Baron Hellstern war ein Sechziger mit rotbraunem, gesundem Gesicht, kurz geschorenem weißem Haar und langem, grauem Vollbart. Augenblicklich trug er eine Brille; dunkelblaue, sehr klare Augen blickten durch ihre Gläser. Trotz mäßigen Lebens und vieler, erst in letzter Zeit durch sein Leiden beeinträchtigter Bewegung hatte er schon frühzeitig das leibliche Erbe der männlichen Hellsterns übernehmen müssen: eine lästige Korpulenz. Der Baron war, wenn er aufrecht stand, eine kolossale Erscheinung – sehr groß, mit der Schulterbreite eines Enaksohns und falstaffischem Leibesumfang. In früherer Zeit hatte man Wunderdinge von seiner Körperkraft erzählt; jetzt nagte der Wurm an der nordischen Eiche.

Er arbeitete. Seit er die Landwirtschaft aufgegeben, hatte er sich mit Leidenschaft auf ein andres Steckenpferd geworfen. Er schrieb im Auftrage eines Lehnsvetters, seines letzten männlichen Verwandten von der schwedischen Linie der Familie, an einer Chronik seines Geschlechts.

Schon als junger Offizier, als sein Vater noch lebte und den Baronshof bewirtschaftete, hatte er sich lebhaft für die Familiengeschichte interessiert und an Quellen dafür zusammengebracht, was er nur fand. Nach dem Verkauf seiner Ländereien begann ihn die Langweile zu packen; anfänglich nur, um seine Mußestunden auszufüllen, ging er an das Sichten und Ordnen des im Laufe der Zeit gewaltig angewachsenen Materials. Die lateinischen Codices übersetzte ihm der Pastor, bei den französischen und schwedischen Schriftstücken half ihm Hedda. Die Hellsterns oder Hellstjerns, wie sie sich ehemals schrieben, waren allerdings schwedischer Abstammung, aber seit dem Großen Kurfürsten seßhaft in der Mark. Mit den Wrangels und Sparres und Crusenstolpes waren sie dazumal nach dem Brandenburgischen gekommen. Und in der Dauer dreier Jahrhunderte hatten sie ihre Muttersprache vergessen. Nun lernten die beiden letzten Abkömmlinge jenes ersten Hellstjern, der unter dem brandenburgischen Roten Adler gedient hatte, aus Liebe zu ihrem Geschlecht noch nachträglich die einschmeichelnd klingende, melodiöse Sprache der Ahnen. Sie lernten tapfer – Hedda sowohl wie der alte Brummbär, ihr Vater, dessen Ausdauer und Zähigkeit gleich bewunderungswürdig waren wie sein ausgezeichnetes Gedächtnis. Die Akten vergangener Jahrhunderte, Ritter- und Lehnsbriefe mit ihrem antiquierten Schwedisch, machten ihnen unendlich viel Mühe; aber sie rangen sich durch und freuten sich wie die Kinder, wenn sie wieder einmal einen Berg staubiger Faszikel bewältigt hatten.

Eines Tages war der Baron auf einen guten Gedanken gekommen. Das vorhandene Material genügte ihm noch nicht. Da fiel ihm ein, daß im Freiherrnkalender neben seinem Namen noch ein andrer stand, der folgendermaßen lautete: Axel Freiherr von Hellstjern, geboren 18. Juni 1865 (Sohn des Geheimen Konferenzrats Frederik Jasper v. H., Gesandten zu Kopenhagen, dann in Paris, und der Leontine, Gräfin von Hetfried), Königl. schwed. Kammerjunker, Erbherr auf Jarlsberg, Valö und Brennwolde.... Dieser junge Mann war der letzte Hellstjern von der schwedischen Linie, wie der Besitzer des Baronshofs der letzte der märkischen Linie war. Jarlsberg – das wußte der Baron – hieß das uralte Stammschloß des Geschlechts; es lag hoch oben an der Felsküste Schwedens, von weißem Meeresgischt umspült, ein Denkmal aus grauer Zeit, da man mit der Baronskrone auf dem blonden Haupt noch ungestraft seeräubern konnte. In den Archiven der Burg schlummerte vielleicht auch noch mancher litterarische Schatz, der für die Geschichte des aussterbenden Hauses von Wichtigkeit war.... Der Freiherr schrieb an den jungen Vetter. Lange blieb die Antwort aus. Dann trafen große Kisten ein, mit Büchern, Papieren und Dokumenten bis obenhin vollgestopft, und dazu ein liebenswürdiger Brief des Herrn Axel: er habe alles zusammengesucht, was er im Interesse der Chronik habe auftreiben können, und stelle es dem werten Herrn Vetter mit Freuden zur Verfügung. Ja, noch mehr: er nehme selbst einen so großen Anteil an der Familiengeschichte, daß er den Herrn Vetter bitte, irgend eine geeignete Kraft ausfindig zu machen, die jene Chronik zu Ehren des Hauses Hellstjern verfassen könne. Gern willige er in ein Honorar von zehntausend deutschen Reichsmark.

Das konnte der Axel von Jarlsberg, denn er war ungeheuer reich. Und nun gedachte der Baron, sich jene Summe selbst zu verdienen. Er hätte sich unter andern Verhältnissen sicher gegen die „Soldschreiberei“ gesträubt, aber der Gedanke an Hedda und ihre Zukunft unterdrückte seinen törichten Stolz. Zudem war er mit ganzer Seele an der Sache. Er saß von früh bis zum späten Abend an seinem wunderlichen Schreibtisch, beständig rauchend und halblaut vor sich hinsprechend, blätternd, studierend, prüfend und ordnend. Das Fenster vor ihm stand immer offen, und wenn ihn draußen ein piepsendes Sperlingspaar oder ein gackerndes Huhn störte, so warf er zuweilen mit dem Wörterbuche danach; dann scholl seine Klingel durch das Haus, und August, der Diener, mußte den Sprachschatz wieder ins Zimmer holen.


„Puh,“ sagte Hedda, als sie bei dem Alten eintrat, „Vater, dein Tabak ist furchtbar! Die Pfeife qualmt ordentlich und – ich weiß nicht, riecht denn jeder Tabak so stark?“

„Der vom Kommerzienrat drüben wohl nicht,“ antwortete der Baron, ruhig weiterschreibend; „aber der hat’s auch dazu, sich Havannazigarren leisten zu können.... Hederle, es ist gut, daß du kommst. Ich werde aus der Verwandtschaft nicht klug. Die Leute heißen alle Axel, und bei den meisten folgt nicht mal ein zweiter Vorname hinterher. Hilf mir ein bißchen!“

„Nachher gern – jetzt geht’s nicht! Zupf dich ein wenig zurecht, Väterchen – Schellheims sind auf der Visitentour. Ich habe ihren Wagen vom Fenster aus erkannt ...“

Der Baron spritzte den Gänsekiel aus, dessen er sich bediente, warf ihn hin und lehnte sich im Sessel zurück.