die Flamme kaum in der blendenden Helle des Tages.
Während Schellheim sich eine Zigarre anzündete, nahm er das Thema von vorhin wieder auf. Er wandte sich direkt an Gunther, dem Hagen soeben eine Papyrus aus seinem Tulaetui anbot.
„Ich will dir was sagen, mein Junge,“ begann er – das war eine stehende Redewendung von ihm –, „wenn sich die Quellengeschichte wirklich günstig entwickelt und sich nicht noch nachträglich als Mumpitz herausstellt – ich fürchte es beinah’, ich trau’ der Sache nicht so recht –, na, das wäre auch für uns nicht so übel. Durchaus nicht. Denk mal, wie Grund und Boden steigen wird, wenn hier erst die Leute zusammenströmen und Obdach und Nahrung haben wollen! Auch die Produktenpreise werden in die Höhe gehen – ich meine, liebe Jenny“ – er wandte sich an seine Frau –, „wir könnten ganz gut noch die sechs Morgen Wiesenland an der Barbe zum Gemüsegarten schlagen.“
Und ohne die Antwort der Rätin abzuwarten, die nur den Kopf neigte und dann weiter die Tassen füllte, fuhr er lebhaft fort:
„Was mich grimmt, ist lediglich die Dickköpfigkeit der Möllers. Zwölftausend Mark ist ein Stück Geld für die paar Buchenkuscheln. Ich glaube, die Möllers witterten damals schon die Heilkraft der Quelle – kann mir’s sonst nicht erklären, warum sie so stätisch blieben! Na, ich bin neugierig, was sie machen werden! Ich habe mir’s überlegt: ich misch’ mich nicht ’rein. Sie können mir kommen, wenn sie wollen ... Wie ist’s, Kinder, wollt ihr wirklich mit dem Abendzuge zurück?“
Die Brüder bejahten. Sie hätten beide zu tun. Hagen erzählte von großen Aufträgen aus Amerika, deren Effektuierung Beschleunigung verlange. So kam „das Geschäft“ auf die Tagesordnung; der Rat wollte Einzelheiten wissen, und Hagen zog sein Notizbuch aus der Tasche.
Inzwischen erhob sich Gunther und trat an die Sandsteinbalustrade heran. Der Ausblick von der Höhe bot seltene Reize, und sie wechselten je nach der Beleuchtung. Jetzt, im prallen Glanze der Mittagssonne, war die ganze Landschaft in ein weißliches Gelb getaucht. Ein blonder Schimmer lag über den Ährenfeldern, in die Kolonnen von Schnittern weite, zackige Lichtungen schnitten, denn heute früh hatte man auch auf dem Augute mit der Ernte begonnen. Auf den Wiesen tönte sich das weißgelbe Licht zu einem ganz hellen und zarten Grün ab, und an der waldbesetzten Bergreihe am Horizont mischte sich noch ein leichter blauer Ton hinein.
Gunther schaute nach der Seite hinüber, wo der Baronshof lag. Man sah aus dem Dunkel der alten Bäume nur einen kleinen Dachteil des Herrenhauses hervorlugen, ein paar hundert braunrote und geschwärzte Ziegel. Aber vor dem Auge Gunthers öffnete sich der Vorhang aus grünem Laub, und es schien ihm, als sehe er das ganze alte Haus vor sich liegen und oben auf der Veranda eine große Mädchengestalt in hellem Gewande, die ihm mit freundlichem Lächeln zunickte. Hedda hatte ihm sehr gefallen. Er war noch nicht auf die Idee gekommen, sich ein weibliches Idealbild zu konstruieren, aber er meinte, so wie Hedda, so ungefähr müsse sein Ideal wohl ausschauen. Und er warf plötzlich mit ärgerlicher Gebärde den Rest seiner Zigarette über die Balustrade. Wirklich, er ärgerte sich über seine dummen Gedanken!
Hinter ihm ertönte eine fremde Stimme. Der Diener hatte Herrn Bauunternehmer Möller angemeldet.
Der Kommerzienrat horchte auf, als er den Namen vernahm. Einer von den Möllers – aha, man „kam“ ihm schon! Ein breites Lächeln trat auf sein Gesicht.